
Mit einem YandexGo-Taxi fahren wir in der moldauischen Hauptstadt Chișinău los. Die Strassen sind gut, der Verkehr entspannt. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichen wir die Grenzzone. Die feine EU-gesponsorte Landstrasse endet, macht einer postsowjetischen Schlaglochpiste Platz. Wir nähern uns den drei Checkpoints, etwas Nervosität macht sich nun doch breit. Ohne Kontrolle passieren wir den moldauischen Grenzposten, relativierend „Vamă internă“ (Binnenzoll) genannt, die letzte moldauische Tankstelle in der Pufferzone, dann plötzlich die Strassensperre: Barrikaden, ein Ausguck, Soldaten. Wie in einem Kriegsgebiet muss unser Taxi Schlangenlinien fahren, hält kurz an. Die Soldaten werfen uns einen Blick zu: auf ihren Uniformen sind russische Abzeichen. Dies ist der Checkpoint der „Миротворцы“ (Friedensstifter) der russischen Armee. Es fühlt sich nicht so gut an, an einem russischen Checkpoint anzuhalten. Doch wie in all den Jahren zuvor reagieren die Soldaten überhaupt nicht und wir fahren weiter.

Der dritte Halt ist der transnistrische Grenzübergang, fotogen in den Landesfarben und mit Hammer und Sichel. Ich halte mich zurück und mache keine Fotos. Alle europäischen Aussenministerien warnen vor Reisen nach Transnistrien, weil die konsularische Betreuung im abtrünnigen Landesteil Moldovas nicht möglich ist. Also will ich die Gesetze nicht gleich auf den ersten Metern brechen. Die Einreise verläuft so einfach wie noch nie zuvor. Wir müssen nicht einmal das Fahrzeug verlassen. Der Fahrer reicht die Pässe dem Kontrolleur, der eine einzige Frage stellt: «Wie lange?». Nur für heute, antworte ich, und wir erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung für 12 Stunden. Die Genehmigung sieht aus wie ein Kassenzettel, wie schäbig! Man darf sie auf keinen Fall verlieren, heisst es.

Transnistrien ist ein schmaler Landstreifen zwischen Moldova und der Ukraine, der sich am 2. September 1990 einseitig für selbständig erklärte und seither faktisch ein unabhängiger Staat ist. Als die Sowjetunion zerfiel, zerfiel auch die Moldawische Sowjetrepublik. In der Hauptstadt Chișinău orientierte man sich an Rumänien, im russisch geprägten Landesteil jenseits des Flusses Dnjestr/Nistru hingegen weiterhin an Moskau. Es folgten blutige Kämpfe, die bis 1992 andauerten. Seither ist der Konflikt eingefroren, «Friedenssoldaten» der russischen Armee bewachen die Frontlinie. Transnistrien hat eigene staatliche Institutionen geschaffen, eine Armee, eine Währung, Grenzkontrollen. Übrigens heisst Transnistrien eigentlich gar nicht so. Das Land nennt sich selbst Pridnestrowische Moldawische Republik (PMR) oder Pridnestrowie, es ist sogar verboten, den ‹faschistischen› Ausdruck Transnistrien zu verwenden. Moldova lehnt solch separatistische Anwandlungen ab, verwendet den sperrigen Ausdruck «Unităţile administrativ-teritoriale din stînga Nistrului» (administrativ-territoriale Einheiten links des Dnjestr).

Jedes Mal eindrücklich ist der Schilderwald am Stadteingang von Tiraspol. «Es begrüsst Sie die Hauptstadt der PMR, die ordentragende Stadt Tiraspol», verkündet das grösste von ihnen, behangen mit vier Orden der Sowjetunion. Gleich daneben und völlig neu, ebenfalls auf dem Hintergrund der rot-weiss-roten Flagge Transnistriens, die Anweisung «Transnistrien ohne Fluchwörter – Territorium ohne Mat». Mat ist die Fluchwörtersprache der russischen Kriminellen. Ein deutlich schlichter gehaltenes Schild weist darauf hin, dass es in den ersten elf Monaten des Jahres in Tiraspol 45 Verkehrsunfälle gegeben hat mit 45 Verletzten und 3 Toten.

Zum ersten Mal wird die neue geopolitische Realität sichtbar an der Abfahrtstafel des Bahnhofs. Verheissungsvolle Ziele listet sie auf: Varna am Schwarzen Meer, Adler (bei Sotschi), Murmansk, Simferopol, Saratow… Doch zu jedem Zug steht das Wort «Отменен» (gestrichen). Einzige Ausnahme ist der Zug Nr. 641/642, der zuletzt noch freitags und am Wochenende zwischen Chişinău und Odesa verkehrte. Ein unten an die Abfahrtstafel angehänger Computerausdruck erklärt aber, dass ab dem 25. Februar 2022 auch dieser Zug nicht mehr verkehrt: die Ukraine schloss die Grenze zum prorussischen Transnistrien.

