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Am Aš der Welt

Geografiefans wissen, dass die Stadt Cheb quasi das westliche Ende Tschechiens darstellt. Man muss schon genau hinschauen um zu sehen, dass nordwestlich von Cheb ein tschechischer Finger weit nach Deutschland hineinragt: das Ascher Ländchen, auch bekannt als Ascher Zipfel (Ašský výběžek). Es ist der abgelegenste Landstrich Tschechiens, und das im Herzen Mitteleuropas.

Openstreetmap-Karte des Ascher Zipfels. Nicht beschriftet die Ortschaft Hranice am nördlichen Ende des Zipfels.

„Hranice“ ist das tschechische Wort für Grenze. Eigenartig, das an einem Ort wie Aš angeschrieben zu sehen, das auf drei von vier Seiten von Grenzen – deutschen Grenzen! – umgeben ist. Doch Hranice ist auch der Name der einzigen grösseren tschechischen Ortschaft nördlich von Aš. Auf Deutsch hiess sie einst Rossbach, doch heute ist es nur noch der Grenzort: Unweit von Hranice befindet sich das Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Ex-DDR bzw. Bayern-Böhmen-Sachsen.

Angereist bin ich mit dem Deutschlandticket. Das Dreiländereck kündigte sich schon am Grenzbahnhof Trhová Ředvice an, wie das oberpfälzische Marktredwitz auf Tschechisch heisst; die Einheimischen nennen es Rawetz. Die Gegend gehört zur Bavaria Slavica, dem ursprünglich slawisch besiedelten Teil des heutigen Bundeslands Bayern, das sich heute noch in Ortsnamensendungen auf -itz zeigt (bekannt auch der Fluss Pegnitz). Entsprechend wird man am Bahnhof von Marktredwitz dreisprachig begrüsst, auf westdeutsch, ostdeutsch und tschechisch.

Von Marktredwitz aus fahren im Zweistundentakt Regionalzüge ins ebenfalls bayerische Selb, aber durch tschechisches Gebiet: via Cheb/Eger, Františkovy Lázně/Franzensbad und Aš/Asch. Am Bahnhof von Selb zeugt eine Statue des tschechischen Staatsmanns Václav Havel nicht nur von der Grenznähe, sondern auch von seinem Weitblick. Sein Zitat beschreibt die Probleme der heutigen Zeit leider zu gut: „Der Nachteil der Demokratie ist, dass sie denjenigen, die es ehrlich mit ihr meinen, die Hände bindet. Aber denen, die es nicht ehrlich meinen, ermöglicht sie fast alles.“ Drei Häuser weiter hängen die AfD-Fahnen, die Havel meint. Und ich bin noch nicht in Sachsen.

Am Strassengrenzübergang Selb/Aš reichen sich Holz und Metall die Hand. Zwei Bildhauer aus Deutschland und Tschechien schufen das Symbol, um der Grenzöffnung nach Jahrzehnten der Trennung durch den Kalten Krieg zu gedenken. Welche Seite ist wohl Eisen, welche Holz?

Bei der Einreise in die Tschechische Republik reist man auch in die Tschechoslowakei ein: der alte Grenzpfosten wurde nicht entfernt, sondern gehegt und gepflegt. Viele Leute haben die Tschechoslowakei sehr positiv in Erinnerung, besonders in Tschechien. Gleich hinter der Grenze findet man das übliche Arrangement solcher Orte: ein Casino, Läden mit billigem Alkohol, Zigaretten und Ramsch. „Travel Free“ heissen die, seit „Duty Free“ dank Tschechiens EU-Beitritt kein Thema mehr ist. Mehrere Bars und Restaurants gibt’s da auch, was mir sehr gelegen kam: Ich hatte meine Aufenthaltszeit in Aš viel zu grosszügig geplant und konnte dort gemütlich bei Knoblauchsuppe und Budweiser Bier die Zeit totschlagen.

An jeder deutsch-tschechischen und deutsch-polnischen Grenze wird dieser Ramsch verkauft. Beliebt sind auch äusserst kitschige und oft überdimensionierte Gartenzwerge und andere Keramik-Stehrumsel. Die grellen Dinger verleihen den schäbigen Grenzregionen ihre ganz eigene Trostlosigkeit.

Als ich durch das Stadtzentrum von Aš (im Bild) spazierte, ärgerte ich mich für einmal über mein Interesse an abgefuckten Grenzregionen. All meine Freunde waren bei strahlendem Sonnenschein in den Schweizer Bergen am Skifahren oder Wandern. Was hatte mich geritten, stattdessen Kälte, Regen und diesem Juwel den Vorzug zu geben? OK, der Wetterbericht sah ursprünglich auch für diese Ecke ähnlich gut aus wie für zuhause. Und dass Aš so hässlich ist, hätte ich auch nicht gedacht, weil in Tschechien eigentlich fast alle Kleinstädte schön sind.

