Reportage Umstritten | Disputed

Reiseführer Abchasien (2011)

Im Sommer 2011 reiste ich mit vier Freunden nach Abchasien - ein von westlichen Touristen kaum besuchtes Land, von dem in allen Reisehinweisen abgeraten wird. Abchasien erkämpfte seine Unabhängigkeit von Georgien im Krieg 1992-1993 und wurde dabei von russischen, tschetschenischen und tscherkessischen Einheiten unterstützt.

 
Die russische Armee steht auch heute noch an der abchasisch-georgischen Grenze und schützt die abchasische Eigenstaatlichkeit. Zuletzt marschierte sie im Sommer 2008 über die Inguri-Brücke von Abchasien nach Georgien ein und besetzte für einige Zeit die Städte Zugdidi, Poti und Senaki.

International wird Abchasien nur von vier Staaten anerkannt: Russland, Nicaragua, Venezuela und Nauru. Alle anderen Staaten und auch das Völkerrecht betrachten Abchasien weiterhin als Teil Georgiens, wobei Georgien keinen Zugriff auf das Territorium hat und Abchasien tatsächlich weitgehend unabhängig (und russisch dominiert ist).

Wir reisten von Georgien aus über die Ingur-Grenze ein, verbrachten vier Tage in Suchumi und drei Tage in Gagra und reisten danach nach Russland aus. Da es abgesehen von russischen Seiten kaum Reiseberichte über Abchasien gibt, hier einige Beobachtungen und Tipps zu diesem Land.

Einreise und Grenzen

Einreisevorschriften

Foto: (EN) Tourist visa for Abkhazia. (DE) Touristen-Visum für Abchasien.

Die Einreise nach Abchasien ist für Bürger der GUS-Staaten sowie jener Länder, die Abchasien als unabhängigen Staat anerkannt haben, visumfrei. Angehörige aller anderer Staaten benötigen ein Visum.

Für die Erteilung des Visums gibt es zwei Möglichkeiten. Da Abchasien fast keine Auslandsvertretungen unterhält, kann beim Aussenministerium in der Hauptstadt Suchumi eine Einreisebewilligung beantragt werden. Auf dieser sind Einreisedatum und Grenzübergang eingetragen, sie wird per E-Mail zugestellt. Eine Kopie geht an den Grenzübergang. Davon gibt es nur zwei: Ingur an der Grenze zu Georgien sowie Psou an der Grenze zu Russland. Da Ingur gleichzeitig auch eine Frontlinie ist, reisen die meisten Touristen über Psou ein. Nach der Einreise stellt das Aussenministerium in Suchumi für 20 USD das Visum aus, das dann bei der Ausreise wieder eingesammelt wird. Nachteil dieser Methode ist, dass das abchasische Aussenministerium notorisch unzuverlässig ist und die Einreisebewilligungen oft erst nach zahlreichen E-Mails und Telefonaten in letzter Sekunde ausstellt.

Mittlerweile gibt es aber auch abchasische Konsulate in Moskau, Deutschland und London, die Visa im Voraus ausstellen. Der Honorarkonsul in London, George Hewitt (ein Ethnologie-Professor, den ich in meiner Lizentiatsarbeit zitiert habe), stellte sich als sehr kooperativ heraus: Von ihm erhielten wir die Visa innerhalb von zwei Wochen. Dazu mussten wir nicht einmal unsere Pässe einschicken, nur Kopien per E-Mail. Dadurch war dieser Weg der Visumausstellung deutlich einfacher als die Einholung einer Einreisebewilligung beim Aussenministerium. Allerdings wird diese Möglichkeit der Visumausstellung erst von sehr wenigen Touristen genutzt. Deshalb waren wir die ersten Ausländer überhaupt, die mit einem Visum über die Ingur-Grenze nach Abchasien eingereist sind.

Georgien sieht Abchasien weiterhin als Teil Georgiens an. Deshalb ist die Überquerung der Psou-Grenze, welche von Georgien nicht kontrolliert wird, aus georgischer Sicht illegal. Eine Reise Russland – Abchasien – Georgien ist damit nicht möglich, da man illegal nach Georgien einreist. In die andere Richtung ist die Reise technisch möglich, eine spätere Einreise nach Georgien mit dem selben Pass (ohne georgischen Ausreisestempel) ist aber sehr riskant und führt wohl zu einer Haft- oder einer hohen Geldstrafe.