Eine erfreuliche Entwicklung ist, dass mitten im Stadtzentrum ein georgisches Restaurant mit dem einfallsreichen Namen ‚Georgia‘ eröffnet hat – mit ausgezeichneter Qualität und sehr fairen Preisen. Für 9 Franken pro Person haben wir uns durch die Karte probiert. Als Gruss aus der Küche gab es einen Shot Tschatscha (der starke georgische Grappa). Mit Grauen denke ich an die ekelhaften Buletten mit Buchweizengrütze, die es früher in den als ‚Stolowaja‘ (nicht einmal ‚Restoran‘) bezeichneten, kantineartigen Einrichtungen gab. Auch sonst hat sich die kulinarische Situation verbessert, wobei der Fokus klar auf Sushi und Pizza liegt. Die moldauische Kette Andy’s Pizza hat sich allerdings wieder aus Tiraspol verzogen.

Neu ist auch diese Erinnerungsstätte für den Grossen Vaterländischen Krieg, wie der Abschnitt 1941 bis 1945 des Zweiten Weltkriegs in der Ex-Sowjetunion genannt wird. Das war schon in der Sowjetzeit ein grosses Ding, doch in den letzten 15 Jahren überbordet in Russland der Gedenk-Kult um den Sieg über den Faschismus komplett. So wie es aussieht, musste nun auch Transnistrien nachziehen. Eigentlich handelte es sich nämlich um die Gedenkstätte für die Gefallenen im Afghanistan-Krieg (das ist der Soldat rechts), davor befindet sich das Memorial für den transnistrischen Unabhängigkeitskrieg.

Im Stadtzentrum weht die russische Flagge neben der transnistrischen auf allen Plätzen und Regierungsgebäuden. Auf dem zentralen Platz wehen auch die Flaggen aller Rayons Transnistriens und jene der verbündeten nicht anerkannten Länder Südossetien und Abchasien.

Auch Lenin ist präsent, gleich in zweifacher Ausführung: vor dem «Obersten Sowjet», dem Parlament Transnistriens, und vor der Stadtverwaltung von Tiraspol. Journalisten haben Transnistrien das Label «Freilichtmuseum der Sowjetunion/des Sozialismus» verliehen. Das ist eine massive Übertreibung. Transnistrien ist so kapitalistisch und unsowjetisch wie alle anderen Länder der Region. Lediglich die Symbole der Sowjetunion hat das Land behalten: Lenin, Hammer und Sichel sind allgegenwärtig. Dies hat sicher zum unpassenden journalistischen Label beigetragen. Doch findet man diese Symbole auch in Russland, Belarus – und durchaus auch in Moldova. Sogar in der Hauptstadt Chișinău steht noch eine Leninstatue, flankiert von Karl Marx und dem bulgarischen Kommunistenführer Georgi Dimitrov.

An einer zentralen Kreuzung zeigt ein Wegweiser in die Partnerstädte Tiraspols. Suchumi ist dabei, die Hauptstadt Abchasiens, ebenso das südossetische Zchinwali. Auch eine moldauische Partnerstadt gibt es: Bălți, die zweitgrösste Stadt des Landes und fast ebenso russophil wie Tiraspol (aber deutlich deprimierender, ich habe sie dann auch noch besucht). Eindrücklich zu sehen ist aber, dass es ins ukrainische Cherson nur 300 Kilometer sind. Cherson, wo Russland mit Drohnen Jagd auf Zivilisten macht…

Transnistrien stellt eigene Pässe aus. An der Grenze erlaubte mir unser Fahrer, seinen zu fotografieren. Er machte sich über den Pass lustig: «Sieht aus wie jener der Sowjetunion». Das ist nicht so weit hergeholt: Bis 2001 stellte Transnistrien Pässe der Sowjetunion aus, bis endlich ein eigener Pass mit fast demselben Layout eingeführt wurde. Weit kommt man damit nicht: nur nach Moldova kann man reisen, früher auch in die Ukraine; vereinzelt gibt es Berichte von erfolgreichen Reisen nach Russland.


