Der Lonely Planet preist Bermejo als angenehmen Grenzübergang zwischen Bolivien und Argentinien an (wohl im Gegensatz zum garstigen Villazón). Man müsse nur aufpassen, einen der Tage zu erwischen, an denen ein Bus direkt von Tarija (Bolivien) nach Salta (Argentinien) fahre. Sonst werde es kompliziert: man müsse erst in die Grenzstadt Bermejo reisen, herausfinden wo man den Ausreisestempel bekommt, den Grenzfluss mit einem kleinen Boot überqueren, mit einem klapprigen Bus in die nächste Stadt und von dort aus weiter in grössere argentinische Orte. Ich konnte nicht anders, als dies als Einladung zu verstehen.

Die 1. Etappe führte vom Hochland bei Tarija, das vom Weinbau geprägt ist, über einen nebligen Pass hinunter in die dunstige Feuchte des Tieflands. Die Strasse windet sich über viele Kilometer entlang des Grenzflusses, mit ständiger Aussicht nach Argentinien – das sich hier in nichts von Bolivien unterscheidet und komplett unbesiedelt wirkt. Von Tarija nach Bermejo sind es kurvige 200 Kilometer, die ich mit einem Sammeltaxi (weltweites Konzept, in Bolivien Trufi genannt) in drei Stunden hinter mich brachte. Es fahren auch Busse, offenbar deutlich langsamer. Was schlecht ist, denn durch den Zeitunterschied verliert man auch an der Grenze eine zusätzliche Stunde.

Die Grenzstadt Bermejo empfing mich mit Regen, Abgas, Lärm und Menschengewimmel. Eine Grenzstadt eben, da darf ich nicht jammern. Sie umfasst einen ausgedehnten Markt mit Ramsch aus China und der Türkei (jawohl, es gab Trainerjacken der Kadirli Ortaokolu Osmaniye) und dem attraktivsten Produkt, das Bolivien für Argentinier feilhält: Coca-Blätter. Ausserdem gibt es Wechselstuben mit ziemlich schlechten Kursen, Stände mit verlockend riechendem Streetfood und interessanterweise Gepäckaufbewahrungsstellen.

Das coolste an Bermejo sind aber die Chalanas: Kleine Boote, mit denen man in wenigen Minuten nach Argentinien übersetzt. Da so viele Leute unterwegs sind, beträgt die Wartezeit zur Abfahrt kaum eine Minute. Die Bootsfahrer sind in Kooperativen organisiert, die jeweils eigene Abfahrtspunkte an den beiden Flussstränden haben. Die Überfahrt kostet bei allen entweder 5 Bolivianos oder 1000 argentische Pesos, was deutlich teurer ist (ca. 13.4 Bolivianos). Ich hätte aus dem Trufi direkt in eine Chalana hüpfen können. Aber ich sah keine Möglichkeit, den Pass kontrollieren zu lassen! In drei Kilometern Entfernung gibt es eine Grenzbrücke mit Kontrollstelle – musste ich extra dorthin fahren? Am Flussufer standen zwei Soldaten der bolivianischen Armee und beobachteten das Treiben. Ich fragte sie, aber sie wussten es nicht. Sie waren noch nie in Argentinien gewesen. Bei den Chalana-Büros hingegen war man überzeugt: Die Grenzkontrollen fänden auf der argentinischen Seite statt.

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als zur 2. Etappe unkontrolliert die Grenze zu überqueren und zu hoffen, dass dies stimmte. Immerhin wäre es nicht allzu schwierig, zurück nach Bolivien zu gelangen. Die Überfahrt war trotz Regenwetter schön, mit Aussicht auf das Chaos von Bermejo und die stillen Wälder Argentiniens, aber leider viel zu kurz. Am argentinischen Strand angekommen, war ich kurz in Versuchung, noch 2-3 Mal hin- und herzufahren, besann mich dann aber doch eines Besseren und suchte die Stelle, wo die Pässe kontrolliert werden.

Das war gar nicht so einfach. Ich setzte darauf, dass mich die Menschenmenge schon ans richtige Ort führen würde, und folgte ihr auf einem sandigen Streifen ins Schilf hinein. Das fühlte sich schon etwas ungewöhnlich an, bei einem internationalen Grenzübergang. Am Rand standen Träger mit Metallwagen und es gab weitere bolivianische Marktstände. Und dann… stand ich plötzlich in der argentischen Grenzstadt Aguas Blancas auf der Strasse. Keine Kontrollen weit und breit.

