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Wrocław revisited: 16 Jahre nach dem Erasmus-Aufenthalt

2005/06 habe ich in Wrocław (Polen) studiert. Letzte Woche war ich wieder mal dort - krass, wie sich die Stadt seither verändert hat! Ich habe in meinen alten Fotos gewühlt und ein paar Vergleiche zusammengestellt.

Die Entwicklung einer Stadt scheint rasant, wenn man sie lange nicht gesehen hat und eigentlich doch sehr gut kennt. Ein ganzes Jahr habe ich mich 2005/06 in Wrocław aufgehalten. Darum hat sich ihr damaliges Erscheinungsbild in mein Gedächtnis eingebrannt. Als ich letzte Woche wieder dort war, war ich beeindruckt, wie die eigentlich so vertrauten Orte plötzlich aussahen. Die Stadt ist modern geworden und sieht mittlerweile viel „westeuropäischer“ aus. Doch ein paar Orte sind sich treu geblieben.

Ankunft am Bahnhof: Als ich damals in Wrocław studierte, war der Hauptbahnhof (Dworzec Główny) ziemlich schmuddlig: Düster, überfüllt, kleine Läden in jeder Ecke. Heute macht das renovierte Gebäude einen viel aufgeräumteren und helleren Eindruck.
Besonders offensichtlich ist dies in der Bahnhofshalle: Sie ist hell und richtig schön geworden. Der Ost-Mief ist weg (auch ein bisschen schade). Erfreulich: Man hat den Schriftzug kasy biletowe (Billettkassen) mit seiner speziellen, aus der sozialistischen Zeit stamenden Schriftart erhalten. Ärgerlich ist hingegen, dass es immer noch nicht wesentlich einfacher geworden ist, Bahnbilletts zu kaufen. Es gibt zwar mittlerweile einige Automaten, die scheinen aber nur polnische Kreditkarten anzunehmen und sind alles andere als einfach in der Bedienung (reaktionsträger Touchscreen). Und eine richtige Bahn-App gibt es auch nicht, da auf dem polnischen Schienennetz viele Unternehmen unterwegs sind und sie alle separate Bezahlsysteme haben.
Der Südeingang des Hauptbahnhofs ist nicht mehr wiederzuerkennen, er wurde vollständig neu gebaut. Hier war früher der Übergang zum kargen, kalten, windigen Busbahnhof an der Sucha-Strasse, wo ich wiederholt längere Zeit auf verspätete Eurolines-Busse in die Schweiz gewartet habe. Leider habe ich von diesem Schandfleck damals kein Foto gemacht. Heute befindet sich an dieser Stelle die neue Mall Wroclavia, die wohl deutlich gewinnträchtiger ist. In ihrem Keller findet man nach wie vor den Busbahnhof, der jetzt zwar moderner, aber definitiv nicht schöner ist.
Auf dem Weg in die Altstadt befindet sich der Partisanenhügel (Wzgórze Partyzanów) mit seiner historischen Kolonnade. Diese machte schon 2005 keinen sehr guten Eindruck. Heute scheint sie dem Zerfall noch näher zu sein und ist weiträumig abgesperrt. Sehr schade um den schönen Ort direkt am Rand der Altstadt!
Die Szewska-Strasse war zu meinen Studienzeiten schwer passierbar: Die Baustelle verwandelte sich im Winter und Frühling in einen tiefen Matsch, den man nur an wenigen Stellen auf wackligen, improvisierten Stegen überqueren konnte. Ungute Erinnerungen weckt auch das Wahlplakat des Rechtspopulisten Andrzej Lepper (2011 verstorben). Mittlerweile macht die Strasse einen freundlichen Eindruck und es gibt immer mehr gute Restaurants und Bäckereien. An der Bausubstanz hat sich nicht viel verändert.
