Grenzen | Borders

Senegal-Mauretanien: Die nervigste Grenze der Welt

Ich liebe ja Grenzen. Aber dieser Grenzübergang stellte diese Liebe auf eine harte Probe. Die senegalesisch-mauretanische Grenze in Rosso gilt als Alptraum – erst rückblickend wird er zu einem einzigartigen Erlebnis.

Disclaimer: Ich will mich hier nicht beklagen. Ich war freiwillig dort, im Gegensatz zu anderen Leuten. Selbstverständlich respektiere ich, dass es an anderen Orten anders zugeht. Und ich verurteile das Verhalten von keiner der dargestellten Personen. Was nichts daran ändert, dass es eben nervig war. Solche Erlebnisse machen das Reisen aus 🙂

Nerv 1: Bei der Einfahrt zum Hotel in der Grenzstadt Richard Toll versperrt uns ein aufgebrachter Mann den Weg. Er schreit uns an, schlägt auf das Auto und will, dass wir aussteigen. Seine drohenden Halsabschneid-Gesten überzeugen uns, genau das nicht zu tun. Ein paar bange Minuten später kommt ein Hotelangestellter und bereinigt die Situation. Als er später ins Hotel zurückkehrt, ist er sichtlich aufgewühlt und kündigt an, den Mann bei der Polizei anzuzeigen. Es wird eine unruhige Nacht.

(Anmerkung: Wir liessen das Auto im Senegal, weil sich die Bürokratie für die Einfuhr nach Mauretanien fürchterlich anhörte. Der Grenzübergang befindet sich in Rosso, wo es immer noch keine Brücke über den Senegal-Fluss gibt.)

Nerv 2: Beim Frühstück teilt uns der Hotelangestellte beiläufig mit, dass die Fähre nach Mauretanien nur zweimal am Tag verkehre: Um neun und fünfzehn Uhr. Es ist halb neun und wir sind 20 Kilometer vom Grenzübergang entfernt. Das heisst: Blitzschnell packen und ein Taxi organisieren. Erstaunlich schnell ist das Taxi da, doch leider verschwindet der Fahrer sogleich und lässt sich Zeit, wieder aufzutauchen. Erst um zehn vor neun fahren wir los.0 Natürlich kommen wir erst nach neun Uhr an der Grenze an.

Eingang zum Grenzübergang bzw. Fährterminal von Rosso. Im weissen Gebäude rechts findet die Grenzkontrolle bei der Einreise nach Senegal statt. Bei der Ausreise hingegen muss man ein Büro in der Ortschaft Rosso-Senegal aufsuchen.

Nerv 3: Sobald wir das Taxi verlassen, befinden wir uns in einer Menschentraube. Jeder fordert uns auf, mit ihm mitzukommen (es waren alles Männer). Einer zur Grenzkontrolle, für den Ausreisestempel. Ein zweiter zum Gouverneur, für ein Empfehlungsschreiben. Ein dritter zum Geldwechseln, ein vierter zur Polizei, ein fünfter zum Zoll. Nichts ist angeschrieben, ohne Insiderkenntnisse sind wir aufgeschmissen. Ergeben trotten wir hinter dem ersten her, zurück in die Ortschaft Rosso-Senegal, wo sich die Grenzkontrolle tatsächlich befindet. Nach einer Viertelstunde Wartezeit bekommen wir den Ausreisestempel. Einwohner der angrenzenden Länder überqueren die Grenze übrigens ohne Stempel.

Die Fähre, die Rosso-Senegal und mit dem grösseren mauretanischen Rosso verbindet. Obwohl dies der wichtigste Grenzübergang zwischen den beiden Ländern ist, gibt es immer noch keine Brücke.

Nerv 4: Zurück am Fährterminal ist die Situation nicht weniger aufreibend. Sofort befinden wir uns wieder inmitten der Menschentraube. Wir müssten unbedingt Geld wechseln, heisst es, dies sei nur auf dieser Seite des Flusses möglich – die alte Lüge an jedem Grenzübergang. Meine Gegenlüge, ich hätte schon mauretanisches Geld, stösst auf taube Ohren. Die Belagerung ist so eindringlich, dass wir nicht einmal untereinander beraten können, was als nächstes zu tun. Schnell stellt sich heraus, dass die Fähre nicht nur zweimal am Tag verkehrt, sondern eigentlich ständig. Unsere vielen Begleiter raten uns aber von der Fähre ab und zeigen auf die vielen kleinen Nussschalen-Boote (Pirogues), die die Grenze ebenfalls überqueren. Wir ignorieren sie, doch auch das Fährpersonal verweigert uns den Zutritt: Nur mit einem Fahrzeug dürfe man auf die Fähre, und auch für uns Weisse gäbe es keine Extrawurst. Triumphierend geleitet uns einer der aufdringlichen Begleiter hinüber zur Stelle, wo die Pirogues abfahren.