 

Grenzübergang Ingur

Foto: (EN) Bridge over river Enguri/Ingur at the border between Georgia and Abkhazia, seen towards Georgia. (DE) Brücke über den Enguri/Ingur an der georgisch-abchasischen Grenze, fotografiert in Richtung Georgien.

Der Grenzübergang Inguri zwischen Gali (Abchasien) und Zugdidi (Georgien) wird nur von der abchasischen Seite als solchen angesehen. Da Georgien Abchasien als Teil des Landes ansieht, gibt es auf der georgischen Seite keine Grenzkontrolle, nur einen Polizeiposten. Zwischen den beiden Posten liegt der Fluss Enguri/Ingur, der die de facto-Grenze zwischen Georgien und Abchasien darstellt und von einer Brücke überquert wird, die deutsche Kriegsgefangene nach dem zweiten Weltkrieg gebaut haben.

Morgens um sieben Uhr nahmen wir in Zugdidi eine Marschrutka zur Ingur-Brücke. 20 Minuten später waren wir bereits dort. Alle anderen Passagiere liefen direkt in Richtung Abchasien, nur wir meldeten uns pflichtbewusst beim georgischen Polizeiposten. Dieser war bis auf einen schläfrigen Polizisten und einem Tisch mit zwei Zetteln völlig leer. Auf den Zetteln waren Namen und Passdaten von Personen, welche kürzlich die Grenze überquert hatten, verzeichnet. Vor uns waren offenbar einige Deutsche und Tschechen vorbeigekommen. Der langsame und einfältige Polizist brauchte rund eine Viertelstunde, um unsere fünf Namen und Passnummern auf das Formular zu übertragen.

Dann begab er sich mit unseren Pässen zu einem zivilen Auto, weckte dort einen weiteren Polizisten und kam fünf Minuten später nur mit dem einen österreichischen Pass zurück. Er habe das „Visum“ nicht gefunden. Ich zeigte ihm den Einreisestempel, und er begann nun, auch die Einreisedaten auf den Zettel zu übertragen. Der erst gerade geweckte Polizist war noch einfältiger und brachte die erwarteten Warnhinweise an: Abchasien sei besetztes Gebiet, Touristen würden häufig bestohlen und es sei allgemein sehr unsicher. Ich musste sogar meine Natelnummer angeben.

Als endlich alle im Schneckentempo vorgebrachten Fragen geklärt waren, bekamen wir unsere Pässe zurück – und es waren nur noch vier statt fünf. Der Einfältige suchte den fehlenden Pass umsonst unter den beiden Zetteln im sonst leeren Raum und fand ihn nicht. Man konnte den tanzenden Affen in seinem Hirn (vgl. Homer Simpson) förmlich sehen. Erst als wir vorschlugen, mal im Auto nachzusehen, kam er dort wieder zum Vorschein.

Vor dem Posten lungerten mehrere Zigeuner mit Pferdewagen herum. Diese boten uns nun an, für einen Lari pro Person über die Grenze zu fahren. Wir stiegen ein. Obwohl der Kutscher das arme Ross erbärmlichst schlug, ja ausser sich darauf einprügelte, bewegte sich der Gaul nicht mal so schnell wie ein Fussgänger. Inzwischen erhöhte die ebenfalls mitfahrende Zigeunerin (offenbar die „Chefin“) ihre finanziellen Forderungen auf total 10 Lari, „wegen dem Gepäck“. Es gab einen kurzen Streit und erst als ich drohte, sofort wieder auszusteigen, gab sie nach.

Der Ingur ist eine Frontlinie. Hier stehen die Georgier den Russen gegenüber, die noch im August 2008 gegeneinander gekämpft haben. Kurz vor der Brücke warnt ein Schild, dass die Überquerung der Frontlinie verboten sei. Am georgischen Brückenkopf stand ein georgischer Soldat mit Maschinengewehr hinter Sandsäcken, allerdings mehr gelangweilt als kriegsbereit. Auf der abchasischen Seite unterhält die russische Armee einen grösseren Stützpunkt mit Aussicht auf den Fluss. Die Brücke selbst besteht aus mehr Schlaglöchern als Strasse. Im ungefederten Pferdewargen wurden wir arg durchgeschüttelt.

