Wenn man von Kirkenes aus an die russische Grenze fährt, ist das natürlich mega spannend. Doch in der Region gibt es noch eine zweite Grenze: jene zu Finnland. Die kann mit der russischen Grenze nicht mithalten: Das Land ist flach, die Strasse schnurgerade, auf beiden Seiten Bäume. Kontrollen oder gar martialische Drohgebärden findet man hier keine, man ist ja im Schengen-Raum. Doch auch hier kann man ein paar spannende Beobachtungen machen. Allen voran ein geteilter Ort.

Neiden/Näätämö ist kein so offensichtlich geteilter Ort wie etwa Valga/Valka oder Baarle, wo die Grenze mitten zwischen den Häusern verläuft. Ganz im Gegenteil, wenn man auf der Grenze steht (Bild oben), sieht man weit und breit keine Häuser. Das liegt aber daran, dass wir uns im samischen Kulturraum befinden, wo sich Ortschaften nicht durch einen dicht bebauten Kern auszeichnen. Eine samische Ortschaft heisst Siida, sie ist eine territorial klar definierte Einheit, die von einer grösseren Gruppe Rentierzüchter gemeinsam genutzt und bewirtschaftet wird. Da die Sami teils nomadisch leben, handelt es sich dabei um grössere Gebiete.

Eine solche Siida ist Neiden/Näätämö oder korrekterweise Njauddâm, wie es in der lokalen skoltsamischen Sprache heisst (die vierte Version auf dem Ortsschild, Njávdán, ist auf Nordsamisch). Beziehungsweise war es. Denn 1826 wurde die norwegisch-russische Grenze festgelegt und dabei die Siida Njauddâm einfach so mit einem Strich auf der Landkarte geteilt – so wie es die europäischen Grossmächte damals auch in Afrika gern taten. Der nördliche Teil der Ortschaft ging an Norwegen, der südliche Teil an das Grossfürstentum Finnland, das damals noch zum Russischen Reich gehörte. Vorerst hatte das für die lokale Sami-Bevölkerung kaum Folgen, aber 1852 schloss Russland die Grenze für Rentierwanderungen. Die Siida konnte nicht mehr bewirtschaftet werden und zerfiel.

Russland ging, es kam die EU, die Schengen-Zone und mit ihr die Personenfreizügigkeit. Doch eine Rentierfreizügigkeit gibt es bis heute nicht: entlang der ganzen norwegisch-finnischen Grenze besteht ein Zaun, der Rentierwanderungen unterbindet. Am Grenzübergang Neiden/Näätämö führt die Strasse über einen Viehrost, der Wanderweg quert den Rentierzaun mit einer Brücke. Genauso wird es an der norwegisch-russischen und der finnisch-russischen Grenze gehandhabt. Nur entlang der norwegisch-schwedischen Grenze gibt es einen begrenzten kleinen Grenzverkehr für ortsansässige Rentiere.

Anders als die norwegische Grenze zu Russland ist jene zu Finnland nicht eben furchteinflössend. Doch ganz auf Schilder beschränkt wie im übrigen Schengenraum ist sie nicht, es gibt eine norwegische Zollstation. Denn gleich wie die Schweiz gehört Norwegen nicht zur EU-Zollunion. Die Zollstation ist ein einsames Gebäude mitten im Wald. Sie war, soweit ich erkennen konnte, unbesetzt. Und das obwohl die Grenze gerade bei Einkaufstouristen beliebt ist.

So sieht der Grenzübergang aus – willkommen in der EU! Das finnische Grenzschild ist dreisprachig auf Finnisch, Schwedisch (die nationalen Amtssprachen) und Samisch (das lokal eingesetzt wird) beschriftet. Das norwegische Schild (siehe Fotos weiter oben) ist sogar viersprachig: Zuoberst Norga auf Nordsamisch, dann Norge auf Norwegisch-Bokmål, dann Noreg auf Norwegisch-Nynorsk und schliesslich Norja auf Finnisch. Dafür fehlen die EU-Sterne.

Wie das norwegische Neiden ist auch die finnische Seite von Näätämö eine Streusiedlung. Der „Ortskern“ besteht vor allem für die Bedürfnisse der norwegischen Einkaufstouristen: Ein Supermarkt, eine Tankstelle und ein Pub. Er macht einen reichlich trostlosen Eindruck, der vom regnerischen Wetter noch unterstrichen wird. Als wäre Finnland der arme Nachbar Norwegens und nicht selbst eines der wohlhabendsten Länder der Welt.

Hauptattraktion von Näätämö ist natürlich der Supermarkt „K-Market“ mit für norwegische Verhältnisse sehr billigen Preisen. Man findet hier eine grosse Auswahl an Wolle und Garn (scheint in den arktischen Regionen üblich zu sein, wahrscheinlich wegen der langen Winternächte…), Artikel mit Bezug zur Rentierwirtschaft wie Dolche – und eine sehr grosse Auswahl an Alkohol und Zuckerwaren.

Wir hatten gehofft, im Pub einen Kaffee trinken zu können. Leider war es geschlossen. Sehr schade, denn es strahlte eine ausgesprochene Grenzland-Stimmung aus. Und machte auch überhaupt nicht den Eindruck, als wäre es nicht mehr in Betrieb. Nur waren wir leider wohl zu früh dran.



Deshalb wichen wir auf die nächstbessere Option aus, die wesentlich einladendere „Statens Fjellstue“ auf der norwegischen Seite der Grenze. Direkt vor der Fjellstue steht ein Denkmal, auf dem das sowjetische Staatswappen mit Hammer und Sichel prangt. Er gemahnt der Befreiung Neidens durch die Rote Armee am 27. Oktober 1941 – zuvor war die Ortschaft von den Nazis besetzt gewesen. Weit ist die russische Grenze also auch hier nicht. Doch immerhin: die damals von den Sowjets „befreiten“ Gebiete sind die einzigen, welche diese direkt nach dem Weltkrieg bereitwillig an ein anderes Land (also Norwegen) zurückgaben. Andere Grenzregionen hatten weniger Glück…

