Grenzen | Borders

Ungheni, die Grenzstadt ohne Grenzübergang

Heute besuchte ich die moldauisch-rumänische Grenzstadt Ungheni. Wie sich herausstellte, ist es gar keine Grenzstadt.

Ein Blick auf die Landkarte liesse dies gar nicht vermuten: über die Mäander des Flusses Prut sind das moldauische Ungheni und das rumänische Ungheni ineinander verzahnt. Die beiden Ortschaften teilen nicht nur den Namen, sondern auch die Sprache und sie gehörten bis 1945 zum gleichen Land. Doch hat der Fall des Eisernen Vorhangs hier nicht zu einem Zusammenwachsen der Grenzstädte geführt: bis heute gibt es keinen Strassen- oder Fussgänger-Grenzübergang.

Meine Hoffnungen lasten also auf der Eisenbahn, denn sie kreuzt hier den Prut und die Grenze. Es ist sogar die einzige Eisenbahnverbindung zwischen den beiden rumänischsprachigen Ländern. Also nichts wie los zum Bahnhof. Es zeigt sich, dass das moldauische Ungheni zwei riesige Bahnhofsgebäude hat, die etwa 500 Meter voneinander entfernt liegen: den Vorortsbahnhof und den internationalen Bahnhof.

Der Vorortsbahnhof enttäuscht architektonisch schon mal nicht, eine klassische grosse leere postsowjetische Halle, in der man sich kaum vorstellen kann, dass mal Betrieb herrschte. Nun ist die Hälfte der Halle abgesperrt, es verkehren null Züge und das Gebäude ist überhaupt nur noch darum offen, weil die Toilette von den Wartenden am angrenzenden Busbahnhof genutzt wird.

Ungheni ist der zentrale Knotenpunkt des (verbliebenen) moldauischen Bahnnetzes, aber dennoch ist es völlig ungefährlich, über den Gleisbereich von einem Bahnhof zum anderen zu gehen. Die Einheimischen machen das nämlich alle so, es gibt einen ausgetretenen Trampelpfad. Doch genau als ich ihn betrete, erschallt eine Durchsage: Der Zug aus Kyjiw (Kiew) trifft ein! Ein ziemliches Glück also, der fährt nämlich nur alle zwei Tage. Darüber hinaus hat er eine Stunde Verspätung, sonst hätte ich ihn verpasst.

Ich freute mich sehr, einen Zug der heldenhaften Ukrzaliznizja zu sehen. Ein Prowidnik beäugte mich aber eher argwöhnisch, als ich ihn fotografierte. „Warum fotografierst du den Zug“, fragte er. „Weil ich schon lange keinen ukrainischen Zug mehr gesehen habe.“ – „Es fährt jeden Tag!“ Strenggenommen nicht jeden Tag, sondern nur jeden zweiten, wie der Blick auf den sehr bescheidenen Fahrplan des Bahnhofs Ungheni zeigte. Ausserdem kommt jede Nacht der Zug Bukarest-Chișinău durch den Bahnhof und an den Wochenenden ein Tageszug nach Iași. Den einzigen Regionalzug über die Grenze hatte ich verpasst: er fährt am Morgen sehr früh ins rumänische Ungheni und weiter zum Bahnhof Socola bei Iași und kommt am späten Abend zurück.

Ein Zug würde mich also nicht über die Grenze bringen. Immerhin war das grosse Bahnhofsgebäude offen, zugänglich und strahlte eine angenehme postsowjetische Tristesse aus, unterstrichen vom blinkenden Christbaum und dem summenden Snackautomaten, dem einzigen Verpflegungsangebot. Irgendwie erinnerte er mich an Lost Places in Georgien…

Nun wollte ich aber wenigstens die Eisenbahnbrücke sehen. Sie ist eine der wenigen auf Google Maps eingezeichneten Sehenswürdigkeiten von Ungheni und nennt sich stolz: Eiffel-Brücke. In Paris hat der legendäre Architekt den Turm gebaut, im bescheidenen Ungheni immerhin die Grenzbrücke, der Stil unverkennbar derselbe: Metall. Erst seit 2012 heisst die Brücke offiziell so, und leider ist es nicht mal wahr. Die Legende entstand in den 1990er Jahren aus Mediengerüchten, historische Recherchen ergaben aber den Russen Belelubsky als Architekten.

Durch den Französischen Park (auch wegen Eiffel?), der eher ein loses Wäldchen ist, gelangt man zur Brücke. Da die Bäume kein Laub mehr tragen, kann man auf der anderen Flussseite eine typisch rumänische Kirche erahnen. Und über den Bäumen die Brücke – doch das ist auch schon alles. Ein Schild warnt den Passanten davor, sich der Brücke weiter anzunähern. Grenzzone! Das Schildchen strahlte wenig Autorität aus und normalerweise würde es mich nicht entmutigen, doch angesichts der geopolitischen Lage der Region und der Tatsache, dass die Brücke genau überwacht wird, getraute ich mich doch nicht weiter.

Beim Brückenkopf oben machte sich eine Grenzwächterin bemerkbar. Da sie mich ohnehin gesehen hatte, ging ich auf sie zu und schaute mir den Brückenkopf durch das Gitter ein wenig an: Grenzstein, Flaggenmast, ein kleines Häuschen – alles ganz fotogen. Die Grenzwächterin wollte mir einen kurzen Spaziergang durch das Gelände ermöglichen, unter der Auflage, keine Fotos zu machen. Doch nach ein paar Telefongesprächen mit ihren Kollegen zeigte sich, dass man allseits doch nicht so begeistert war von der Idee. Was eigentlich nichts machte, da ich vom Zaun aus alles Spannende ohnehin sah. Und Fotos der Brücke findet man auf der rumänischen Wikipedia – ich glaube, auf dem Bild ist sogar dieselbe Grenzwächterin!

Noch einen Blick auf die Grenzbrücke und internationale Bahnstrecke erhaschte ich von einer nahe gelegenen Strassenbrücke. Das war’s – vom rumänischen Ungheni habe ich praktisch nichts gesehen, da es weder eine Strassenverbindung gibt noch tagsüber Züge über die Brücke. Die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen, ist der Umweg über den 20 Kilometer entfernten Grenzübergang Sculeni. Soviel Aufwand war mir das rumänische Kaff aber nicht wert. Stattdessen gab es noch einen Rundgang durch das winterlich graue moldauische Ungheni, in dem sich noch mehr sozialistische Relikte erhalten haben als in Moldova (ausserhalb Transnistriens) sonst üblich.

Der zentrale graue Platz darf in keiner postsowjetischen Stadt fehlen.
Erfreulich, dass sich dieses Mosaik so gut erhalten hat!
Eigentlich dominieren in Moldova die EU-Flaggen, doch in Ungheni haben sich auch Hammer und Sichel erhalten.

Vom Grenzübergang in Sculeni sah ich auf der Weiterfahrt in Richtung Bălți nur die Tankstellen und Lastwagenkolonnen. Meine Aufmerksamkeit galt der Manele-Musik, die unablässig aus den Lautsprechern des Minibusses dröhnte – und traurigerweise grösstenteils KI-generiert war. Dieser Musikstil (vergleichbar mit dem Turbofolk Ex-Jugoslawiens) ist so anspruchslos, dass man KI-Fälschungen eigentlich fast gar nicht erkennen kann. Die einzige Methode ist Shazam, das bisher (und hoffentlich weiterhin) KI-generierte Musik nicht zuordnen kann.

Lastwagenkolonne am Grenzübergang Sculeni

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