Ich gelangte zum Busbahnhof und hätte ohne weiteres in einen Bus ins Landesinnere steigen können. Nach dem Busbahnhof stiess ich dann glücklicherweise auf ein Schild, das mir mitteilte, dass ich die Grenze illegal überquert hatte und doch bitte den 150 Meter entfernten Kontrollposten aufsuchen solle, um mir Scherereien zu ersparen. Dies sah ich ganz gleich und fand den Posten bald an einer etwas abgelegenen Stelle des Strandes, wo ein Kontrolleur aber eher erstaunt war über mein Ansinnen, aus Bolivien aus- und nach Argentinien einzureisen, da ich ja eindeutig von der argentischen Seite her kam.

Ein grösseres Problem war das aber nicht. Er brachte mich kurzerhand durch eine Diensttüre an den anderen Eingang des Grenzübergangs, von wo aus ich dann den Postenlauf beider Grenzkontroll- und Zollstellen brav in Angriff nahm. Die argentinische Kontrolleurin erklärte mir netterweise, dass Argentinien Pässe nicht mehr abstemple, dass man aber von der Webseite der Grenzpolizei den Nachweis der Grenzüberquerung herunterladen könne. Das muss ich unbedingt mal ausprobieren. Was die stempelfreie Einreise natürlich nicht besser macht.

Der Regen nahm zu und Aguas Blancas machte einen wenig faszinierenden Eindruck. Bolivianer kaufen hier offenbar vor allem Fleisch ein, es gibt ein paar Metzgereien im Ortszentrum. Ausserdem ein Gewühl von Autos und einzelnen Bussen, denn gleich wie für mich begann auch für die meisten Chalana-Passagiere hier die 3. Etappe: Mit dem Bus in die nächste grössere Stadt mit dem langen Namen San Ramón de la Nueva Orán, genannt Orán wie die Stadt in Algerien. Sofort füllte sich der zerschlissene Bus mit Grenzgängern. Erstaunt war ich über den hohen Preis für die kurze Strecke (45 km): 5000 Pesos, also ca. 3.50 Fr. In Bolivien hatte ich für die 200 km Trufi-Fahrt nur 50 Bolivianos (ca. 2.50 Fr.) bezahlt.

Die Busfahrt war nicht sehr angenehm. Sie führte zwar weiterhin dem Grenzfluss entlang, doch davon konnte ich nichts erkennen, da die Fenster beschlugen und sowieso alle Vorhänge gezogen waren (Südamerikaner machen das ständig, wieso??). Unterwegs fuhren wir eine längere Strecke sehr langsam, am Strassenrand gab es einen Markt. Mitten im Nichts! Wie sich herausstellte, gab es hier nochmals eine Zollstelle. Für den Bus interessierten sich die Zöllner aber nicht.

San Ramón de la Nueva Orán ist keine Grenzstadt und auch sonst in keiner Hinsicht inspirierend. Es hat zwar über 80’000 Einwohner, ist aber einfach ein sehr grosses Dorf ohne erkennbares Zentrum. Es besteht aus schachbrettartig angelegten Strassen mit einstöckigen Häusern, sieht also aus wie ein Kaff in einem US-Südstaat. Immerhin war eine Filiale der Cafékette Martinez geöffnet, wo ich einen Cappucino bekam und, weil ich mittlerweile doch einen ziemlichen Hunger hatte, ein Schinken-Käse-Tost mit diesem labbrigen Toastbrot (pan de miga), das im kulinarisch sonst so angenehmen Argentinien irgendwie Nationalspeise ist. Erneut war es um ein Vielfaches teurer als in Bolivien, rund 12 Fr. für Kaffee und Toast – in Bolivien kostet dies kaum mehr als 2 Fr. Mir war gar nicht bewusst, wie gross die Preisunterschiede hier sind.

Die 4. Etappe führte durch eine ziemlich langweilige, von grossen Farmen geprägte Landschaft in die Hauptstadt der Provinz Jujuy, wo ich erst um 21 Uhr ankam. Die Stadt begeisterte mich sofort: im Zentrum muss man sich auch nachts keine Gedanken zur Sicherheit machen, man kann Leitungswasser trinken und es gibt auch keine Mücken, die Tropenkrankheiten übertragen. Was für ein Luxus! Um halb zehn Uhr versuchte ich, noch ein Abendessen zu bekommen. Die Frage im Restaurant, ob die Küche noch geöffnet sei, wurde mit Lachen quittiert: „Wir fangen erst gerade an!“