„Добро пожаловать!“ – Fast militärisch salutierend empfing uns ein abchasischer Grenzwächter. Anders auf der georgischen Seite waren die Grenzpolizisten hier freundlich und zuvorkommend, beschenkten uns sogar mit Haselnüssen („Dies ist abchasische Gastfreundschaft!“). Mit den Dokumenten ging es aber nicht so einfach. Im Gegensatz zu anderen Touristen hatten wir keine datierte Einreisebewilligung des abchasischen Aussenministeriums, sondern ein Visum. Das hatten die Grenzwächter noch nie gesehen. Sie hatten auch noch nie von einem abchasischen Honorarkonsul in England gehört und vermuteten sogar eine georgische Sabotage. Sie blieben aber anständig und korrekt und verteilten noch mehr Nüsse. Es folgten einige Anrufe nach Suchumi, dank welcher sich die Sache nach und nach klärte. Nach einer Viertelstunde raste der Polizeichef aus Gali mit einem grossen Pizzahut heran, analysierte die Situation und begann danach, Sprüche zu klopfen. Nach rund 40 Minuten war die Angelegenheit schliesslich geregelt, die Visa wurden abgestempelt und wir durften einreisen. Die Grenzpolizisten versicherten uns, dass wir die allerersten waren, die an diesem Grenzübergang mit einem Visum eingereist seien. Deshalb hätten sie erst noch das Prozedere dafür herausfinden müssen.

Um 8.45 Uhr waren wir durch, um 9.30 Uhr fuhr dann der Bus nach Suchumi. Auf der Schlaglöcherpiste nach Gali überholten wir noch den Polizeichef, der uns hinter dem Steuer mit einer Bierflasche zuprostete.

Grenzübergang Psou

Foto: (EN) Border control post at the Abkhaz-Russian border in Psou. (DE) Grenzkontrollpunkt an der abchasisch-russischen Grenze in Psou.

Der Grenzübergang Psou zwischen Candripš/Gantiadi (Abchasien) und Adler (Russland) ist das Tor zu Abchasien und ein ständiges Ärgernis für viele Abchasier und Touristen, denn zur Hochsaison wartet man hier oft mehrere Stunden lang. Es überrascht daher nicht, dass im aktuellen Präsidialwahlkampf abchasische Politiker für die Aufhebung der Grenzkontrollen zwischen Abchasien und Russland eintreten. Am Grenzübergang schlägt ein riesiges Transparent in dieselbe Kerbe, das verkündet: „Abchasien und Russland – 200 Jahre zusammen“. Dass die Russen in dieser Zeit auch den grössten Teil der abchasischen Bevölkerung in die Türkei deportiert hat, wird verschwiegen.

Wegen der zu erwartenden Schlangen reisten wir schon morgens um sieben Uhr an den Grenzübergang. Der abchasische Grenzwächter schlieft noch, mit der Stirn auf dem Tisch. Nachdem wir ihn geweckt hatten, winkte er uns nur verschlafen hinüber. Erst als ich ihm klarmachte, dass wir Ausländer sind, machte er Anstalten, unsere Dokumente seriös zu kontrollieren. Er stempelte aber nichts ab und verlangte auch die Registrierungen nicht, die gesetzlich obligatorisch sind. Immerhin durften wir die Visa behalten.

Auf der russischen Seite wurde mein Pass mit dem Jahresvisum sehr genau kontrolliert. Schliesslich wurde ein etwa 30-jähriger Beamter in zivil (wahrscheinlich vom FSB) herbeigerufen, der mich zu unserer Reiseroute ausfragte. Er interessierte sich insbesondere für unseren Georgien-Aufenthalt und wollte sogar die Bilder von dort auf seinen Computer laden. Dies konnte ich dann mit Hinweis auf die kranken Mitreisenden, die schnellstmöglich ins Hotel wollten, verhindern.

 

Regionen und Städte

Stadt Gali

Foto: (EN) Disfunctional market in the centre of Gali in Eastern Abkhazia. (DE) Unbenutzter und heruntergekommener Markt in Gali im Osten Abchasiens.

Gali (abchasisch Гал, georgisch გალი) ist die erste Stadt nach der Ingur-Grenze und Zentrum des gleichnamigen Rayons. Im Rayon Gali wohnen traditionell überhaupt keine Abchasier, sondern Megrelen. Diese haben zwar eine eigene, mit dem georgischen verwandte Sprache, sehen sich aber als Teil der georgischen Nation und benutzen auch das Georgische als Schriftsprache. Beim Krieg von 1992-1993 gab es im Rayon Gali kaum Kampfhandlungen, dennoch wurde ein Grossteil der megrelischen Bevölkerung danach vertrieben. Im Gegensatz zu den Georgiern aus anderen Gegenden Abchasiens sind aber viele Megrelen in den Rayon Gali zurückgekehrt. In der Stadt leben nun ausserdem einige Vertreter anderer Ethnien – unter anderem abchasische Verwaltungsangestellte.

