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Kostrzyn/Küstrin: Die untergangene Altstadt auf der Grenze

Die Stadt nennt sich auch "Pompeii an der Oder", doch nicht ein Vulkan hat sie dahingerafft, sondern der 2. Weltkrieg. Man hat sie nie mehr wieder aufgebaut, das Land liegt brach.
Wandert man durch dieses Brachland, fällt auf: die Strassen sind noch da, sie sind sogar beschriftet. Kostrzyn/Küstrin ist die einzige polnische Stadt mit konsequent zweisprachig polnisch-deutscher Strassenbeschilderung. Was aber eindeutig fehlt, sind die Häuser. Bis heute, 80 Jahre nach dem Krieg, hat man kein einziges Haus wiederaufgebaut.
Einst muss Küstrin (damals hiess es noch nicht Kostrzyn) eine richtig schöne Altstadt mit zwei Plätzen, Schloss und Stadtkirche gehabt haben, umgeben von eindrücklichen Festungsanlagen und zwei Armen der Oder. Dies ist heute nur noch auf einer Tafel am Eingang der einstigen Altstadt erkennbar.
Das einstige Schloss etwa ist abgesehen von etwas höheren Trümmerhaufen kaum mehr von der Umgebung zu unterscheiden – wäre da nicht die Informationstafel, die den doch eher ernüchternden Vorher-Nachher-Vergleich ermöglicht. Man fragt sich unweigerlich, wo denn die all die Steine hin sind, aus denen die Stadt gebaut war.
Die Antwort: in Warschau. Nach dem Weltkrieg wurde die dortige, ebenfalls zerstörte Altstadt minutiös wiederaufgebaut. Das Material kam aus anderen zerstörten Altstädten, denen nicht dasselbe Glück beschieden war. Das aufgegebene Kostrzyn/Küstrin etwa, oder auch Szczecin/Stettin, das bis heute keinen besonders einladenden Eindruck macht.
Dass Kostrzyn aufgegeben wurde, hängt mit seiner Lage zusammen: Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Oder zur neuen Grenze zwischen Polen und Deutschland bzw. der DDR. Heute drängt sich der Verkehr über die Grenzbrücke. Die Eisenbahnbrücke (weiss im Hintergrund) wurde gar neu erbaut. Doch damals war die Lage peripher und weder für die Volksrepublik Polen noch für die DDR interessant.
Ein Teil der Altstadt befand sich auf der DDR-Seite der Grenze, der Kietz-Insel, die heute zur Ortschaft Küstrin-Kietz gehört. Auch hier wurde sie nicht wiederaufgebaut. Stattdessen diente die Insel während des Kalten Kriegs als sowjetische Kaserne, deren Gebäude mittlerweile auch leer stehen. Ebenso der ehemalige Bahnhof Küstrin-Altstadt (im Bild), den seit dem 2. Weltkrieg die neue Grenze vom Stadtzentrum trennt und damit seine Funktion verloren hat.
Von der Grenzbrücke aus unübersehbar ist weiterhin die mächtige Befestigung der einstigen Altstadt. Die Festungselemente im heute deutschen Teil der Altstadt mussten schon nach dem 1. Weltkrieg geschliffen werden. Jene auf der heute polnischen Seite scheinen unzerstörbar und haben den Untergang der Stadt überlebt.
Teilweise wurden die Mauern und Stadttore mittlerweile sogar rekonstruiert, hier das Kietzer Tor im Süden der Altstadt.
Das einstige Apothekergässchen ist die einzige Stelle in der Altstadt, wo man sich einigermassen vorstellen kann, dass dieses Gebiet einst dicht bebaut und voller Leben war.
Sehr viel schwerer vorstellbar ist dies auf dem Gelände der einstigen Marienkirche, der Pfarrkirche von Küstriin. Ein schlichtes Holzkreuz markiert die Stelle – sowie ein Warnschild, dass man sie nicht betreten darf, weil dies gefährlich sei. Was nicht so ganz nachvollziehbar ist, von den Geröllhaufen und Mauerresten scheint jedenfalls nicht viel mehr Gefahr auszugehen als an anderen Stellen der einstigen Altstadt.
Dies war einst der rechteckige Marktplatz, Zentrum des pulsierenden Stadtlebens, gesäumt von Restaurants und Läden. Sogar eine Tramlinie gab es hier! Heute machen immerhin diese Trümmer dem Namen „Pompeii an der Oder“ alle Ehre.
Gut erhalten ist der einstige Hauptbahnhof, Küstrin Neustadt Hbf. Hier kreuzten und kreuzen sich Bahnlinien aus Szczecin/Stettin, Königsberg, Berlin und Wrocław/Breslau, darum braucht man ihn auch immer noch. Genauso wie die Neustadt an sich, einem eher neuen Stadtteil von Kostrzyn, in dem sich heute das moderne Stadtzentrum der polnischen Stadthälfte befindet. Auf der deutschen Seite gibt es nur das kleine Dorf Küstrin-Kietz, Teil der Gemeinde Küstriner Vorland. Vom Bahnhof Kostrzyn aus ging meine Reise mit diesem Zug weiter ostwärts, auf der einstigen preussischen Ostbahn.

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