Kirkenes, die letzte Station des Postschiffs Hurtigruten, ist das Ende Norwegens. 2500 Strassenkilometer von Oslo entfernt, östlicher als Ankara und Kairo, die letzte richtige Ortschaft des Landes. Und dennoch kann man von Kirkenes aus noch mehr als eine Stunde weiter in den Osten fahren. In eine Ortschaft, die derart von ihrer Grenzlage geprägt ist, dass sie diese sogar in ihrem Namen trägt: Grense Jakobselv. Auf der anderen Seite des gleichnamigen Flusses liegen die fast unendlichen Weiten Russlands, bis zur russisch-amerikanischen Grenze in der Beringsee kommt keine weitere Grenze mehr.

Die knapp 200 Kilometer lange russisch-norwegische Grenze war während des Kalten Kriegs eine der am schärfsten bewachten und eine von nur zwei direkten Grenzen der NATO mit der Sowjetunion. Ab den 1990er Jahren gab es eine Phase der Entspannung, doch diese ist jetzt vorbei: Schon ein paar Kilometer bevor die Strasse von Kirkenes nach Grenze Jakobselv auf die eigentliche Grenze stösst, weisen Schilder darauf hin, dass hier Restriktionen (Områderestriksjoner) herrschen. Am Grenzfluss selbst, der nicht besonders breit ist, trifft man auf einen weiteren Tafelwald. In norwegischer und englischer Sprache wird mitgeteilt, dass man nicht nach Russland hinüberrufen darf, keine Faxen machen, kein Teleobjektiv benützen. Angeblich macht im weiter südlich gelegenen Pasviktal ein Schild sogar darauf aufmerksam, dass man nicht nach Russland pissen darf. Muss wohl passiert sein…

Die ersten norwegischen Siedler sind in dieser Region erst im 19. Jahrhundert angekommen. Eigentlich ist Norwegen hier Kolonialmacht, gleich wie Russland. Einheimisch sind die Sami, die sich über Jahrhunderte nicht um Grenzen kümmerten. 1326 regelten die Republik von Nowgorod und Norwegen zwar die Besteuerung dieser Sami in einem Vertrag, legten aber keine Grenze fest. 1826 holte man dies endlich nach und einigte sich auf einen ziemlich skurrilen Grenzverlauf. Er folgt den beiden Flüsen Pasvik und Grense Jakobselva, schneidet aber nahe bei Kirkenes eine russische Exklave aus dem norwegischen Westufer des Pasvik. Grund dafür ist eine dort stehende orthodoxe Kapelle, die den Sami als Wallfahrtskirche dient und schon seit dem 16. Jahrhundert besteht. Mittlerweile hat diese Grenze 200 Jahre Bestand und ist damit eine der ältesten unveränderten Grenzen Europas.

Die Strasse führt von Kirkenes aus zunächst zum Grenzübergang Storskog (siehe unten). Von dort aus sind es noch 45 Kilometer bis Grense Jakobselv, für die man aber eine ganze Stunde braucht: Das Strässchen ist eng, vielerorts uneben und auf den letzten 10 Kilometern nicht einmal gepflastert. Wahrscheinlich will man es den Russen im Fall eines Einmarschs nicht allzu leicht machen. Doch lohnt sich die Fahrt auch für Nicht-Grenzfreaks: die kaum besiedelte Gegend ist eindrücklich mit kargen Bergen, tiefen Fjorden und blauen Bergseen. Sogar den ältesten Berg Norwegens findet man dort, so verkündet es ein Strassenschild. Auf den letzten Kilometern fährt man entlang der Grenze. Ein wenig beunruhigend ist es schon, auf der Satellitenkarte im Fahrzeug ständig die Nähe zu Russland zu sehen…

