Grenzen | Borders Reportage

Mendrisiotto: Grenzgeschichten vom südlichsten Zipfel der Schweiz

Der südlichste Abschnitt der Grenze zwischen dem Tessin und der Lombardei scheint komplett unnatürlich. Er folgt weder Flussläufen, Wasserscheiden noch Gebirgszügen, und noch viel weniger sprachlichen oder kulturellen Trennlinien. Das Mendrisiotto ist nur über den Seedamm Melide-Bissone mit dem Rest der Schweiz verbunden und wäre bei einem Angriff Italiens militärisch nicht zu halten. Dennoch ist dieser Grenzverlauf seit mehr als 500 Jahren unverändert – und völlig friedlich. Ein paar Geschichten aus dieser faszinierenden Grenzregion.

Überall in Europa wachsen durch Grenzen geteilte Städte und Dörfer wieder zusammen. Nur nicht Gaggiolo: Der einzige Weg vom schweizerischen in den italienischen Ortsteil führt über den offiziellen Grenzübergang und zwei grosse, düstere Betonplätze, auf denen Lastwagen warten. Der Rest der Ortschaft ist durch eine Mauer geteilt. Sie steht wohl darum immer noch, weil sie durch die Gärten der Einfamilienhäuser führt und Hausbesitzer generell meist wenig Lust verspüren, ihre Gartenzäune abzureissen. Dafür kann man sich direkt am Zaun ins «Café Velvet» setzen und auf das Treiben auf dem schweizerischen Zollplatz beobachten – derweil man den ohrenbetäubenden Diskussionen der Einheimischen lauscht.

Grenzland-Tristesse: Blick aus dem italienischen Café Velvet durch den Grenzzaun hinüber in die Schweiz.

Gaggiolo ist auch der Name eines Bachs – allerdings nur in der Schweiz: Er entspringt mit diesen Namen in der Nähe von Arzo TI, fliesst in Clivio nach Italien und heisst fortan auch Clivio, bis er in Gaggiolo wieder in die Schweiz kommt und seinen alten Namen zurückerhält. Bis zur nächsten Grenze: von da an heisst er Lanza. A propos Namenswechsel: Gaggiolo gehört zur Gemeinde Cantello, die in alten Landkarten noch als «Cazzone» bezeichnet ist. Offenbar war die vulgäre Bedeutung dieses Namens in der Lombardei lange unbekannt und schwappte erst durch die Vereinigung Italiens dorthin. Nun war den Einwohnern der Name plötzlich peinlich, und 1895 verlieh der italienische König dem Dorf per Dekret den neuen Namen Cantello.

Folgt man der Grenze zu Fuss, so stösst man im Weiler S. Margherita (Gemeinde Stabio TI) auf eine Bahnlinie, die abrupt an einem Grenztor zu Italien endet. Es handelt sich um die einstige Bahnstrecke Mendrisio – Castellanza, auch bekannt als Valmorea-Bahn. Der Betrieb dieser internationalen Linie wurde schon 1977 aufgegeben, bis vor etwa zehn Jahren verkehrten auf Teilstrecken noch Museumszüge. Heute ist das Grenztor verriegelt, doch Trampelpfade führen auf die italienische Seite. Man stösst auf ein kleines altes Zollhaus, immer noch mit der italienischen Fahne beflaggt. Aber nicht auf eine Bahnstrecke. Diese ist auf der italienischen Seite überwuchert und teilweise in einen Wander- und Veloweg umgewandelt: Das «Längste Museum der Welt», eine Ausstellung zu den Verkehrsrouten von Gotthard bis Mailand.

Über diese Grenze kommt kein Zug mehr: Grenztor an der Valmorea-Bahn.

Die Bahnlinie ist derweil in einer anderen Form auferstanden: Seit 2014 führt sie nicht mehr über diesen Grenzübergang, sondern wurde von Stabio aus über Gaggiolo nach Arcisate verlängert. Darauf verkehrt die italienische S40 zwischen Como und Varese im Halbstundentakt – und zwar über das schweizerische Mendrisio, denn die inneritalienische Strecke zwischen den beiden Städten wurde ebenfalls aufgehoben.