Aber Aš ist halt nicht ganz richtig Tschechien. Früher war es ein zutiefst deutschsprachiges Gebiet, weit weg von der germanisch-slawischen Sprachgrenze. Aber den Herren von Neuberg, denen das Gebiet gehörten, waren die Steuern in Franken und in Sachsen zu hoch. Also schlossen sie sich 1331 Böhmen an, das ihnen Steuerprivilegien gewährte. Darum die eigenartigen Grenzen des Ascher Zipfels. Denn dabei ist es seither geblieben. Weil im Ascher Ländchen aber nie Tschechen lebten, wurde nach der deutschen Kriegsniederlage 1945 die gesamte Bevölkerung vertrieben. Heute hat es nur noch ein Drittel der Einwohnerzahl von 1938 – mehrheitlich Tschechen, aber auch viele Roma.

Zentrum der Stadt war einst der Goetheplatz. Alte Bilder auf einer Stellwand zeugen davon, dass Aš früher ein schönes Städtchen war. In den beiden Weltkriegen wurde sie nicht zerstört. Aber nach der Vertreibung der Deutschen wollte kaum jemand in der Altstadt leben. Sie zerfiel zusehends. Schliesslich riss die sozialistische Tschechoslowakei viele Häuser ab und ersetzte sie durch modernere Plattenbauten. Heute hat der Goetheplatz nicht mal mehr eine zentrale Funktion, sondern erinnert lediglich an das Ausmass der Zerstörung. Ein ähnliches Schicksal wie das der Altstadt von Narva.

Aš hat einen bemerkenswert modernen Bahnhof, der allerdings einen deutlich schöneren aus habsburgischer Zeit ersetzte. Die Bahnlinie von Aš nach Selb-Plössberg war jahrzehntelang stillgelegt und wurde erst im Dezember 2015 wiedereröffnet. Heute fahren die Züge im Zweistundentakt nach Deutschland und im Stundentakt nach Cheb, was für eine so abgelegene Ortschaft doch eine bemerkenswerte Anbindung ist.

Aš ist sogar ein Knotenpunkt, denn von hier zweigt eine Linie ins noch abgelegenere Hranice (via Aš město, im Bild). Seit Jahren wird sie nur noch von einem täglichen „Alibi-Zug“, bestehend aus einem einzigen Wagen, bedient. Offenbar bedeutet das der tschechischen Bahn weniger Aufwand, als die sicher hochdefizitäre Strecke stillzulegen. Mit dem Alibi-Zug bin ich nach Hranice gefahren. Erstaunlicherweise war ich nicht der einzige Passagier – wir waren immer mindestens zu zweit. Zum zentral gelegenen Bahnhof Aš město war der Wagen sogar ziemlich voll.

Endstation Hranice. Das Dorf hat einen Nachnamen: Hranice v Čechach heisst es mit vollem Namen, also Grenze in Böhmen. Dies zur Unterscheidung vom deutlich bedeutenderen Hranice na Moravě, der Grenze in Mähren, das allerdings überhaupt nicht an der Grenze liegt.

Von Hranice aus ging die Bahnlinie einst noch weiter bis nach Adorf im sächsischen Vogtland – eine ähnliche Metropole wie das tschechische Aš. Wenig überraschend also, dass sich von Hranice aus dorthin nicht einmal ein Alibi-Zug bewirtschaften lässt. Stattdessen hat man die schon seit Jahrzehnten abgebaute Bahnstrecke kürzlich in einen Veloweg umgebaut – der auf der tschechischen Seite deutlich besser ausgebaut ist, wie das Bild des Grenzübergangs zeigt. Abgesehen von diskret platzierten Grenzsteinen links und rechts des Velowegs ist dieser überhaupt nicht markiert, Insider (ich nicht) erkennen das unterschiedliche Layout der Verkehrstafeln.

Der Rathskeller: Für ein Kaff wie Adorf doch recht pompös! Hier stieg ich nach der Grenzwanderung ab für ein Abendessen (Lammgulasch), das kulinarisch leider nicht mit dem optisch eindrücklichen Lokal mithalten konnte.

Der Bahnhof Adorf (Vogtl) ist so heruntergekommen, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass hier überhaupt ein Zug fahren würde. Der Eindruck täuschte nicht: Von meiner Verbindung um 19:18 Uhr nach Gera keine Spur, ausser dass der Zug auf der Leuchttafel kurz angezeigt war. Die Anzeige verschwand wieder, ohne dass der Zug aufgetaucht war. Ein Blick in den Online-Fahrplan zeigte, dass er ausgefallen war wegen einer Baustelle. Es war der letzte Zug des Tages nach Gera, wo ich ein Hotel reserviert hatte. Und ein Ersatzbus war nicht vorgesehen. Wohl oder übel suchte ich mir eine Absteige im verschlafenen Adorf…

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Eindrücke und Zeitgeschichte. Sehr interessant, aber der Schluss las sich wie ein Krimi! Bitte Fortsetzung…. Was passierte dann in Adorf als der Zug nicht kam? Übernachtung gefunden und wie gehts nun weiter?

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  2. Sehr spannend, die Region würde mich auch interessieren! Bin durch Bluesky auf den Blog aufmerksam geworden. Eine Anmerkung: Der Name des Flusses Pegnitz gilt wohl allgemein als vorslawisch.

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