So sieht der Grenzfluss Grense Jakobselva kurz vor der Mündung aus. Alles andere als unüberwindbar. Auf der norwegischen Seite gibt es einen Zaun, aber er soll nur die Rentiere von der Grenze fernhalten. Wenn sie nach Russland gingen, könnten ihre Besitzer sie nicht mehr einfangen. Aber über diesen Zaun gibt es Treppen, so gelangt man zu den leuchtgelben norwegischen Grenzpfählen. Es wirkt so, als könnte man einfach nach Russland hinüberwaten, und ein wenig ist man auch in Versuchung. Doch auf beiden Seiten des Flusses gibt es Militärposten, zudem Videoüberwachung. So einsam wie man sich fühlt, ist man mit Sicherheit nicht. In einem Buch habe ich gelesen, dass sich die Einheimischen nicht weiter als zu den gelben Pfählen wagen, auch wenn die Grenze eigentlich in der Mitte des Flusses liegt. Der Autor dieses Buches hat dies nicht beachtet. Wir waren vernünftiger.

Wir sehen aber, wie von der russischen Seite her ein Rentier den Fluss quert! Es steht mitten im Fluss auf einer Sandbank, exakt auf der Grenze. Das Ren macht keinen fitten Eindruck, es legt sich hin und sieht tot aus, steht dann aber wieder auf. Es wirkt, als würde es versuchen, mit letzter Kraft ans norwegische Ufer zu gelange. Was für ein absurd symbolisches Bild.

Anders als auf der norwegischen Seite der Grenze gibt es in Russland weit und breit keine Ortschaft. Das Gebiet ist Grenzzone, die man nur mit einer besonderen Bewilligung betreten darf. Solche Grenzzonen gibt es in ganz Russland, sogar am Polarmeer: die nördliche Hälfte der immensen Republik Sacha-Jakutien ist eine solche, Normalsterbliche dürfen da nicht hin. Ganz leer ist auch die russische Seite der Grenzregion nicht, es gibt Wege, Treppen, einen Helikopterlandeplatz und ein paar militärische Gebäude. Im Fall eines illegalen Grenzübertritts wäre man also bestimmt nicht lange allein.

An der Flussmündung steht in Russland dieses kleine Obelisk (und direkt davor der letzte Grenzpfahl). Es ist ein kleines, felsiges Kap namens Мыс Ворьема (Mys Worjema). Worjema ist der russische Name des Grenzflusses, abgeleitet vom samischen Vuorjám. Für einmal waren die Russen also die sanfteren Kolonialherren und haben im Gegensatz zu den Norwegern den lokalen Namen beibehalten.

Was für ein Kontrast zum russischen Mündungsgebiet: in Norwegen erstrecken sich an der Grenze zwei perfekte Sandstrände, Storsanden und Lillesanden. Hier endet die norwegische Strasse an einem Parkplatz, der wenig überraschend auch ein Wohnmobil-Stellplatz ist (wie so oft in dieser Gegend). Er gewährleistet, dass sich am Ende Norwegen kein Einsamkeitsgefühl einstellt: auf der einen Seite sind sechs deutsche Wohnmobile aufgereiht, auf der anderen finden sich finnische und norwegische Autonummern. Ich kann der Verlockung eines kurzen Grenzbads in der Barentssee nicht widerstehen, allerdings im von der Grenze etwas entfernteren Lillesanden. Ich bin nicht der einzige, der kurz ins Meer springt. Dieses ist mit 9° C weniger frostig als man angesichs der arktischen Lage denken würde, Golfstrom sei Dank.

Grense Jakobselv ist eine Streusiedlung ohne Ortskern. Früher lebten die Einwohner von der Fischerei und Landwirtschaft, es gab eine eigene Schule. Das Dorf war wirtschaftlich eng mit dem Gebiet jenseits der Grenze verwoben. Bis in die 1940er Jahre war diese nicht kontrolliert und konnte frei überquert werden. Vor dem 1. Weltkrieg gab es in Europa ohnehin keine Grenzkontrollen, in der Zwischenkriegszeit gehörte die Petsamo-Region ennet der Grenze zu Finnland. Erst mit dem 2. Weltkrieg und dem Eisernen Vorhang war damit Schluss. Grense Jakobselv lag plötzlich in einer Sackgasse und es wurde immer schwieriger, dort über die Runden zu kommen. Ende der 1970er Jahre entvölkerte sich das Dorf, seither werden die Gebäude nur noch als Wochenendhäuser genutzt.