Der abchasische Staat versucht, die Unterschiede zwischen den Megrelen und den Georgiern zu betonen und fördert die Integration der Megrelen in den abchasischen Staat. Es gibt Versuche (z. B. durch die Presse oder den Schulunterricht), das Megrelische anstelle des Georgischen als Schriftsprache einzuführen. Da sich die Bevölkerung aber nicht gewohnt ist, auf Megrelisch zu schreiben und zu lesen, hatten diese Versuche bisher wenig Erfolg.

Trotz der Rückkehr zahlreicher Megrelen ist die Einwohnerzahl von einst etwa 7‘000 auf einige Hundert zurückgegangen. Die Strassen Galis sind von tiefen Schlaglöchern durchzogen, die meisten Häuser unbewohnte Ruinen. Ausser zwei oder drei Geschäften ist in den letzten 20 Jahren nichts gebaut oder renoviert worden, die Leute leben zwischen Trümmern. Insgesamt macht die Stadt den Eindruck, als wäre der Krieg nicht schon vor 18 Jahren, sondern erst gestern zu Ende gegangen.

Unser Bus nach Suchumi hatte eine halbe Stunde Aufenthalt in Gali, was uns Zeit für einen Besuch im Stadtzentrum gab. Dort war kaum etwas los. Sogar der Markt wirkte total ausgestorben, in einer Ecke beim WC mottete ein Haufen Abfall vor sich hin. Vor dem Markt waren immerhin einige Geschäfte und Cafés geöffnet. Vor einem Amtsgebäude warteten zahlreiche Leute.

Wir waren froh, nach einer Halbstunde wieder weiterzufahren. Ein längerer Aufenthalt in Gali ist auch nicht anzuraten: Der schwache abchasische Staat hat die mehrheitlich von Georgiern besiedelte Gegend kaum unter Kontrolle, sie entzieht sich auch dem Einfluss des georgischen Staats. Kriminelle aus Georgien entweichen deshalb oft in dieses „schwarze Loch“. Infolgedessen kommt es auch heute noch häufig zu Schiessereien und – gemäss den Reisewarnungen des schweizerischen EDA und des deutschen Auswärtigen Amts – sogar zu Entführungen.

Sehenswürdigkeiten: Sowjetische Repräsentativgebäude im Stadtzentrum, teils in Ruinen.

Verkehr: Nach Suchumi (und teils weiter nach Gagra) verkehren alle 2-3 Stunden Busse (1.5 h, 110 Rub.), vereinzelt auch nach Tkuarčal. Zur Ingur-Grenze führt eine äusserst schlechte Strasse, ab und zu fahren Busse oder Marschrutkas (ca. 30 min, 50 Rub.).

Unterkünfte: In Gali gibt es keine Hotels, von der Übernachtung vor Ort ist aus Sicherheitsgründen abzuraten. Wer in Gali strandet, kann in den Geschäften im Stadtzentrum nachfragen und so eine Privatunterkunft finden.

 

Rayons Gali, Tkuarčal und Očamčira

Fotos: (EN) Destroyed buildings and streets between Ingur and Gali near the eastern border of Abkhazia. (DE) Zerstörte Gebäude und Strassen nahe der abchasischen Ostgrenze.

Die östlichen Rayons Abchasiens sind seit jeher von megrelischsprachigen Georgiern bewohnt. Bis zur de facto-Unabhängigkeit Abchasiens 1993 bewohnten die Megrelen geschlossen den Rayon Gali. Dieser wurde danach aufgeteilt: Aus Teilen der Rayons Gali und Očamčira wurde der Rayon Tkuarčal geschaffen. Der Rayon Očamčira wurde ausserdem auf Kosten des Rayons Gali bis zum Stadteingang von Gali ausgeweitet, sodass der Rayon Gali nun nur noch die Dörfer südlich und östlich von Gali umfasst. Die neue Rayon-Einteilung war ethnisches Gerrymandering, denn in den Rayons Tkuarčal und Očamčira stellen die zurückgekehrten Megrelen nun nicht mehr die Mehrheit.

