Grenzen | Borders Reportage

Grenze #6.1 Moldova – Gagausien

Im Süden von Moldova lebt ein christliches, türkischsprachiges Volk mit gutem Draht nach Moskau. Es hat seinen eigenen kleinen Staat.

Ausreise aus: Taraclia, Rayon Taraclia, Moldova
Einreise nach: Cazaclia, Republik Gagausien, Moldova
Benötigte Dokumente: keine
Wartezeit: 0 min
Distanz ab Bern: 2346 km
Überquert am 04.06.2017, 16:30 Uhr
Bewertung: 3/10
Beschreibung:

Der Name dieses Landes klingt schon ein bisschen wie ein Witz (Gaga-Land) oder einfach erfunden. Die Gagausen aber gibt es, und sie meinen es auch ernst mit ihrem eigenen Staat. Besonders ernst meinten sie dies zu Beginn der 1990er Jahren. Damals tobten nach dem Zusammenbruch des Sozialismus vielerorts ethnische Konflikte, jener der Gagausen ging in der Masse unter. Mittlerweile haben die Gagausen aber den Traum der vollständigen Unabhängigkeit aufgegeben und sich mit einer weitgehenden Autonomie abgefunden. Diese erlaubt ihnen unter anderem, eigene Beziehungen zu anderen Ländern zu unterhalten. Dies betrifft insbesondere Russland, mit dem sich die Gagausen nach wie vor stärker verbunden fühlen als mit Moldova.

Diese Verbundenheit äussert sich auch in der Sprache. Die gagausische Sprache existiert zwar, sie ist mit dem Türkischen nahe verwandt. Eine Frau, die neben mir im Bus sass, erklärte mir deren Verwendungszweck: Nur in Istanbul, oder in Moldova als Geheimsprache. Sonst sprechen die Gagausen untereinander Russisch. Die Amtssprache Rumänisch (bzw. Moldauisch, wie sie auch genannt wird) können die wenigsten.

Eine „Passport Party“ konnte ich an den Grenzen Gagausiens leider nicht feiern. Zwar stehen teils beeindruckende Hinweisschilder und Flaggen an den „Grenzübergängen“, aber Kontrollen gibt es keine. Es wäre auch ein Wahnsinn: Gagausien ist ein Flickenteppich aus zahlreichen kleinen Exklaven im Süden Moldovas, entlang der ukrainischen Grenze. Ich reiste von der Ortschaft Taraclia her nach Gagausien ein, das erste Dorf war Cazaclia. Darauf folgte mit Corten wieder ein normales moldauisches Dorf, und danach ging es wieder nach Gagausien.

Lage Gagausiens im Süden Moldovas

Auch Taraclia hat übrigens einen speziellen Status: Es ist der Hauptort eines mehrheitlich bulgarischen Rayons, der extra geschaffen wurde, um den Bulgaren Moldovas eine Heimat zu geben. Dieser Rayon ist noch zerstückelter als Gagausien. Von der bulgarischen Identität ist aber wenig zu spüren – ausser der russischsprachigen Ankündigung, dass Taraclia das Zentrum der Bulgaren Moldovas sei, und einem Plakat mit der nationalen Tracht. Offenbar haben sich auch die Bulgaren für die Verwendung der russischen Sprache entschieden.

Die ganze Region einschliesslich der ukrainischen Seite heisst Budschak (Bugeac) und ist ethnisch bemerkenswert vielfältig. Neben den Gagausen und den Bulgaren leben dort auch noch Rumänen, Moldauer, Russen und Ukrainer; und früher gab es sogar deutsche Dörfer. Dieser Mix liegt daran, dass die Gegend erst relativ spät besiedelt wurde, etwa vor 200 Jahren. Damals holte eine russische Zarin Siedler von überall her, um das eben von den Türken gewonnene Land zu bewirtschaften. Leider ist der Budschak heute ziemlich die heruntergekommenste Region ganz Europas. Im Winter wirken die verlotterten Ortschaften und zerschlagenen Strassen völlig trostlos, und auch im Frühling ist das Gefühl der Abgeschiedenheit stark.

Gerade darum wollte ich dorthin, und zwar in die gagausische Ortschaft Ceadîr-Lunga, deren Namen schon suggeriert, wie abgelegen sie ist. Leider führte diese Tatsache auch dazu, dass schon um 17:10 Uhr der letzte Bus in die gagausische Hauptstadt Comrat fuhr, und so lag ausser einem kurzen Spaziergang durch das erwartungsgemäss ereignisarme Ortszentrum nichts drin. Comrat hingegen hat sich seit dem letzten Besuch etwas gemacht: Neu gibt es eine Fussgängerzone, viele neue Läden und einen Park mit Statuen verschiedener Diktatoren (u.a. Nasarbajew und Alijew) rund um die orthodoxe Kirche in der Stadtmitte.

Trotz ihrer fast vergessenen türkischen Sprache sind die Gagausen nämlich keine Muslime, sondern orthodoxe Christen. Dank dieser Tatsache konnte ich den Abend vor dem Hotel mit einem Glas gagausischen Weins ausklingen lassen. Er war sehr süss und schmeckte ähnlich wie Sauser in der Schweiz.

P1000359.JPGMoldauisch-gagausischer „Grenzübergang“ nördlich von Comrat

P1000315.JPGWappen und Flagge Gagausiens auf dem Parlament in Comrat

P1000306.JPGLandkarte von Gagausien am Busbahnhof von Comrat

P1000328.JPGDiktatorenstatuen und orthodoxe Kirche in Comrat

P1000291.JPGOrthodoxe Kirche in Ceadîr-Lunga

 

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