Confine di stato: Schweizerisch-italienischer Grenzübergang an der neuen Bahnlinie zwischen Mendrisio und Varese

Für Grenznerds gibt es im Mendrisiotto einen Grenzstein-Wanderweg, rund um die besonders exponierte Gemeinde Stabio herum. Die Grenze im Mendrisiotto stammt von 1515, aber Stabio kam erst zwei Jahre später dazu: im Tausch gegen Domodossola (warum nur?!). Seither hat sich die Grenze nicht mehr verändert. Darum findet man jede Menge historischer Grenzsteine – der älteste von 1559, auf dem die Schweiz noch als «Liga Helvetica» bezeichnet wird. Ein Grenzstein aus dem 18. Jahrhundert ist beschriftet mit «Stato Svizzero Comune di Stabbio». Etwas weiter findet man im Weiler Prella ein grosses, uraltes Grenzkontrollgebäude – fernab aller heutigen Grenzübergänge.

Deutlich mehr los ist am Grenzübergang Chiasso-Strada, im Ortskern von Chiasso. Eigentlich ist auch Chiasso eine geteilte Stadt, denn das Quartier Ponte Chiasso, das zur Stadt Como gehört, ist geografisch gesehen ein Ortsteil von Chiasso. Es schliesst sich direkt an den Grenzübergang an. Auch wenn Sprache und Architektur auf beiden Seiten der willkürlichen Linie fast gleich sind, merkt man doch sofort, dass man in einem anderen Land ist. Während im kühl-schweizerischen Chiasso an diesem frostigen Herbstabend die Fussgängerzone einen verlassenen, deprimierenden Eindruck macht und sich das gesellschaftliche Leben auf das Murrayfield Pub beschränkt, steppt in Ponte Chiasso der Bär.

Direkt am Grenzübergang bespasst ein Alleinunterhalter in der Gelateria «Dolce Vita» unter dem Ein-Stern-Hotel «Dogana» eine Gruppe Senioren, der Lärm schallt über den Platz vor dem architektonisch ansprechenden Grenzübergang. An den Grenzübergang schliessen sich mehrere Italien-typische Bars an, auch sie alle gut besucht. Das futuristische Gebäude der «Bar Principe» könnte vom Stil her – inklusive Bar – genauso gut in der eritreischen Hauptstadt Asmara stehen. Die Schweizer hingegen zieht es in die Sushi-Meile gleich dahinter – an jedem Grenzübergang der Region stösst man auf Sushi-Restaurants! Ich hingegen bevorzuge die «Piadineria Caveja», wo neben mir drei SBB-Angestellte einkehren und darüber diskutieren, auf welchen Zug sie müssen: Der Bahnhof Chiasso ist nur 150 Meter entfernt.

Sieht aus wie in Eritrea: Bar Principe, 100 Meter von der Schweizer Grenze entfernt.

Besonders eigenartig ist der Grenzverlauf im Valle di Muggio oberhalb von Chiasso. Es ist das südlichste Tal der Schweiz und umfasst viele kleine Dörfer, von denen die meisten Deutschschweizer noch nie etwas gehört haben. Nur nicht Erbonne, das hinterste Dorf im Tal: Es is ein Teil der italienischen Gemeinde San Fedele d’Intelvi. Dieses liegt aber nicht gleich um die Ecke, sondern hinter drei weiteren Hügeln. San Fedele interessierte sich lange überhaupt nicht für Erbonne. Kein Wunder: Erbonne wurde aus dem Muggio-Tal besiedelt, mit dem die Bevölkerung in engem Austausch bliebt – besonders mit dem schweizerischen Nachbardorf Scudellate. Zudem bezahlten die Erbonnesi keine Steuern, da sie gemäss einem Abkommen als Schweizer davon befreit waren. Im Gegenzug verweigerte San Fedele jegliche öffentlichen Dienstleistungen. Diese bezog Erbonne stattdessen gemäss einem Sonderabkommen aus Scudellate.

Blick auf das Bergdorf Erbonne, vom Wanderweg auf den Monte Generoso aus gesehen.

1914 hatte San Fedele genug von dieser schleichenden Helvetisierung und bot das Dorf kurzerhand der Gemeinde Muggio an, zu der auch Scudellate gehört – doch der Gemeindepräsident von Muggio lehnte ab! Danach entstanden immerhin ein italienisches Schulhaus (heute die beliebte Osteria del Valico) und eine kleine Kaserne der Grenzwache (heute das an solchen Orten obligate Schmugglermuseum). Mittlerweile haben die Italiener auch eine Strasse nach Erbonne gebaut – und es gibt eine neue Holzbrücke am Wanderweg nach Scudellate, der weiterhin einzigen Verbindung in die Schweiz. Was etwas ironisch ist, denn Erbonne hat nur noch fünf ständige Einwohner. Das malerische Bergdorf ist jedoch ein beliebtes Ziel für Tagesausflügler aus der Schweiz und Italien geworden.

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