Der Rayon Gali wird von der abchasischen Regierung weitgehend vernachlässigt, die Strassen sind in einem katastrophalen Zustand. Direkt an der Stadtgrenze beginnt aber mit dem Rayon Očamčira auch eine frisch geteerte Strasse, auf der man relativ rasch nach Suchumi gelangt. Bei der Durchfahrt machen die östlichen Rayons aber einen desolaten Eindruck. Ein grosser Teil der Gebäude ist leer, ganze Dörfer entvölkert. Sowjetische Infrastrukturbauten und Fabriken stehen als Ruinen in der Landschaft, die Felder liegen brach. Die Busstationen (an denen durchaus Leute ein- und ausstiegen) schienen mitten im Nichts zu liegen. Die üppige Vegatation (viele Eukalyptus-Bäume) überwuchert zahlreiche Ruinen.

Insgesamt kein schöner Anblick, der sich erst ab Beginn des Rayons Gulripš ändert. Ruinen und verlassene Gebäude findet man aber in ganz Abchasien, dessen Bevölkerunsgzahl seit 1991 von 550‘000 auf rund 200‘000 abgenommen hat.

Sehenswürdigkeiten: Von Suchumi aus werden Tagesausflüge nach Ostabchasien angeboten. Als Attraktionen gelten die warmen Quellen und Geysire von Kindgi (Rayon Očamčira), einige orthodoxe Kirchen sowie das Eisenbahnviadukt bei Tkuarčal, welches aber Alpen-gewohnte Reisende kaum zu beeindrucken vermag und ausserdem gar nicht mehr befahren ist.

Verkehr: Ab Suchumi fahren alle anderthalb bis zwei Stunden Busse nach Očamčira (1 h) und Tkuarčal (1.5 h), dazwischen auch Marschrutkas.

 

Rayon Gulripš

Foto: (EN) „Waterfalls“ and the famous restaurant in Chernigovka. (DE) „Wasserfälle“ und das berühmte Restaurant in Černigovka.

Im westlich von Suchumi gelegenen Rayon Gulripš beginnt die touristische Infrastruktur, die Ortschaften sehen hier nicht mehr so desolat aus wie weiter östlich. Hier liegt auch der Flughafen Suchumi-Dranda, der in den nächsten Jahren von einem russischen Unternehmen modernisiert wird, damit er wieder in Betrieb genommen werden kann. Seit 1993 gibt es nämlich in Abchasien keinen funktionierenden Flughafen.

Im Rayon Gulripš gibt es keine Städte, auch der Hauptort Gulripš wird von der abchasischen Bürokratie nur als „Siedlung städtischen Typs“ klassifiziert.

Touristische Hauptattraktion des Rayons ist die Ortschaft Černigovka, wo es Wasserfälle und ein Restaurant mit abchasischer Küche gibt. Nach Černigovka werde von Suchumi aus Halbtagesausflüge organisiert. Wir buchten für 350 Rubel pro Person eine solche Tour. Ausser uns waren alle anderen Teilnehmer russische Touristen. Auf dem Hinweg ins Hinterland von Gulripš wurden wir von der Exkursionsleiterin dauerbeschallt und erfuhren nicht nur zu Černigovka, sondern auch zu allen anderen Sehenswürdigkeiten Abchasiens („Riza ist die schönste Ecke Abchasiens!“) harte Fakten. Daneben wurde die Geschichte und Gastfreundschaft Abchasiens abgehandelt, angereichert mit zahlreichen lokalen Legenden.

Unterwegs kamen wir an einer gemäss Beschreibung spektakulären, aber kaum sichtbare Festung vorbei. Im fast vollständig zerstörten und unbewohnten Dorf konnten wir die ebenfalls zerstörte Primarschule bestaunen, die damals Lawrenti Beria besucht hatte. In Černigovka selbst war abgesehen vom Restaurant überhaupt kein Dorf oder Gebäude erkennbar.

Die Exkursionsleitern verkündete nun, dass man zuerst bestellen, dann die Wasserfälle besichtigen und schliesslich essen würde. Nach einer Viertelstunde hatte sie endlich eine (oder wohl auch die einzige existierende) Speisekarte organisiert, und es wurde recht chaotisch bestellt. Die abchasische Küche stellte sich als deutlich weniger vielfältig als die georgische heraus, sie wird von gebratenem Schweinefleisch, roten Saucen und Mamaliga (moldauische Polenta) dominiert.

