
Die Arbeit in diesem Keller ist einfach nur anstrengend. Mühsam. Die Gewölbe sind niedrig und zugeschüttet mit Lehm, Sand, Kies, Geröll. Schweres Material, das wir mit Schaufeln, in Kübeln und mit etwas Glück auch in Garetten wegspedieren. Die Spitzbohrer dröhnen, noch lauter dröhnt die Techno-Musik damit man sie überhaupt hört, im Hintergrund rumpeln die Förderbänder. Die Luft ist feucht und riecht muffig. Staub ist an den Kleidern, in den Haaren, den Ohren, der Nase, der Lunge… Die Handgelenke schmerzen, der Rücken wird steif, die Muskeln schwächeln. Wann endlich ertönt der nächste «Kafi!»-Ruf, wartet eine frisch aufgebrühte Bialetti draussen auf der kleinen Piazza auf uns?


Wie müssen vorsichtig graben. Fundgegenstände in eine Gelte legen. Später kommt die Archäologin, um sie zu inspizieren. Schlüsse daraus zu ziehen, hoffentlich. Noch weiss niemand genau, wie alt der Convento ist. Teile des untersten Stockwerks, das wir vom Schutt befreien, gehen auf das Spätmittelalter zurück, hat eine Expertin gesagt. Das Spätmittelalter fand zwischen 1250 und 1500 statt. Der Bündner Staatsarchivar Dr. Fritz Jecklin hielt die Keimzelle des Convento für noch älter, datierte sie mit mindestens 1116. In diesem Jahr verfasste Papst Paschalis II eine Urkunde, mit der er die Gaudenzius-Wallfahrtskirche mitsamt dem dazu gehörenden Hospiz unter seinen Schutz nahm. Dieser Hospiz, das ist offenbar der Convento.

Wir sind seit Jahrhunderten die ersten, die in diese Tiefe des Gebäudes vordringen. Niemand von uns hat Kenntnisse der Archäologie und der Bündner Frühgeschichte*. Umso blumiger sind unsere Spekulationen zu den Dingen, die wir entdecken. Der Convento hat vier Stockwerke, von denen die unteren beiden verschüttet waren. Im untersten Stock gibt es eine Halle, die vor zwei Jahren, als ich sie zum ersten Mal betrat, noch eher wie eine Höhle wirkte. Von ihr aus führen Türen in zwei Räume. In die Portale sind gegabelte Kreuze eingeritzt, die in Graubünden etwa im 13. Jahrhundert üblich waren. Gemäss den Experten wurden solche Kreuze im Mittelalter nur an der Aussenseite der Gebäude angebracht. Die beiden Räume waren also vor der Halle da.
(* darum erhebt dieser Blog-Eintrag auch keinen Anspruch auf Korrektheit und Vollständigkeit. Vieles ist ohnehin noch nicht bekannt, archäologische Untersuchungen stehen noch an.)

Wir graben uns durch die Halle durch, treffen auf grosse Steinbrocken, spitzen sie mit dem Bohrhammer weg. Gross ist die Aufregung, als wir unter der Treppe in den untersten Stock den Eingang zu einem weiteren Raum entdecken. Ist das der Eingang eines geheimen Tunnels? Oder gar das Treppenhaus in ein noch tiefer gelegenes Stockwerk? «Dann gründen wir alle eine Selbsthilfegruppe!» In diesem Raum kann man nicht aufrecht stehen, die Arbeit ist noch mühseliger als sonst. Wir taufen ihn «Gollum-Loch». Im Gollum-Loch entdecken wir Tierhörner. Zwei grosse, geriffelte Hörner – «vermutlich Mammut-Stosszähne!». Wie herkömmliche Kuhhörner sehen sie jedenfalls nicht aus. Aber wir entdecken keinen Tunnel und kein weiteres Stockwerk. Zum Glück!

Im Spätmittelalter hatte der Convento eine Bedeutung, die über die Region herausragte. Das verdankte er seiner Lage in Casaccia, am Fuss zweier wichtiger Alpenpässe: dem Malojapass und dem Septimer. Beide verbanden Italien mit «Deutschland», womit damals noch alle Länder deutscher Sprache bezeichnet wurden; einer über den Inn nach Baiern, der andere über den Rhein ins Bodensee-Gebiet. Vor dem strengen Passaufstieg legten die Reisenden und Säumer eine Rast ein, stärkten sich mit einer deftigen Mahlzeit und wechselten ihre Reittiere. Dafür war der Convento da, ein Hospiz als Teil einer langen Kette von Gasthäusern, das nächste auf der Septimer-Passhöhe. Im Orient hätte man sie Karawansereien genannt.

