Das ist der höchste Grenzübergang Europas, der mit dem öffentlichen Verkehr zugänglich ist: Die Testa Grigia befindet sich auf 3480 Metern über Meer, auf einem Felsplateau umringt von Gletschern und übersät von Bauruinen. Im Winter überqueren täglich Tausende diese Grenze nach Italien, es gibt sogar einen offiziellen Grenzposten (leider ohne Stempel). Denn die Grenze befindet sich mitten im Skigebiet Zermatt/Cervinia. Am einfachsten ist es natürlich, sie per Ski zu überqueren, etwas mühsamer per Snowboard (viele Traversen aka Ziehwege!) und noch viel mühsamer als Fussgänger. Aber dazu später.

Es ist nicht nur der höchste Grenzübergang, sondern auch der schönste (zumindest der Schweiz). Nur schon die Anreise: 40 Minuten lang fährt man mit Gondel- und Seilbahnen von Zermatt auf das Klein Matterhorn. Die Aussichten auf das Matterhorn und die Gletscherwelt des Monte-Rosa-Massivs sind spektakulär. Zuletzt schwebt man in einer Gondelbahn über den Theodulgletscher, im Blick bereits das Felsplateau der Testa Grigia. 3883 Meter hoch ist das Klein Matterhorn, und damit die höchste Station in einem europäischen Skigebiet. Oben angekommen, durchquert man die Bergspitze in einem Tunnel (mühsam!) und tritt erneut mit einer überwältigenden Aussicht ans Tageslicht, diesmal in Richtung Aostatal und Piemont.



Eine kurze Skifahrt später steht man schon auf der Testa Grigia. Hier kommen die italienischen Skifahrer aus Breuil-Cervinia an. Eine Beschreibung erspare ich mir und zitiere stattdessen die NZZ, die das viel besser macht: «Die Testa Grigia könnte als Schauplatz eines Thrillers durchgehen. Massive Klötze thronen hoch oben, aufgereiht auf einem Felsgrat, der vor hundert Jahren noch von Eis bedeckt war. Alte Bergstationen, die schon lange keine Gondel mehr hochgezogen haben, die neue Bergstation aus zwei überdimensionierten grauen Säulen, die italienische Guardia di Finanza und die Schweizer Grenzwache, La Rotonda, eine runde Aussichtsplattform, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Von hier aus würde der Bösewicht die Welt zerstören.» Hm ja, im Tschugger war es dann aber doch die Grand-Dixence-Staumauer.


Grenzlinie auf der Testa Grigia 2025 (links) und 2026 (rechts): Ein blauer Bösewicht ist ins Bild gerückt.



Stattdessen war die Testa Grigia jüngst Schauplatz eines schweizerisch-italienischen Grenzkonflikts. Die Grenzlinie ist hier als die Wasserscheide definiert. Lange verlief diese auf dem Theodulgletscher, einige Meter nordöstlich der Testa Grigia. Nun ist der Gletscher abgeschmolzen, die Wasserscheide hat sich auf den Felskopf verschoben. Plötzlich durchquerte die Staatsgrenze die meisten Gebäude darauf, die zuvor italienisch gewesen waren. Eines davon ist das Rifugio Guide del Cervino, die Schutzhütte der italienischen Matterhorn-Bergsteiger. Die italienischen Betreiber fanden das nicht so toll (ausser der Aussicht auf schweizerische Löhne). Es begannen jahrelange Verhandlungen mit der Schweiz. 2023 schliesslich wurde die Grenze nochmals verändert, per Staatsvertrag und Bundesratsbeschluss. Nun liegt das Rifugio wieder vollständig in Italien.



Doch gratis gaben die Schweizer die Hüttenhälfte nicht her: sie bekamen im Gegenzug die nahe gelegene Bergspitze des Dossa di Rollin, auf die ein Skilift vom Klein Matterhorn her hinaufführt. Von hier aus war einst auch ein internationales Skiweltcuprennen geplant gewesen: Die Rennpiste «Gran Becca» hätte der Schweizer Bergspitze hinab ins italienische Breuil-Cervinia führen sollen. Nach zwei gescheiterten Versuchen 2022 (zu wenig Schnee) und 2023 (zu viel Wind) ist das Projekt aber definitiv gescheitert. Erst 2028 soll der Weltcup nach Zermatt zurückkommen, diesmal aber auf dem biederen Gornergrat.