Von den Wasserfällen war mehr als die Hälfte künstlich geschaffen und auf einem Stelzenpfad begehbar. Sie waren ausserdem von Springbrunnen und weiteren kuriosen Wasserinstallationen umgeben, die für die Fotos der russischen Touristen einen idealen Hintergrund abgaben. Zugegebenermassen war aber auch der natürliche Anteil der Schlucht recht nett anzusehen. Am oberen Ende des Pfades angekommen, verkündete die Exkursionsleiterin, dass das Essen in einer Halbstunde serviert würde und man danach zurück nach Suchumi fahren würde. Weiter hinauf gebe es keine Wege, dorthin dürfe man nicht. Natürlich gingen dann alle von der Gruppe als erstes weiter die Schlucht hinauf, die Exkursionsleiterin inbegriffen. Ein mutiger Russe wagte es sogar, im kalten Bach zu baden, und wurde allgemein bewundert.

Nach dem ganz guten und preiswerten Essen folgte die deutlich ruhigere Rückfahrt. Unterwegs wurde bei einer Quelle angehalten, wo alle ihre Wasserflaschen auffüllten. Solche Quellen gibt es auf jeder anständigen Bergstrasse im Kaukasus, und auch Marschrutkas und Busse legen gerne Stopps bei diesen ein, jedenfalls deutlich lieber als bei touristischen Aussichtspunkten.

Sehenswürdigkeiten: Černigovka (siehe oben), Rafting im Kodori-Fluss, Strände bei Gulripš.

Verkehr: Häufige Marschrutkas ab Suchumi nach Gulripš, Dranda und in andere Ortschaften. Nach Černigovka gibt es keinen öffentlichen Verkehr, organisierte Ausflüge kosten 350 Rubel pro Person.

Unterkünfte: Wohl einige Hotels und Sanatorien entlang dem Strand in Gulripš.

 

Stadt Suchumi

Foto: (EN) Colonnade on Sukhum hill above the city centre. There are a lot of such useless, representative but beautiful and run-down buildings all over Abkhazia. (DE) Kolonnade auf dem Suchumi-Berg über dem Stadtzentrum. Überall in Abchasien gibt es solche funktionslosen und heruntergekommenen, aber schönen Repräsentativgebäude.

Suchumi (georgisch სოხუმი, abchasisch Аҟәа oder Сухум) ist die Hauptstadt Abchasiens, mit einer reizvollen Lage am Schwarzen Meer inmitten üppiger Vegetation. Vor dem Krieg hatte Suchumi rund 120‘000 Einwohner, nach einem zwischenzeitlichen Tief von 40’000 ist die Zahl mittlerweile wieder etwa auf 70‘000 angewachsen – für eine Hauptstadt dennoch angenehm übersichtlich.

Auch an Suchumi ist der Krieg nicht spurlos vorbeigegangen. Ein grosser Teil der Gebäude – darunter prächtige Villen und Repräsentativbauten im stalinistischen Zuckerbäckerstil – sind Ruinen, und zwar die fotogensten Ruinen die man sich vorstellen kann, überwuchert von Palmen und anderen tropischen Pflanzen. Die grösste Ruine steht im Stadtzentrum, ein 13-stöckiges ehemaliges Regierungsgebäude mit zwei ausladenden Flügeln. Vor dem Gebäude befindet sich ein sowjet-typischer grosser leerer Platz, auf dem noch der Sockel der ehemaligen Lenin-Statue steht.

Eine weitere nette Kuriosität ist ein riesiges betoniertes Schiff, das im Hafen liegt und auch ziemlich vernachlässigt aussieht. Abends wird das „Deck“ aber jeweils als Diskothek benutzt. Ein weiteres Pseudo-Schiff liegt am Pier daneben. Darin befindet sich ein Edelrestaurant, in dem aber der grösste Teil des Speisekarten-Angebots nicht erhältlich ist.

Aber auch dem konventionellen Touristen bietet Suchumi einiges. Die für den Verkehr gesperrte Strandpromenade wie auch die Einkaufsstrasse etwas dahinter laden zu Spaziergängen ein. Suchumi besitzt ein Arboretum und einen Botanischen Garten, der dank dem subtropischen Klima einiges zu bieten hat. Ausserdem gibt es einen Affengarten, wobei die Affen gemäss dem Abchasien-Reiseführer auch für Tierexperimente verwendet werden. Die wohl schönste Stelle Suchumis ist der Suchumi-Berg (Сухумская гора) direkt über der Stadt. Die Aussichtspunkte wurden zwar schon seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt, Gebüsch und Bäume versperren deshalb die Aussicht grösstenteils. Zerfallene Bauten wie der „Pantheon“ geben aber zusammen mit der wuchernden Vegetation ein super Bild ab.