Herz des Dorfs ist die König-Oskar-II.-Kapelle, die ursprünglich den gleichen Zweck erfüllte wie die Grenzpfähle. Die Norweger erbauten sie 1869 um zu markieren, dass hier wirklich norwegisches Territorium ist. Mit Russland als Nachbarn waren solche Massnahmen wohl schon damals ratsam. Die Kirche ist selten geöffnet, aber ich hatte Glück bei meinem Besuch und konnte vor der Schliessung noch einen Blick ins Innere erhaschen. Dort fallen verschiedene Plaketten auf, die im Rahmen von Besuchen durch norwegische Könige angebracht wurden – unter anderem vom namensgebenden König Oskar II., der hier am 4. Juli 1873 Gottes Wort hörte, und zuletzt Kronprinz Haakon 1996.


Grenzmarkierungen findet man auch in der Fussgängerzone von Kirkenes, und zwar je einen russischen und norwegischen – rein als Touristenattraktion, die echte Grenze ist 15 Kilometer entfernt. Der russische Grenzpfahl ist von den jüngsten Ereignissen geprägt. Jemand hat den auf der Metallplatte eingravierte russische Wappenadler zerkratzt, Plakate in den ukrainischen Farben rufen dazu auf, Russlands Angriffskrieg zu beenden.

In Kirkenes ist das eine neue Entwicklung. Lange Zeit war die Bevölkerung den russischen Nachbarn eher wohlgesonnen – besonders als sich in den 1990er Jahren die Grenzen öffneten und einen Austausch ermöglichten. Lange Zeit pendelten die Norweger in die umliegenden russischen Orte, um billig einzukaufen, zu tanken und sich die Haare schneiden zu lassen. Und auch Russen kamen nach Norwegen, unter anderem um elektronische Geräte zu kaufen. Diese waren zwar teurer als in Russland, aber standen im Ruf, zuverlässiger zu funktionieren. Noch heute sind Geschäfte in Kirkenes zweisprachig angeschrieben, etwa das Spareland/Спареланд am Hafen. Auch die Strassenschilder im Stadtzentrum sind in lateinischer und kyrillischer Schrift gehalten.

Im bereits erwähnten Buch – es heisst „The Curtain and the Wall“, von Timothy Phillips, sehr empfehlenswert – berichten die Gesprächspartner, die Bevölkerung von Kirkenes habe eine Art kollektives Stockholmsyndrom gegenüber Russland entwickelt. Denn Angst war durchaus auch da. Immerhin hatte die Sowjetunion 1968 Truppen rund um Kirkenes zusammengezogen und die Artillerie auf die norwegischen Grenzposten gerichtet – Norwegen wäre einem Einmarsch machtlos gegenübergestanden. Dies war der schwerste Vorfall im Kalten Krieg an dieser Grenze. Doch später beruhigte sich die Lage, ein kleiner Grenzverkehr war schon zu Sowjetzeiten möglich und erst recht in den 90er Jahren, als sich Norweger und Russen vor allem auf menschlicher Ebene begegneten und die „Grosspolitik“ in Oslo und Moskau liessen.

