Grenzen | Borders Reportage

Dreiländerecke am Rand des Rheintals

Es ist Corona-Zeit, die meisten Grenzen sind geschlossen. Zeit, jene Grenzen zu entdecken, die noch geöffnet sind: Kantonsgrenzen!

Disclaimer: Ich habe die gesamte Strecke zu Fuss und allein zurückgelegt und es ist mir fast gar niemand dabei begegnet – ich habe mich selten so allein gefühlt im Rheintal!

Über meinem Dorf im Rheintal befinden sich drei Stellen, an denen jeweils drei Kantone aufeinandertreffen: An all diesen Stellen sind es St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. Sie befinden sich alle in Fussdistanz von meinem Elternhaus, und ich hatte sie alle noch nie besucht. Am Mittwoch machte ich mich auf, sie zu entdecken.Rheintal bearb2

Das erste Dreikantonseck befindet sich gleich unterhalb des Restaurants Bruggtobel in Marbach, auf der Strasse nach Altstätten. Enttäuschenderweise ist es nur durch einen grossen gelben Punkt in der Mitte der Strasse markiert: Rechts dieses Punkts liegt der Kanton St. Gallen, vorne links Appenzell Innerrhoden, hinten links Appenzell Ausserrhoden – es ist der am tiefsten gelegene ausserrhodische Punkt im Rheintal.

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Weiter führte mein Weg in den Weiler Kapf AI oberhalb Lüchingens. Ich bin im Rheintal aufgewachsen, drei Kilometer Luftdistanz von diesem Weiler entfernt – und habe seine Existenz trotz meines Interessens für Landkarten und Geografie erst vor ein paar Monaten entdeckt! Dabei ist der Kapf geopolitisch überaus interessant: Er gehört zum Kanton Innerrhoden, zur Gemeinde Oberegg. Geografisch ist er aber eindeutig Teil des Rheintals und nicht des Appenzellerlands, und dorthin orientiert sich auch die Bevölkerung. Die Katholiken von Kapf gehören seit jeher zur Kirchgemeinde Marbach SG, die Protestanten wechselten 2015 von der Kirchgemeinde Reute AR zu Altstätten SG.

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Nun wanderte ich den Kornberg hoch zur „Landmark“ auf dem Ruppenpass, dem nächsten Dreikantonseck. Hier befindet sich ein prächtiger Grenzstein aus dem Jahr 1869, mit eingehauenen Kantonswappen und Inschriften:

P1100826Ansicht von der st. gallischen Seite mit dem Restaurant Landmark im Hintergrund

P1100828So sieht der Grenzstein von der appenzellischen Seite aus – das Wappen zählt für beide Appenzeller Kantone.

Die Wanderung zum nächsten Dreiländereck führte mich über den langgezogenen Bergrücken, der die Rheintaler nach dem Weiler oben auf der Krete als St. Anton (oder Töni) bezeichnen. Der Töni ist der Hausberg der Rheintaler; noch vor zwei Wochen war das Restaurant St. Anton proppenvoll, unvernünftigerweise. Nun war es leer.

Der St. Anton ist in grenzliebhaberischer Hinsicht ein spezieller Ort, denn von hier aus sieht man vier Länder: die Schweiz, Österreich, Liechtenstein und Deutschland. Man sieht sogar zwei deutsche Bundesländer, Bayern und Baden-Württemberg, sowie vier schweizerische Kantone.

P1100841 Blick vom St. Anton in Richtung Vorarlberg und Liechtenstein – das dunstige Wetter verhinderte ein bessers Panorama.

Weiter entlang der Krete führt der Weg nach Knollhusen, umgangssprachlich auch als „Bellevue“ bekannt nach dem einzigen Haus dieser Ortschaft. Unterhalb von Knollhusen befindet sich bereits das nächste Dreikantonseck.

Der Grenzverlauf der Appenzeller Kantone ist in dieser Gegend sehr kompliziert (siehe Landkarte oben). Dies liegt daran, dass zur Zeit der Appenzeller Landteilung 1597 die Einwohner der Rhoden Oberegg und Hirschberg (heutige Gemeinden Oberegg AI, Reute AR und Walzenhausen AR) beiden Konfessionen angehörten. Also beschloss man, hier keine definitiven Kantonsgrenzen festzulegen. Stattdessen sollten in diesem Gebiet die Höfe der Protestanten zu Ausserrhoden gehören, jene von Katholiken zu Innerrhoden. Dies führte mit sich, dass sich die faktischen Kantonsgrenzen mit jedem Besitzerwechsel verschoben und zu einem unübersichtlichen Flickenteppich wurden, der immer wieder zu Gebietsstreitigkeiten führte.

1870 legte die Schweiz per Bundesbeschluss den Grenzverlauf endlich definitiv fest, der Bundesbeschluss formuliert den Grenzverlauf kurios detailliert, z.B. „Von da geht die Grenze den westlichen und südlichen Gütermarken nach bis an das Strässchen von Oberegg nach Steinigacht, die Besitzung des Konrad Klee und die bisherigen ausserrhodischen Güter bei Ausserrhoden belassend. Sodann läuft die Grenze dem nördlichen Rand der Strasse entlang bis östlich vor das Haus von Hauptmann Eugster, dieses Haus bei Oberegg belassend.“

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Das letzte Kantonsdreieck meiner Wanderung – jenes unterhalb von Knollhusen – befindet sich in einem Bächlein oberhalb der Rappentobel-Schlucht. Ein moderner, betonierter Grenzstein zeigt hier an, wo die drei Kantone aufeinandertreffen.

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