Grenzen | Borders Reportage

Szczecin und die deutsch-polnische Grenze revisited – 2006 vs. 2026

Polen entwickelt sich rasant. Es ist immer spannend, Städte nochmals zu bereisen, die man vor vielen Jahren in einem anderen Gewand gesehen hat. Szczecin ist besonders spannned: Es ist die einzige polnische Stadt westlich der Oder. Lange war man sich in Polen unsicher, ob man sie nicht zurück an Deutschland geben müsse. Darum hat man sich beim Wiederaufbau nach derm Weltkrieg lange zurückgehalten. Er hält bis heute an, und immer noch wirkt Szczecin etwas unfertig. Ich habe die Stadt 2006 besucht und genau 20 Jahre später nochmals. Der Kontrast ist eindrücklich – praktischerweise war 2006 auch viel schlechter Wetter, was den Effekt verstärkt. (Siehe auch meinen Fotovergleich zu Wrocław.)

Tor zur Stadt ist der Hauptbahnhof, Szczecin Główny (oben 2006, unten 2026). Die Entwicklung polnischer Städte ist meist am Bahnhof besonders gut sichtbar. 2006, als ich als Student in Polen weilte, waren die Bahnhöfe oft ungepflegte Schandflecke. So auch jener in Szczecin. Heute lassen sie sich sehen und sind vielerorts einladender als im westlichen Ausland.

Die Zukunft der Vergangenheit: Dieses Plakat hing 2006 am Hauptbahnhof aus. Eine eindrückliche Veränderung ist tatsächlich gekommen, doch nicht ganz so extravagant: auf Glasfront und Baldachin hat man letztlich verzichtet. Dafür wurde die Digitaluhr entfernt.

Perron am Hauptbahnhof 2006 (oben) und 2026 (unten). Ein bisschen schade um das Unterführungszugangshäuschen aus preussischer Zeit ist es schon. Aber was für ein Kontrast!

Auch die Jakobskathedrale (Bazylika Archikatedralna pw. św. Jakuba Apostoła) wirkt 2026 eindrücklicher: mit der neuen Turmspitze ist sie deutlich höher geworden.

Der Marktplatz (Rynek) ist das pulsierende Herz jeder polnischen Stadt. Nicht so in Szczecin: da unklar war, ob die Stadt bei Polen bleiben darf, verzichtete man vorerst auf den Wiederaufbau und verwendete die historischen Steine für die Rekonstruktion von Warschau. Die einstige Altstadt wurde en unscheinbares Wohnquartiert. Erst ab 1990 hat man damit begonnen, einige Häuserzeilen ungefähr im ursprünglichen Stil zu bauen.

Trotzdem ist der Rynek nicht wieder zum Stadtzentrum geworden – eher noch zum Anlaufpunkt von Touristen. Im Bild oben von 2006 ist zu sehen, wie das „Altstadthaus“ am rechten Bildraum noch im Bau ist. 2026 fügt es sich schon ins Stadtbild ein. Doch auch heute ist der Rynek nicht komplett: dies ist eine sehr selektive Aufnahme, welche die Wohnblöcke auf der anderen Seite des Platzes verschweigt.

Highlight der Altstadt ist das Renaissance-Schloss der Pommerschen Herzöge (Zamek Książąt Pomorskich) – im frischen weissen Verputz 2026 (unten) auch etwas eleganter als im beigen Kommunisten-Mief 2006 (oben).

Bei der Bahnhofseinfahrt blickt man auf die Skyline von Szczecin. 2026 wirkt diese attraktiver als 2006, was sicher dem erhöhten Turm der Kathedrale zu verdanken ist, primär aber dem besseren Wetter. Der hässliche Lastwagenparkplatz mitten im Zentrum (rechts im Bild) hat mittlerweile allerdings einer modernen Überbauung Platz gemacht.

Weiterfahrt zur Grenze auf der Insel Usedom/Uznam: Auch der Vorortbahnhof Szczecin Dąbie hat ein Facelift erhalten.

Umgekehrt hingegen ein anderer Vorortbahnhof: Szczecin Załom war 2006 noch einigermassen im Schuss, 2026 verfällt er – ähnlich wie viele andere nicht mehr benötigte Bahnhofsgebäude in der Provinz.

Aus Świnoujście, der grössten Stadt der Insel Usedom/Uznam, kann ich keine eindrücklichen Veränderungen dokumentieren, es sieht noch ziemlich gleich aus wie 2006. Ausser der Grenzübergang zwischen Świnoujście und Ahlbeck. 2006 war Polen noch nicht Teil des Schengenraums, die Grenze war kontrolliert und überwacht. 2026… ist Polen zwar im Schengenraum, aber die Grenze ist wieder kontrolliert und überwacht, da Deutschland und Polen „temporäre Grenzkontrollen“ eingeführt haben. Das Ganze macht aber einen viel improvisierteren Eindruck als noch 2006.

Beim oberen Bild von 2006 war ich sogar etwas überrascht, dass die Grenze zwischen den beiden Touri-Orten Świnoujście und Ahlbeck noch so Kalter-Krieg-mässig aussah, mit Zaun, Todesstreifen und Warnschildern. Das immerhin ist heute alles weg.

Der einstige Todesstreifen wird nicht mehr gepflegt, sondern ist mit Gras und Gebüsch zugewachsen. Und man kann darin völlig legal spazieren. Weiter unten am Strand (Bild unten) befindet sich sogar ein ansprechender Spazierweg im einstigen Kontrollstreifen, zwischen den beiden Grenzpfählen.

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