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Hexenkessel auf der Grenze: Die Wagah-Grenzzeremonie

Es ist eine der Grenzen, wo man sich verwundert die Augen reibt und sich fragt: kann es sowas wirklich geben auf der Welt? Mehrere Tausend Kilometer Grenze trennen Indien von Pakistan, überschreiten kann man diese nur an einem Punkt: zwischen Wagah (Pakistan) und Attari (Indien). Und der hat es in sich. Jeden Abend bei Sonnenuntergang werden die Flaggen in einer Zeremonie abgezogen, die ihresgleichen sucht. Mit martialischen Gebärden versuchen die Grenzwächter der verfeindeten Staaten, einander kurz vor Feierabend einen Schrecken einzujagen, angepeitscht von Tausenden Fans auf beiden Seiten. Ein Hexenkessel des Nationalismus.

Die Grenzzeremonie fühlt sich tatsächlich wie ein Sport-Grossanlass an. Auf dem Parkplatz vor dem Grenzübergang treffen Busse und Taxis ein mit den Fans. Eine Stunde vor «Anpfiff» passiert das letzte Fahrzeug den Grenzübergang, ein Fiat mit italienischen Reisenden. Dann öffnen sich die Stadiontore. Männer und Frauen müssen sich in zwei Kolonnen aufstellen für den Sicherheitscheck. Jeder wird abgetastet. In der Zone vor dem Stadion gibt es Stände mit Fanartikeln: Pakistan-Flaggen, -Stirnbänder, -Souvenirs. Jemand malt Pakistan-Flaggen auf die Gesichter der Fans.

Das indische Stadion ist viel imposanter als das pakistanische. Die beiden Tribünenringe fassen 25’000 Zuschauer, dazwischen prangt in riesigen goldenen Lettern die Devise «INDIA’S FIRST LINE OF DEFENSE». Hoch über dem Stadion weht eine der grössten Indien-Flaggen der Welt. Erst vor fünf Jahren ist der obere Ring dazugekommen. Nun zieht Pakistan nach. Derzeit ist ein noch grösseres Stadion im Bau als das indische, gestaltet als exakte Replika des Alamgiri-Tors am Fort von Lahore. Während der Bauzeit ist die Kapazität aber stark eingeschränkt. Es empfiehlt sich deshalb, bereits um 15 Uhr anzustehen – der Ausflug an die Grenze nimmt also locker den ganzen Nachmittag in Anspruch.

Langsam versinkt die Sonne im Smog über der pakistanischen Stadionbaustelle: Es soll grösser werden als das indische Gegenüber.

Lange vor Matchbeginn sitze ich deshalb bereits auf den Rängen, doch das Stadion ist schon gut gefüllt. Fliegende Händler verkaufen Popcorn, Samosas und Softdrinks. Angepeitscht von Vorsingern (darunter ein einbeiniger Derwisch), stimmt das Publikum erste Fansongs an: Pakistan Zindabad! Jin Jin Pakistan! Allahu Akbar! (Jawohl.) Auf der indischen Seite gibt es eine Choreografie zu bewundern, die an einen brasilianischen Karneval erinnert. Die Tambouren hingegen eher an die bodenständige Rheintaler Fasnacht.

Um halb fünf Uhr versinkt die Sonne nicht am Horizont, sondern in einem grauen Smog-Schleier, und die Zeremonie geht endlich los. Zentrales Element ist der Stechschritt, in dem die beiden Seiten unter Fanfaren, Trommelwirbel und Schlachtrufen aufeinander zumarschieren und stets an der Grenzlinie seitwärts abdrehen oder umkehren, nicht ohne zuvor furchterregend herumgefuchtelt zu haben. Entscheidend scheint zu sein, bei den Stechschritten die Hacke so weit wie möglich anzuheben, ein Spagat im Stehen sozusagen. Nach einigen Runden öffnet sich das Grenztor, es folgt ein kurzer, zackiger Handschlag zwischen beiden Seiten.

Die Zeremonie ist ein perfektes Sinnbild des Verhältnisses der beiden Riesenländer zueinander: verfeindet und einander doch zum Verwechseln ähnlich. Die Choreografie der Grenzwächter ist perfekt aufeinander abgestimmt und teilweise synchron, was kein Zufall ist: die beiden Seiten treffen sich zweimal im Monat, um den Ablauf der Zeremonie bis ins kleinste Detail festzulegen. Auch die Uniformen der beiden Seiten gleichen einander aufs Haar, bis auf die unterschiedliche Farbgebung – quasi das Heim- und Auswärtstrikot der gleichen Mannschaft. Sogar die lustigen Kämme in der Kopfbedeckung kommen auf beiden Seiten vor.

Highlight ist das simultane Abziehen der beiden Flaggen im Zeitlupentempo. Nach dem erneuten Torschluss ist die Zeremonie vorbei und die Fans strömen aufs Spielfeld. Ein jeder will ein Selfie mit einem der gerade bewunderten Stars ergattern, die tatsächlich imposante Erscheinungen sind. Alle sind speziell für die Zeremonie gecastet und müssen mindestens zwei Meter gross sein, überragen die Menschenmenge also locker um mindestens einen Kopf. Sie müssen sich furchteinflössende Schnäuze wachsen lassen, für die sie eine Lohnzulage kassieren. Für mich ist das Gewimmel nach dem Schlusspfiff die perfekte Möglichkeit, nach Herzenslust zu Fotografieren – normalerweise alles andere als eine Selbstverständlichkeit auf geopolitisch dermassen angespannten Grenzen.

Irgendwann ist der Spuk vorbei und der Platzwart schickt die letzten verbliebenen Fans heim – beziehungsweise zurück zum Parkplatz, wo die Busse warten. Bis es in 23 Stunden wieder losgeht.

4 Kommentare

  1. Wow, wie imposant ist das den!? Danke fürs Teilen! Wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Wusstest du dies bereits im Vorfeld oder hat dich dieses Spektakel beim Grenzüberschreiten überrascht?

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  2. Ich kann der lebhaften Schilderung der Wagah-Grenzzeremonie aus eigener Erfahrung nur zustimmen.

    Es war für mich vor 5 Jahren theatralisch beeindruckend inszeniert und befremdend zugleich, dass der Nationalismus bewusst angeheizt und das Publikum bei diesem Spektakel im nationalistischen Denken angestachelt wird.

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    1. Wow, du warst auch dort! Auf der indischen Seite?
      Ja, das waren genau auch meine Gedanken. Immerhin verbindet es die beiden Nationen irgendwie: sie sehen Menschen auf der anderen Seite, die das gleiche tun wie sie selbst. Und sie gehen (auf der pakistanischen Seite zumindest) gierig indische Duty Free-Waren einkaufen.

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