Durch die zunehmend aggressive Aussenpolitik Russlands und besonders seit der vollumfänglichen Invasion der Ukraine 2022 ist das Russland-Bild wieder ins Negative gekippt. Wesentlich dazu beigetragen hat, dass ein pensionierter Grenzwächter aus der Region 2017 in Moskau verhaftet wurde. Mittlerweile leben auch in der Finnmark viele Flüchtlinge aus der Ukraine, und Russlandkritik ist im Stadtbild sichtbar. So etwa vor dem sowjetischen Befreiungsdenkmal mitten in Kirkenes, vor dem permanent ein Fahrzeug in den ukrainischen Farben abgestellt ist mit der Aufschrift „Stop War! Stop Putin“. Dennoch liegen vor dem Aljoscha, wie das Kriegerdenkmal im Volksmund heisst, immer noch frische Blumen. Bei meinem Besuch hatte sie der heftige Wind verstreut, aber am nächsten Morgen waren sie wieder feinsäuberlich aufgereiht.

Das Strassenschild nach Murmansk/Мурманск gehört ebenfalls zu den touristischen Attraktionen Kirkenes‘ und ist sogar auf manchen Postkarten abgebildet.

Auf dem Weg zum Grenzübergang zweigt im Dorf Elvenes ein Weg zum Weiler Skafferhullet ab. Hier gelangt man direkt bis an die norwegische-russische Landgrenze an der Fast-Exklave Borisoglebskij mit ihrer historischen orthodoxen Kapelle, dem Gegenstück zum Kirchlein in Grense Jakobselv. Auch hier warnt ein Tafelwald vor Überschreiten der Grenze, weist auf die Kameraüberwachung hin und darauf, dass der Zaun nur aufgestellt wurde, um Rentiere an der Grenzüberquerung zu hindern. Für Menschen gibt es auf der norwegischen Seite keine physischen Hindernisse, man darf bis an die Grenzlinie gehen – aber nicht hinüber, das ist auch aus norwegischer Sicht strafbar. Dies wurde 2021 einer Touristin zum Verhängnis, die zum Dreiländerstein Norwegen-Finnland-Russland gewandert war und diesen umarmt hatte. Da dabei einer ihrer Arme nach Russland gelangte und die Videokamera dies aufzeichnete, musste sie später eine Geldstrafe von 8000 Kronen (ca. 700 Franken) bezahlen.

Der Grenzübergang Storskog ist der einzige zwischen Norwegen und Russland und einer der wenigen noch geöffneten Grenzübergänge Russlands zum Schengenraum, wobei man ihn mit russischen Autokennzeichen auch nicht mehr befahren darf. Das ist ein richtig krasser Grenzübergang, da die Kontraste kaum grösser sein könnten: auf der einen Seite das dünn besiedelte Süd-Varanger-Gebiet Norwegens mit herrlicher, fast unberührter Natur – auf der anderen Seite die russischen Industriestädte Nikel und Zapoljarnyj, in denen der Nickelabbau die Umwelt sichtbar zerstört. Nur zu gerne hätte ich diese Grenze mal überquert… 2010 konnte ich immerhin die russische Seite besuchen, was unglaublich eindrücklich war: ich war wohl nie sonst in einer derart zerstörten Gegend. Dazu mehr im nächsten Blog-Beitrag.

Einen ganz kleinen Einblick nach Russland würde diese Souvenir-Bude am Grenzübergang bieten, die auf norwegischem Boden russischen Souvenir-Kitsch feilhält. Bei unserem Besuch war sie aber leider geschlossen.

Auch direkt am Grenzübergang, noch vor dem ersten Strassenschild, weht die erste Ukraine-Flagge und macht klar, auf welcher Seite die norwegischen Sympathien derzeit stehen.

Abreisetag: auch am Flughafen Kirkenes sind die gleichen drei Grenzpfähle (von links: Finnland, Norwegen, Russland) wie am Dreiländerpunkt aufgestellt, hier kann man sie aber risikolos umrunden und fotografieren. Sie zeigen, wie sehr sich die Region Süd-Varanger rund um Kirkenes mit ihrer Grenzlage identifiziert. Sogar das lokale Museum nennt sich „Grenzlandmuseum“.
