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Brutalismus: Die schönsten Bausünden Jerewans

Jerewan ist eine der ältesten Städte der Welt. Das sieht man ihr nicht an: Eine Altstadt gibt es nicht, dafür einen Haufen sowjetische Architektur. Und damit eine Menge Highlights der "brutalistischen" Phase.

Laut Wikipedia geht die Bezeichung auf „béton brut“ zurück, also Sichtbeton – und hat nichts mit Brutalität im üblicheren Sinne zu tun. Doch brutal wirkt sie definitiv: Massive Betongebäude mit groben Formen. Für das ungeübte Auge sind sie eine Beleidigung, den Menschen machen sie klein und unbedeutend. Wenig überraschend, dass Diktatoren den Brutalismus lieben: Neben der ehemaligen Sowjetunion ist auch Ex-Jugoslawien ein Hotspot, zudem ein paar afrikanische Hauptstädte (wo der Sichtbeton so schön korrodiert).

Armenien bekam immerhin eine Extrawurst: Sichtbeton sieht man hier kaum, zur Zeit der Sowjetunion baute man hauptsächlich mit dem pinken Tuffstein aus der Region. Darum gibt es in Armenien auch kaum klassische Plattenbauten. Der Tuffstein verleiht der hiesigen Sowjetarchitektur einen etwas freundlicheren Eindruck, sie sieht nicht ganz so abweisend aus wie weiter nördlich. Was mich in Jerewan überraschte: Brutalistisches Bauen ist wieder in. Erste „neobrutalistische“ (gemäss einem Architekturblog) Gebäude sind entstanden, nicht minder einschüchternd als die sowjetischen. Doch lassen wir die Fotos für sich sprechen:

Metrostation Yeritasardakan. Jerewan hat eine Mini-Metro mit nur neun Stationen. Die Züge umfassen nur zwei Wagen und verkehren alle fünf bis zehn Minuten. Für eine Millionenstadt sehr bescheiden: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fehlten die Finanzmittel für einen weiteren Ausbau.
Metrostation Yeritasardakan, von der anderen Seite her gesehen. Jede der neun Metrostationen ist ein Kunstwerk sozialistischer Architektur – das Highlight wahrscheinlich aber der Eingang zur zentral gelegenen Station Yeritasardakan.
Kaskade. Hinter der Oper lässt sich auf dieser riesigen Freitreppe mit eingebauten Brunnen ein nahe gelegener Hügel erklimmen, auf dem sich der Siegespark befindet. 1971 wurde mit dem Bau begonnen, ab den 1980er Jahren ruhten die Bauarbeiten für mehr als zwei Jahrzehnte. In den 2000er Jahren investierte der New Yorker Kunstmäzen Cafesijan in den Komplex, baute eine Kunstgallerie ein und stellte es endlich fertig – fast. Zuobest fehlt immer noch ein Abschnitt.
Kaskade. 572 Stufen führen zum Aussichtspunkt mit Sicht auf Jerewan und den ikonischen Berg Ararat. Auch dieser Komplex ist so designt, dass sich der Mensch darin klein und verloren vorkommt.
Metrostation Platz der Republik (Hanrepetutjan Hraparak). Der Eingang zur Metrostation befindet sich am Rand dieser ansonsten eigentlich unnötigen Unterführung, die mehrheitlich leer ist – am Rand gibt es eine heruntergekommene Kneipe. Der Brunnen ist längst nicht mehr in Betrieb.
Metrostation Platz der Republik (Hanrepetutjan Hraparak). Im Hintergrund der Eingang zur eigentlichen Metrostation.
Neobrutalistisches Wohngebäude im Stadtteil Arabkir, erbaut 2013.
Hard Rock Café. Dieser brutalistische Pavillon wird auf der Seite des Betreibers folgendermassen beschrieben: „Hard Rock Cafe Yerevan is located directly in the historical city center, in a historically significant building. Designed by famed Armenian architect Ruben Badalyan, the 16-ribbed dome atop our building draws inspiration from the 10th century Haghpat Monastery belltower in the forest-capped hills of the Armenian Lori Region.“
Kino „Rossija“. Ein Klassiker, wie man ihn in fast jeder Grossstadt der ehemaligen Sowjetunion sieht. Nur der Name ist vielerorts nicht mehr so beliebt – nur in Armenien (noch) nicht völlig diskreditiert.
Bahnhof Schorscha. Auch ausserhalb der Hauptstadt findet man viel grandiose Architektur – zum Beispiel der Bahnhof Schorscha, Endstation der Bahnlinie Jerewan-Schorscha, die nur an Sommerwochenenden verkehrt (und dann umso voller ist). Schorscha liegt am Sewansee auf 1900 Metern über Meer und ist als Badeort bekannt.
Abflug. Eine letzte brutalistische Sehenswürdigkeit ist das alte Gebäude des Flughafens Zvartnots. Es ist nicht mehr in Betrieb, seit vor einigen Jahren ein neues Terminalgebäude gebaut wurde. Schade eigentlich, man hätte auch das Betonding aufmöbeln können.

1 Kommentar

  1. Die Architektur des Brutalismus ist beileibe kein Phänomen, welches nur in Ex-Sowjetrepubliken oder diktatorisch geführten Ländern zu finden ist. Es war ein architektonischer Zeitgeist, der auch in freien Demokratien zu finden ist.

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