Im hintersten Raum sind wir ewig am schaufeln. Ein langes Gewölbe, bis 30 cm unter der Decke mit Schutt aufgefüllt – «mit Lehmmaterial bis fast zum Gewölbescheitel aufgefülllt, so dass ein Mann nur in liegender Stellung zwischen Material und Gewölbe Platz finden würde. Diese Masse ist so verhärtet, dass sie mit dem Pickel schwer abzugraben ist», schrieb Peter Dalbert, Ingenieur aus Borgonovo im Jahr 1933. Es ist einer der uralten Räume, mit Kreuz am Eingang. Schon vor zwei Jahren sind wir hier auf eine Tischplatte gestossen, mussten die Grabung einstellen, bis diese von den Archäologinnen begutachtet war. Und eine Bank, die ein besonders motivierter Graber mit dem Spitzbohrer teils zerstörte, weil sie erst nicht vom Geröll zu unterscheiden war. Nach der Räumung wirkt der Raum wie eine Kapelle, mit Bänken an der Seite und einem Altar in der Mitte.

«Convento» bedeutet Kloster, und tatsächlich hatte er auch religiöse Bedeutung. In Casaccia entstand schon 998 die Wallfahrtskirche San Gaudenzio. Pilger aus ganz Norditalien und dem süddeutschen Raum kamen hierher und übernachteten in seinem Hospiz. Manche Quellen sprechen von Nonnen, die im Convento lebten. In Casaccia gibt es gar die Legende, diese Nonnen hätten einen geheimen Tunnel gegraben, aus dem Keller des Conventos bis zur Turraccia. Das ist die Burg über dem Dorf, vom Convento etwa 100 Meter Luftlinie entfernt. Den dortigen Rittern hätten die Nonnen heimliche Besuche abgestattet. Anderen Quellen zufolge lag «die Betreuung in den Händen eines Mönches, eines Messners und eines Verwalters». Der Convento war damals das wirtschaftliche Herz des oberen Bergells, sehr wohlhabend mit Landbesitz im ganzen Tal. Die noch heute erhaltene Suste (Güterumschlagplatz mit Lagerraum) zeugt davon.

Den Zugang zum geheimen Tunnel vermuten wir im langen, kapellhaften Raum ganz zuhinterst (oder im Gollum-Loch). An beiden Enden gibt es verschüttete Öffnungen, bei denen nicht klar ist, ob es Fenster oder Türen sind. Das Rätsel motiviert uns beim Graben. Wir spekulieren. Und hoffen, dass das legendäre Tunnel nicht existiert, denn das würde viele Extraschichten beim Ausgraben bedeuten. Überhaupt, diese Legende ist doch wenig plausibe! Wenn für uns schon das Ausgraben dieses Kellers ein solch immenser Aufwand ist – gab es für die Nonnen wirklich keine effizienteren Lösung für heimliche Ritterbesuche? Wir graben uns durch und sind erleichtert, Fenster vorzufinden. Fenster, die sich zwei Stockwerke unter der Erde befinden. Heute kaum vorstellbar, dass sie einst ins Freie gingen.


Dies liegt daran, dass Casaccia im Laufe der Jahrhunderte ständig von Rüfen (Gerölllawinen) getroffen wurde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts beschloss man darum, die Wallfahrtskirche mitsamt des Hospizes an eine geschützte Stelle ausserhalb der Ortschaft zu verlegen. 1518 wurde dort die neue, prächtigere Gaudenzkirche eingeweiht. Es war eine kurze Blütezeit. Es kam die Reformation und mit ihr der Bildersturm. Ein Chronist empörte sich Jahrhunderte später: «Im Jahr 1551 wurde sodann der längst gehegte Plan ausgeführt. Der ehemalige Bischof Bergerio, der als protestantischer Prediger im Bergell tätig war, entweihte und verwüstete in gottloser Weise die sehr besuchte Wallfahrtskirche des hl. Gaudentius. Jetzt ist sie eine Ruine.»