Abchasien ist ein sehr säkulares Land. Im Stadtzentrum gibt es keine Sakralbauten. Die reichlich unspektakulären orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen befinden sich alle direkt nebeneinander in einem Wohnquartiert, die Moschee (etwa die Hälfte der ethnischen Abchasen sind Muslime) haben wir überhaupt nicht gefunden.

Sehenswürdigkeiten: Strandpromenade, Fussgängerzone, Strände, Botanischer Garten, Arboretum, Affengarten, Suchumi-Berg, Markt.

Strände: Der Stadtstrand befindet sich westlich des Stadtzentrums und bietet viele Verkaufsstände und keinen Schatten. Östlich des Stadtzentrum befindet sich auf der anderen Seite des Suchumka-Flusses das Armeesanatorium. Dieses kostet 30 Rubel eintritt und bietet einen sehr dreckigen Strand mit zerstörten Gebäuden. Noch weiter östlich ist der Gratisstrand des Hotels Ajtar, der deutlich schöner und sauberer ist und sogar Schatten bietet.

Verkehr: Von Suchumi aus verkehren Busse und Marschrutkas in alle Landesteile: Gali (1.5h, 110 Rub.), Novy Afon (30 min, 30-50 Rub.), Gagra (2h, 80 Rub.), Psou (2.5h, 120 Rub.), Preise für Marschrutkas 50-100 % mehr. Vom sehr sehenswerten, aber geschlossenen Bahnhof aus fährt ausserdem täglich um 16.45 ein Zug nach Adler (Ankunft 21.40) mit Halt u.a. in Novy Afon (17.15), Gudauta (17.47) und Gagra (19.20). Aus Adler (Abfahrt 07.00) trifft der Zug um 12.00 ein. In der Saison verkehren ausserdem Züge Suchumi – Moskau. Am Bahnhof können Fahrkarten der russischen Eisenbahn gekauft werden.

Unterkünfte: Das beste Hotel in Suchumi ist das Riza an der Strandpromenade. Ausserdem gibt es verschiedene Sanatorien. Das Hotel Suchum (www.otel-sukhum.ru) bietet einen guten Mittelklasse-Standard mit Zimmerpreisen zwischen 2000 und 5000 Rub.

Stadt Novy Afon

Foto: (EN) Monastery of friars in Novy Afon (New Athos). (DE) Mönchskloster in Novy Afon (Neu-Athos).

Novy Afon („Neu-Athos“, georgisch Achali Atoni/ ახალი ათონი, abchasisch Afon Čyc/Афон Ҿыц) hat einiges zu bieten: Kirchen und Klöster, eine Tropfsteinhöhle, einen Wasserfall, Museen, Strände… nur eine Stadt ist es eigentlich nicht, denn zwischen all den Attraktionen befinden sich kaum Häuser. Dafür ausgetrampelte Touri-Pfade, die fast ohne Unterbruch von Souvenir- und Imbissständen gesäumt sind. Die Lage und die Vegetation sind aber noch schöner als in Suchumi, und es ist wohl der am wenigsten zerstörte Ort im ganzen Land.

Wir begannen unseren Rundgang mit dem Kloster, das klar die interessanteste Sehenswürdigkeit des Ortes ist (siehe Bild). Der Wasserfall hingegen stellte sich als gewöhnliche von Menschenhand geschaffene Schwelle heraus, wie man es bei jedem mittleren Bach in der Schweiz findet. Davor befinden sich ein ganzer Souvenir-Markt und zahlreiche Kitsch-Statuen, vor denen die Russen gerne für Fotos posieren. Ausserdem eine weitere, weniger spektakulär aussehende Kirche.