Fussgänger müssen diese Boote nutzen, um die Grenze zu überqueren. Die Fähre ist nur für Fahrzeuge.

Nerv 5: Wir bekommen eine individuelle Extra-Pirogue. Natürlich auch zu einem individuellen Extra-Preis. Da wir schon zermürbt sind und endlich weiterreisen wollen, versuchen wir schon gar nicht erst, einen besseren Deal auszuhandeln.

Nerv 6: Ein mauretanischer Uniformierter erwartet uns bereits am anderen Ufer. Er nimmt uns die Pässe ab, noch bevor wir überhaupt mauretanischen Boden berührt haben. Schnell wächst der Stapel der Pässe in seiner Hand an. Er will unsere Covid-Zertifikate sehen. Dann fordert er Empfehlungsschreiben. Wir haben keins: Die offizielle Information ist, dass man keins braucht. Die inoffizielle, dass dies einfach eine Masche ist, um Bestechungsgelder einzufordern. Wir diskutieren mit dem Uniformierten, der erstaunlich schnell aufgibt, uns die Pässe wieder überreicht und anweist, in einem kleinen Hof zu warten, von dem aus eine Tür in einen Korridor mit Büros führt.

Ankunft am mauretanischen Flussufer, von der Pirogue aus gesehen.

Nerv 7: Ein grosser Mann in einem Boubou, der traditionellen mauretanischen Männerkleidung, verlässt den Korridor und fordert von uns Geld. Wir wissen: Wir brauchen Visa, sie kosten 65 € pro Person. Doch woher sollen wir wissen, dass wir dies dem Herrn im Boubou bezahlen müssen? Doch immerhin ist er aus dem Korridor mit den Büros gekommen. Und tritt sehr bestimmt auf, obwohl es von Uniformierten wimmelt. Ein Gauner würde sich dies nicht wagen, hoffen wir. Und geben ihm das Geld. Er will auch die Covid-Zertifikate sehen. Offensichtlich wird in erster Linie kontrolliert, ob sie den erforderlichen QR-Code aufweisen. Eingelesen wird dieser nicht, auch für die restlichen Angaben im Zertifikat interessiert sich niemandE. in weiterer nicht uniformierter Mann taucht auf und gibt sich als unseren Fahrer zu erkennen, den wir für die Weiterreise nach Nouakchott bestellt haben. Er drängt uns, vorwärts zu machen, er warte schon lange.

Wohltat 1: Die Visaerteilung funktioniert reibungslos. Die Prozedur ist zwar langsam und bürokratisch. Einer nach dem anderen müssen wir uns in den Schalterraum setzen. Ein Mann ohne Boubou macht Fotos von uns, liest die Passdaten ein, hält Rücksprache mit Kollegen und druckt schliesslich den Visa-Sticker aus. Andere Beamten kontrollieren das Visum und erteilen den Einreisestempel. Das ganze Verfahren verläuft in völliger Ruhe und ohne dass uns nervige Begleiter stressen. Das Beste: Der Mann im Boubou gibt uns am Ende sogar Herausgeld auf die Visumgebühr – in mauretanischer Währung. Take that, senegalesische Geldwechsler.

Nerv 8: Zurück auf der Strasse, nehmen wir sofort wieder ein Bad in der Menge. Unser Fahrer geleitet und zu seinem Auto und just als wir denken, wir hätten den ganzen Stress nach zwei Stunden endlich hinter uns, treffen wir auf den Zoll. Ob wir unser Geld schon deklariert hätten, will der Zöllner wissen. Dass wir nur Bargeld in der Höhe von 100-200 € pro Person auf uns trugen, beeindruckte ihn wenig. Die Deklaration sei wichtig – Polizeicheckpoints könnten undeklariertes Bargeld konfiszieren und im Fall eines Diebstahls würden wir das Geld nur dank der Deklaration zurückbekommen (haha). Also gut, dann halt noch die Zolldeklaration. Wir betreten das Zollbüro und werden dem Zollchef vorgestellt. Er ist sehr freundlich und gesprächig. Zuerst lobt er die Schweiz in höchsten Tönen, dann die schweizerisch-mauretanischen Beziehungen. Schliesslich will er wissen, was uns zu ihm führt. Die Zolldeklaration? Wieviel Geld wir überhaupt bei uns hätten, will er wissen – und schüttelt angesichts des genannten Bagatellbetrags den Kopf. Für so wenig lohne sich das nicht. Gute Reise, geniesst Mauretanien!