Kein Wunder also, ist die Nachfrage nach anderen Staatsangehörigkeiten gross. Am zentralen Oktober-Propekt werben Agenturen ganz offen damit, Pässe für die Einwohner des Paria-Staats einzuholen. Gleich vier stehen zur Auswahl: Moldova, Rumänien, die Ukraine und Russland. Die Dienstleister helfen nicht nur dabei, den Passantrag auszufüllen, sondern auch die notwendigen Unterlagen aufzutreiben. Besonders attraktiv ist der rumänische Pass, der die Arbeitsnahme in der ganzen EU möglich macht. Für die meisten Moldauer ist er einfach zugänglich, da das Gebiet Moldovas zwischen den beiden Weltkriegen zu Rumänien gehörte und dieses die Nachkommen der damaligen Einwohner weiterhin als rumänische Staatsangehörige ansieht. Für Transnistrien gilt dies nicht, denn es war damals Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass in dieser Hinsicht nichts unmöglich ist. Schon für 3000 € können diese Agenturen die notwendigen Unterlagen beschaffen.
Dass sich dies lohnt, davon zeugen die Werbetafeln auf der anderen Seite der Strasse (und auch sonst überall in Transnistrien und Moldova). Sie werben für Arbeit in Deutschland, Lettland, Frankreich, Israel, mit verheissungsvollen Löhnen. Nicht wenige lassen sich davon verlocken. Zum Zeitpunkt der «Unabhängigkeit» hatte Transnistrien über 600 000 Einwohner, heute sind davon noch etwa 350 000 übrig. Moldova verzeichnete einen ähnlichen Rückgang. Nicht alle dieser Arbeitsangebote sind seriös: Moldova führt europaweit die Menschenhandels-Statistik an.

Zurück nach Chișinău ist YandexGo keine Option mehr, da moldauische SIM-Karten in Transnistrien nicht funktionieren und es nicht mal Roaming gibt zwischen den beiden Entitäten. Also fragen wir am Bahnhof nach einem Taxi. Ein wartender Taxifahrer ruft gleich einen Kollegen an und gibt den Tarif durch: «Los, zieh dich an! In zwei Sekunden bist du da! Chișinău Stadtzentrum, 700 Rubel.» Zehn Minuten und zwei ungeduldige Anrufe später trifft der Fahrer ein: Das Auto hat kein Taxisschild, ist dafür mit Klebebildern übersät, hinaus dröhnt lauter Metal-Sound. Doch der Fahrer ist ein patenter Typ, arbeitet im lokalen Wasserwerk und berichtet zufrieden, dass man das Leitungswasser in Tiraspol trinken könne und jenes in Chișinău nicht. Chișinău bezieht das Wasser offenbar aus dem dreckigen Dnjestr, über 25 Kilometer lange, rostige Rohre. Verhängnisvollerweise gibt sich einer von uns sich als Aviatik-Fan zu erkennen. Unser Fahrer lässt es sich nicht nehmen, eine Menge sowjetischer Flugzeuge und Helikopter auf seinem Handy zu zeigen, und dann gleich auch noch von Biker-Treffen und Metal-Konzerten. Nur mit Mühe können wir seine Aufmerksamkeit zurück auf die Strasse lenken. Wir passieren die Baracken der russischen und der transnistrischen Armee. In letzterer hat auch unser Fahrer gedient. Zack, das Handy ist wieder an: Selfie mit Kalaschnikow in der Armee.

An der Grenze ist Stau. Ob die Einheimischen keine Angst hätten, sie zu überqueren, frage ich. Nein, überhaupt nicht. Nur wer unbezahlte Schulden habe, den Militärdienst nicht geleistet oder wegen einer Straftat gesucht sei, für den könne es etwas ungut werden. Auf der moldauischen Seite wird sowieso nur kontrolliert, wenn sie Lust dazu haben, und das ist jetzt in der Rush Hour ganz sicher nicht der Fall. Als ehemaliger Söldner der separatistischen Armee hat der Fahrer auch keinerlei Berührungsängste mit dem einstigen Kriegsgegner: er freut sich darauf, bei der Gelegenheit in Chișinău einen Freund zu besuchen, mit ihm in den McDonald’s zu gehen und dann auf die Aussichtsplattform des Flughafens. Gibt’s in Transnistrien beides nicht, McDonald’s und Flughafen.

Danke für den Bericht!
Zwei Fragen: Wie haben Sie ihr Geld in Rubel gewechselt und wie haben Sie sich in Tiraspol verständigt? Auf Russisch? Besten Dank
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Ja, man braucht transnistrische (nicht russische!) Rubel, da ausländische Karten nicht funktionieren. Ist aber kein Problem, man kann an jeder Ecke wechseln.
Verständigung mehrheitlich auf Russisch, ja.
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Ergänzende Informationen:
Restaurants: Neben dem Georgia würde ich im Zentrum auch noch empfehlen: Lova Cafe am Orchideenmarkt, Cricova, LeVin oder das Restaurant im Hotel Rossia.
Wenn es „Sowjet-Flair“ beim Essen sein soll, dann nehmt nicht die Kantine in der Lenin-Straße, sondern das „Back in the USSR“ (Sverdlov-Straße 54), das ist kulinarisch deutlich besser.
Geld wechseln geht fast an jeder Ecke, Dollar, Euro, Schweizer Franken, alles kein Problem. Nur Karten funktionieren nicht.
Internet kann zum Problem werden, weil Roaming nicht geht. Größere Restaurants haben quasi immer ein Gäste-WLAN, auf öffentlichen Plätzen gibt es auch offenes WLAN von IDC, das aber auf 30 Minuten beschränkt ist. Auch am Busbahnhof gibt es ein offenes WLAN.
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