Reportage Umstritten | Disputed

Im Norden der Luhansker Region unterwegs

Schon nach einer Halbstunde hatten wir eine Panne. Wortlos hielt unser Fahrer auf einem Parkplatz an, holte seinen Werkzeugkasten aus dem Kofferraum und legte sich unter den Bus. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn setzte sich ganz langsam ein Militärkonvoi in Bewegung: Rund 15 Lastwagen in Tarnfarben, beladen mit schwerem Kriegszeug. Von den Dächern wehten zerschlissene Ukraine-Flaggen, und auch die Gesichter der Fahrer machten keinen frischen Eindruck.

Wir waren unterwegs von Charkiw, der im Osten gelegenen zweitgrössten Stadt der Ukraine, nach Starobilsk in der Region Luhansk. Der industrielle Süden der Region Luhansk hat sich 2014 mit militärischer Unterstützung aus Russland von der Ukraine abgespalten. Seither verläuft mitten durch die Region eine Frontlinie. Die Separatisten und die ukrainische Armee kämpfen dort auch heute noch. Die Gegend ganz im Norden blieb als einzige vom Krieg verschont. Dorthin, nach Starobilsk, wollte ich hin auf meinem Weg in Richtung Osten.

Die Fahrt nach Starobilsk war das erste kleine Abenteuer dieser grossen Reise. Um fünf Uhr abends waren wir in Charkiw abgefahren. Und es war gut, dass der Fahrer eine halbe Stunde später seinen Bus flickte: Weiter ging es nämlich auf erbärmlichen Schlaglochpisten, die es locker mit den berüchtigten Autobahnen Nordkoreas aufnehmen konnten. Ich fragte den Fahrer, ob es am Krieg bzw. den Lastwagen und Panzern lag, dass die Strasse so zerschlagen war. „Nein, überhaupt nicht“, meinte er, „vorher war sie sogar noch schlechter, jetzt haben sie wenigstens ein paar Stellen geflickt. Aber Paris-Dakar kann da immer noch nicht mithalten…“

P1000664Kupjansk im Osten der Region Charkiw

Die Nähe zum Kriegsgebiet wurde dennoch immer spürbarer. Kupjansk, eines der wenigen Städtchen entlang der Strecke, wirkte verlassen. Gleich danach der erste Checkpoint: Verschiedene Panzersperren, um die unser Bus in Schlangenlinien kurven mussten. Die Soldaten hatten als Unterkunft einen ausgeschlachteten Eisenbahnwagen abgestellt und auf die Panzersperren ukrainische Flaggen aufgemalt und die Losung „Slawa Ukrajini!“ – Ehre der Ukraine! Unser Fahrer rief den Soldaten zu, dass er sechs Passagiere habe, und das reichte: Eine Kontrolle gab es nicht.

P1000684Checkpoint hinter Kupjansk

Die spärlich besiedelte Gegend wurde immer einsamer, ganze auf der Landkarte eingezeichnete Ortschaften fielen aus: Da standen Tafeln am Ortseingang und –ausgang, aber dazwischen gab es keine Gebäude. Die Sonne ging unter, der Mond langsam auf, und unser fast leerer Bus holperte weiter über die erbärmliche Strasse. Endlich erreichten wir die Grenze der Luhansker Region, markiert mit einer grossen Tafel. Kurz darauf stieg einer der Passagiere mitten im Feld aus.

Bei den zwei verbliebenen Checkpoints musste der Fahrer darum nur noch „fünf Passagiere!“ in die Nacht rufen. Aber die Checkpoints wurden ungemütlicher. Lag es an der Dunkelheit, dass die bewaffneten jungen Männer im Licht der Petrollampen plötzlich einschüchternder wirkten? Ich kann es nicht sagen, aber sie wirkten nicht sehr reif, vielleicht waren es sogar Paramilitärs der Freiwilligenbrigaden, und wir waren fast allein auf der Strasse und auch im Bus.

P1000697Nächtliche Fahrt auf schlechten Strassen

Als ich das grosse Ortsschild von Starobilsk sah, freute ich mich bereits auf ein Bier und ein warmes Bett. Ich musste mich gedulden: Plötzlich war die Strasse abgeschnitten, und wir fuhren ganz allein einen langen Umweg, im Mondschein auf kleinen Strassen durch leere Dörfer. Erst eine halbe Stunde später näherten wir uns wieder der Stadt – über den Checkpoint am südlichen Stadteingang.

Erst kurz vor elf Uhr waren wir am Busbahnhof von Starobilsk. Die Stadt schien schon tief zu schlafen. In Starobilsk gibt es nur zwei Hotels, man kann sie online nicht buchen. Wie ein Taxifahrer mit zwei Anrufen herausfand, waren beide ausgebucht. Ein drittes Hotel ausserhalb der Stadt hatte noch Platz, aber dazu musste man nochmals durch den Checkpoint, und darauf hatte niemand Lust. Mangels Optionen versuchten wir es dennoch. Am Checkpoint aber standen mehrere Fahrzeuge vor uns, und es ging keinen Schritt vorwärts. „Die nehmen es sehr genau… Wir kehren wohl besser um“, gab der Taxifahrer zu bedenken. Und brachte eine kreative Lösung. Er organisierte uns eine ungewöhnliche Unterkunft im Ortszentrum: Ein Zimmer über einer Bar, die gerade am Schliessen war. So kam ich immerhin noch zu meinem Bier.

P1000710Am Busbahnhof von Starobilsk

Bei Tageslicht stellte sich Starobilsk als recht freundlicher Ort heraus, mit der Minimaldefinition einer Fussgängerzone (zwei Häuser lang), einem netten Park und sogar einem Wagen, der guten Kaffee verkaufte. Der nahe Krieg ist aber auch hier spürbar: Mitten in der Stadt, gleich neben der Fussgängerzone, gibt es einen Militärstützpunkt, geschützt mit Barrikaden und Tarnnetzen. Sprayereien, die den Rebellenstaat LNR (Luhansker Volksrepublik) unterstützen, sind nur dürftig übermalt. Als ich auf dem Markt Fotos vom Schweinsbauchsfett (Salo, eine ukrainische Spezialität) machte, reagierten die Händlerinnen nervös und fragten mich, was ich denn mit den Bildern machte.

P1000718.JPGSalo-Verkauf auf dem Markt von Starobilsk

Es war mir darum recht, nicht allzu lange Zeit in der Region zu verbleiben und weiter nach Russland zu reisen, wo die Strassen besser seien und der Krieg weit weg, wie ein Taxifahrer sagte. Also steuerten wir Milowe/Tschertkowo an, eine ukrainisch-russische Doppelstadt mit einem Bahnhof der russischen Bahn. Von dort aus sollte am Abend unser Zug nach Krasnodar abfahren.

„Auf keinen Fall werdet ihr diesen Zug noch erreichen“, meinte aber der grimmige Armeeoffizier am Checkpoint vor Milowe, dem ich unser Zugbillett zeigte. Wie sich herausstellte, war der Grenzübergang Milowe/Tschertkowo für Ausländer gesperrt. Wieder eine Panne also, auch am Ende der Reise durch die Ostukraine.

Wie sie ausgegangen ist, ist im Bericht „Border #9: Ukraine – Russia“ nachzulesen.