Auch der Convento zog sich nicht schadlos aus der Affäre. Die Bilderstürmer zerkratzten die religiösen Fresken in seiner Fassade, die wenige Jahrzehnte davor ein norditalienischer Maler angebracht hatte. Die Kratzspuren in den Gesichtern von Maria und Josef sehen aus, als wären sie erst gestern von betrunkenen Vandalen angebracht worden. Die Ländereien des Hospizes wurden 1556 unter den Bergeller Dörfern aufgeteilt, das Gebäude selbst ging in bäuerlichen Besitz über.

Rüfen sind nicht nur im Convento ein Problem, sondern in ganz Casaccia. 1573, 1673, 1740, 1834… Fast schon regelmässig zogen die Schlammassen vom steilen Piz dal Sasc oder vom Fluss Orlegna durch das kleine Dorf. Besonders zerstörerisch war die Rüfe von 1740, welche die Dorfkirche vernichtete – sie wurde kurz darauf neu aufgebaut. Der Pfarrer und Chronist Nicolin Sererhard beschrieb ‹Casatschia› damals folgendermassen: «Die Häusser dieses Dorfs ligen beynachem alle bis an die Hälfte vergraben in Leim und Steinen, mit welchen sie vor Jahren ein vom Berg herunter gerissene Rüfi überschwemmt hat.» Der Schutt im Convento stammt wohl von ihr. Ingenieur Dalbert kam 1933 zum Schluss: «Die Rüfe nahm ihren geraden Weg gegen die Kirche und den westlichen Dorfteil zu, und nur der Schlamm konnte nach Passierung des Hügels links gegen das Hospiz abgestossen werden. Dies erklärt, warum man im ersten Stockwerk nur Schlamm, keine Steine oder Bollen vorfindet.»

Am meisten von diesem Schlamm lag in der grossen Halle im Keller. Zu Beginn der Graberei war sie noch fast komplett verschüttet, nur ein enger Tunnel führte hindurch. Dann konnte man plötzlich darin stehen. Eine Baufirma besserte die Löcher im Deckengewölbe aus. Beim Weitergraben kam ein Portal zum Vorschein, wohl einst der Haupteingang, heute deutlich unter der Erde. Kürzlich stellte sich heraus, dass der eigentliche Boden der Halle nochmals einen halben Meter tiefer liegt. Das heisst: weiterspitzen, weitergraben, weiterschaufeln. Vier Tage sind nötig, um das neue Bodenniveau in der ganzen Halle zu erreichen.

Dennoch wurde der verschüttete Keller weiter genutzt. Ein Nachbargebäude hatte sogar über lange Zeit «Käselagerrechte» im Convento. Mit der Zeit begannen auch die Historiker, sich für den verschütteten Keller zu interessieren. In einer mindestens 200-jährigen Chronik heisst es «Hr. Pfarrer Semadeni in Bondo hat neuestens in Casaccia ein halb in Sand vergrabenes Haus entdeckt, das den Namen ‹Jl Convento› trägt, wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt und aussen Malereien (Heilige darstellend) zeigt.» Ingenieur Dalbert machte 1933 der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft Graubündens die Anregung, die beiden verschütteten Stockwerke auszuräumen, «um vielleicht durch allfällige Funde mehr Licht über die Geschichte der ersten San Gaudentiuskirche und ihres Hospizes zu bekommen. Der Eigentümer des Hauses hätte nichts dagegen, und die Arbeit würden die fleissigen Männer von Casaccia im Herbst z.B. billig besorgen.»


Fast hundert Jahre später heissen diese Eigentümer Dania und Martin, und sie haben das Werk endlich vollbracht: Seit dem 24. Mai 2026, 15 Uhr, ist der Keller zum ersten mal seit 1740 wieder leer! Die fleissigen Frauen und Männer kamen nicht aus Casaccia, sondern aus dem Rheintal und von vielen anderen Orten. An vielen Wochenenden der letzten Jahre und zuletzt drei Wochen am Stück. Allein in den letzten drei Wochen haben sie 160 Dumper-Ladungen Schutt haben sie aus dem Keller geholt, in Kübeln, Garetten, zuletzt mit Förderband und Dumper. Die Bevölkerung von Casaccia begleitete sie mit Wohlwollen, Neugier und guten Tipps. Und für mich gab’s zum Abschluss dann doch noch einen Grenzübertritt, sonst könnte ich hier nicht berichten: nach der letzten Schaufel Schutt schüttelten wir den Staub aus unserer Arbeitskleidung, duschten und zogen uns schön an. Dann fuhren über den nahegelegenen Grenzübergang Castasegna ins italienische Chiavenna, um zu feiern. «De Käär isch läär!»