Der Testa-Grigia-Konflikt war nicht die erste Grenzveränderung im Skigebiet. Als die Zermatter Bergbahnen 2006 eine Sesselbahn auf den Furggsattel bauten, mussten sie dem italienischen Staat 250.000 Euro abdrücken: Mehrwertsteuer, weil die Bergstation auf italienischem Boden zu liegen kam. Ausserdem jährlich 3.000 Euro für das Baurecht an die Nachbargemeinde Valtournenche. Auch hier schmolz der Gletscher, die Wasserscheide verschob sich zugunsten der Schweiz und die Sesselbahn war plötzlich nicht mehr international. Zermatt stellte die Zahlungen an die Nachbargemeinde ein und bekam sogar die Viertelmillion vom italienischen Fiskus zurück.

Zwischen Furggsattel und Testa Grigia liegt die Theodulhütte. Gemäss Landkarten gehört auch sie mittlerweile zu einem Drittel zur Schweiz. Soweit ich den Online-Quellen entnehmen kann, wurde dieser sich anbahnende Grenzkonflikt bisher noch nicht gelöst. Sicherheitshalber wehen über der Hütte aber schon mal beide Flaggen.


Wer nun weiter nach Italien will, fährt am besten Ski. Es gibt gleich zwei Grenzübergänge: von der Testa Grigia direkt hinunter nach Valtournenche, oder über den Theodulpass (direkt neben der Hütte) ins Wintersportzentrum Breuil-Cervinia. Aber aufgepasst: während der Wintersaison ist der Grenzübertritt an etwa einem Viertel aller Tage nicht möglich. Stürme sind das häufigste Problem, weil dann die Seilbahnen nicht fahren können. Doch auch Nebel und Schneefall können zu einer Schliessung führen, auf dieser extremen Höhe verursachen sie einen Whiteout. Die Bergbahnen befürchten, dass sich die Sportler verirren und in Gletscherspalten fallen könnten.

Wem Wintersport zu mühsam ist, kann die alpine Grenze seit 2023 auch zu Fuss überqueren. Dazu wurde extra eine neue Gondelbahn errichtet, welche die schweizerische Bergstation auf dem Klein Matterhorn mit der italienischen auf der Testa Grigia verbindet. Vermarktet wird das Angebot grossspurig als «Matterhorn Alpine Crossing». Doch es hat gleich mehrere Haken. Der wichtigste: die Seilbahn fährt fast nie. Warum auch immer. Jedesmal, wenn ich in Zermatt war, war sie geschlossen. Wochenlange Wartungsfenster. Ausserdem: sie ist deutlich teurer als die Grenzüberquerung per Ski. Die Tageskarte im internationalen Skigebiet kostet ca. 115 Fr. beim Kauf in Zermatt, ca. 80 Fr. beim Kauf in Italien. Die einmalige Fahrt über die Grenze für Fussgänger hingegen 128 Fr.! Die Bergbahnen begründen dies damit, dass es ein Sightseeing-Angebot sei, mit Eintritten zu Attraktionen unterwegs. Doch reine Transport-Tickets gibt es nicht. Sicherheitshalber hat man die Talfahrt der oberen beiden Gondelbahnen am Klein Matterhorn bei der Ski-Tageskarte gesperrt, damit kein Fussgänger auf die Idee kommt, sich als Skifahrer auszugeben…

Die Grenzreise bzw. Skiabfahrt endet in Breuil, das zum italienischen Aostatal gehört. Natürlich nennen es die meisten Cervinia, was viel einfacher auszusprechen ist als das französische «Bröiyy». Die Matterhorn-Referenz (Monte Cervino heisst es auf Italienisch) ist zudem marketingtechnisch nicht ganz blöd. Doch eingeführt hat diesen Ortsnamen kein Geringerer als Mussolini, als im Faschismus die französischsprachigen Ortsnamen des Aostatals zwangsitalianisiert wurden. Auch aus Valtournenche wurde Valtornenza. Nach dem Weltkrieg wurde das alles rückgängig gemacht – nur Breuil hielt am faschistischen Erbe fest.