Die Galeria Dominikańska war das erste moderne Einkaufszentrum in Wrocław und aus nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen zog es uns als Studenten immer wieder dorthin (vielleicht wegen dem feinen Fatih Servet-Kebab und weil es gratis WCs gab). Allerdings machte die Galeria damals einen freundlicheren Eindruck als heute: Der orange Farbton ist nicht gerade elegant, und es scheinen auch weniger Besucher unterwegs zu sein. Wahrscheinlich leidet sie unter der gewachsenen Konkurrenz, denn es gibt mittlerweile in jedem Stadtteil modernere Malls. Leider ist mein Lieblingsladen Empik (Bücher, Medien etc.) von der Altstadt in die Galeria Dominikańska umgezogen.
Am Plac Strzegomski befindet sich ein riesiger Bunker aus dem 2. Weltkrieg. 2005 bröckelte er noch vor sich hin und diente nur als Träger einer Coca-Cola-Reklame. Erstaunlicherweise hat man ihn renoviert, darin befindet sich heute das Zeitgenössische Museum (Muzeum Współczesne).
Der nächste Bahnhof von meiner Wohnung aus war damals Wrocław Mikołajów. Im heruntergekommenen Billetsaal hatten sich im Winter streng riechende Stadtstreicher niedergelassen. Wie viele andere Bahnhöfe Polens bekam auch Mikołajów ein Facelifting, sodass er nun einen ganz ordentlichen Eindruck macht. Nach wie vor halten die Züge in nördlicher Richtung (Poznań, Łódź) auch hier, damit man aus dem Westen und Norden der Stadt nicht extra an den Hauptbahnhof fahren muss.
Als Student wohnte ich in einer preiswerten Plattenbau-Wohnung in der Kosmonauten-Siedlung (Osiedle Kosmonautów) im Westen der Stadt. Auch wenn diese Quartiere hässlich aussehen und viele Osteuropa-Klischees bestätigen, war das Leben dort doch sehr angenehm. In den unteren Stockwerken der Plattenbauten gab es Läden, Restaurants und sogar eine Postfiliale, sodass man alle alltäglichen Dinge erledigen konnte, ohne die Siedlung zu verlassen. Was ich ebenfalls aus der Schweiz nicht kannte: Parallel zum Liftschacht verläuft in diesen Gebäuden ein Müll-Abwurf (zsyp). Eine äusserst bequeme Art der Abfallentsorgung, die ich immer noch ein bisschen vermisse. Die Siedlung hat ihren Charakter weitgehend bewahrt, allerdings hat man mittlerweile alle Gebäude renoviert – auch meine ehemalige Adresse Bulwar Ikara 31. Besonders der Eingangsbereich der Plattenbauten sieht nun deutlich einladender aus.
Kein Ort in Wrocław ist sich so sehr treu geblieben wie das Kaufhaus Astra (Dom Handlowy Astra). Das Einkaufszentrum entstand 1985, also noch im Sozialismus. Und diesen Mief wurde es bis heute nicht los. Noch bevor ich bei meiner jüngsten Reise das Kaufhaus betrat, erinnerte ich mich sehr deutlich an den penetranten Geruch nach nicht ganz frischem Kebab, der im Obergeschoss (wo sich eine Buchhandlung befand) überall zu riechen war. Zumindest das musste mittlerweile verschwunden sein, dachte ich mir, doch ich fand beide unverändert vor, Buchhandlung und Kebabgeruch, als wäre es immer noch 2005.
Der Bahnhof Nadodrze (vor dem 2. Weltkrieg: Breslau-Odertor) ist riesig, noch grösser als der Hauptbahnhof. 2005 befand er sich in ungefähr vergleichbarem Zustand mit den restlichen Bahnhöfen der Stadt. Heute ist er beinahe eine Ruine: Bei den Renovierungen wurde er ausgelassen und stattdessen zum Haltepunkt degradiert. Das Gebäude ist nun verbarrikadiert, die Billetthalle nicht zugänglich. Ein paar wenige Passagiere verlieren sich auf dem riesigen Perron, der nur noch aus einer nahe gelegenen Unterführung zugänglich ist. Auch vom kleinen Busbahnhof aus verkehren nur noch täglich vier Busse nach Wołów. Schön, dass es solche Orte auch im modernen Wrocław noch gibt!

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