Nerv 9: Die Bürokratie liegt endlich hinter uns, wir steigen ins Taxi. Doch sofort sind wir wieder umringt. Wir sehen teils wieder dieselben Gesichter wie schon in Senegal. Und richtig: Sie stellen Forderungen. Wir müssten sie bezahlen, sie hätten uns schliesslich die ganze Zeit begleitet. Unser Fahrer schnaubt, schliesst die Türen und gibt Gas.

Drei Stunden Fahrt durch die Wüste trennen den Grenzübergang Rosso von der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott. Es ist mein erstes „neues“ Land seit Beginn der Pandemie – ein fantastisches Gefühl, das mir gefehlt hat.

Auf dem Rückweg sind wir keine Anfänger mehr und deutlich effizienter. Wir wundern uns zwar, warum wir den mauretanischen Grenzkontrollposten über eine schäbige Hintertür betreten müssen. Und streiten mit den Pirogue-Fahrern, deren Geldforderungen diesmal etwas zu exorbitant (rund 20 € pro Person) ausfallen. Natürlich wäre es praktisch, wenn der senegalesische Grenzwächter, der uns gleich nach der Anlandung am anderen Ufer die Pässe abnimmt, eine Uniform tragen würde und nicht ein Fussballtrikot von Olympique Marseille. Woher soll man denn sonst wissen, dass er befugt ist, die Pässe zu nehmen? Doch in einer Stunde sind wir durch, mehr als doppelt so schnell wie auf dem Hinweg. Wir brauchen nur noch ein Taxi zurück nach Richard Toll. Und nun beginnt die Nerverei.

Taxiversuch 1: Wir wenden uns an die Menschentraube, die uns immer noch verfolgt, nun endlich mit der Bitte um eine Dienstleistung. Und siehe da, innerhalb weniger Minuten erscheint ein Taxi, das uns nach Richard Toll bringen soll. Das Fahrzeug sieht ganz ordentlich aus, und über den Preis werden wir uns sofort einig. Es geht los. Doch schon nach 100 Metern auf den staubigen, kaputten Pisten von Rosso-Senegal holt uns die Menschentraube wieder ein und streitet aufgebracht mit unserem Fahrer. Einer öffnet den Kofferraum und nimmt unser Gepäck heraus. Nun steigen auch wir aus. Es stellt sich heraus: Der Fahrer hat das Transportkartell innerhalb von Rosso-Senegal nicht beachtet. Wir müssen ein Pferdefuhrwerk nehmen, auf das unser Gepäck bereits verladen ist. Soviel Bevormundung lassen wir uns aber nicht bieten – wir nehmen das Gepäck wieder und laufen zu Fuss weiter, verfolgt von der Transportmafia.

Priorität im Innerorts-Transportkartell: Pferdefuhrwerke

Taxiversuch 2: An einem zentralen Platz stossen wir auf wartende Taxis. Wieder finden wir schnell einen Fahrer und einigen uns auf einen fairen Preis. Endlich entrinnen wir dem Wahnsinn! Die Fahrt geht los, hinter uns her die Transportmafia auf dem von uns verschmähten Pferdefuhrwerk. Doch nach einem Kilometer gibt das Fahrzeug den Geist auf – just vor der gare routière, dem Hauptquartier der Transportmafia. Sofort sind wir wieder umringt. Nun gibt es gehässige Streitereien, da sich der Fahrer nicht an das Kartell gehalten hat.

Wartende Taxis an der Gare Routière von Rosso-Senegal

Taxiversuch 3: Zur Strafe teilt uns das Transportkartell das schäbigste aller Taxis zu, die zur Verfügung stehen (sie sehen alle ziemlich ramponiert aus): Eine Rostlaube, die eigentlich nur noch aus dem Metallskelett und dem Motor besteht. Nicht mal das Zündschloss hat sich erhalten, der Fahrer startet den Wagen, indem er zwei Drähte aneinander hält. Wir haben keine Wahl und fügen uns – sagen aber, dass wir für dieses Taxi nur die Hälfte bezahlen. Was die Mafia widerspruchslos schluckt. Laut dröhnend machen wir uns aus dem Staub – und nun gelingt uns die Reise nach Richard Toll endlich!

Das Ufer des Senegal-Flusses in Richard Toll. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt Mauretanien.

…wo wir das Erlebte bei einem senegalesischen Gazellen-Bier verdauen (in Mauretanien gibt es keinen Alkohol) und dann ein verlassenes Schloss mitten im Wald besichtigen – aber davon ein andermal.

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