Als Hauptattraktion gilt eigentlich die Tropfsteinhöhle. Dort verkehrt die einzige U-Bahn Abchasiens zwischen dem Eingang, dem Höhlenzugang und dem Ausgang. Die Höhle darf nicht selbständig besichtigt werden, jeweils eine U-Bahn-Ladung Touristen bekommt gemeinsam eine Führung. Dabei wird jeweils nur der Teil der Höhle beleuchtet, der gerade vom Exkursionsleiter erklärt wird; Nach den Erklärungen ging es jeweils sehr rasch weiter. Speziell spektakulär ist die Höhle eigentlich nicht, gerade die Tropfsteine sind eigentlich sehr spärlich. Dies kümmerte aber die russischen Touristen nicht. Sie nutzten die Gelegenheit, sich zu fotografieren, was natürlich (stets mit Blitz) keine berauschende Ergebnisse erbrachte. Immerhin begingen wir die längste unterirdische Fussgängerbrücke der Welt.

Die Verpflegungsmöglichkeiten in Novy Afon sind eher spärlich – es gibt nur die üblichen Snacks wie Čeburek oder Chačapuri sowie einige auf Schaschlik spezialisierte Restaurants. Der Strand ist recht sauber und schön, aber es gibt kaum Infrastruktur und Geschäfte.

Sehenswürdigkeiten: Männerkloster, Kirchen, Tropfsteinhöhle (Eintritt 300 Rub.), Wasserfall, Museum des Unabhängigkeits-Kriegs.

Verkehr: Zahlreiche Busse (30 Rub.) und Marschrutkas (50 bis 100 Rub.) ab Suchumi, einige fahren weiter nach Gagra und Gudauta. Ein Taxi ab Suchumi kostet 400 Rub. pro Fahrt. Vom etwa 2 Kilometer von den Sehenswürdigkeiten entfernten Bahnhof gibt es täglich einen Zug nach Suchumi (11.26 Uhr, 30 min) und Adler (17.15, 4 ½ h).

 

Stadt Gagra

Foto: (EN) Spa gardens and beach in Old Gagra. (DE) Kurpark und Strand in Alt-Gagra.

Gagra ist das älteste und bekannteste Schwarzmeer-Kurort Abchasiens und zieht sich beachtlich in die Länge. Eigentlich besteht es nur aus einer einzigen Strasse mit einem hässlichen Plattenbauquartier am südlichen Ende. In ihrer ganzen Länge wird die Stadt von einem schönen Strand gesäumt.

Gagra teilt sich in Alt-Gagra an der steilen Küste im Norden und Neu-Gagra im flacheren Gebiet weiter südlich. Alt-Gagra besteht hauptsächlich aus einem langen und sehr ansprechenden Kurpark und einigen Ruinen am Berghang, darunter ein Schloss. Etwas annähernd ähnliches wie eine Altstadt gibt es nicht. Postkartenmotive sind die kürzlich renovierte, aber als Taxi-Parkplatz benutzte Kolonnade sowie das früher „Gagripš“ genannte Restaurant Magnolia, vor dem deutlich mehr Russen posieren als darin essen.

Anfangs von Neu-Gagra befindet sich das, was einem Stadtzentrum am nächsten kommt, nämlich der Strassenabschnitt mit jenen Institutionen, die in keiner Stadt der ehemaligen Sowjetunion fehlen: Telefonamt (ehemalige Post), Stadtverwaltung, Kulturhaus, Kino, Stadtpark, Stadion. Das ehemalige ZUM (zentrales Univermag) befindet sich hingegen am Gagarin-Platz am Nordende von Alt-Gagra und ist eine begehbare dreistöckige Ruine.

Zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten befinden sich an der Tereškova-Strasse etwas südlich davon, die meisten allerdings in Privathäusern oder improvisierten Kleinhotels. Dieser Strandabschnitt ist am belebtesten, es gibt zahlreiche Souvenir- und Verpflegungsstände sowie Cafés und Restaurants. Am Strand sieht man allerlei Absurditäten wie die „Hydromassage“ (dort kann man im Liegen duschen), Leute die mit Tieren (Affen, Papageien etc.) für Foto-Posen herumziehen oder sogar mit Baströckchen und farbigen Hüten verkleidete Afrikaner, mit denen man ebenfalls Fotos machen kann. Am Abend verwandelt sich der Strand in eine Partymeile. In vielen Lokalen spielt dann Live-Musik, und nach den ersten paar Gläsern Wodka oder Tschatscha (der lokale 60%-ige Weinbrand) beginnen die Leute zu tanzen. Der Grossteil der Touristen entstammt der russischen Mittelklasse, die sich einen Urlaub im nahe gelegenen Sotschi nicht leisten kann. Ab und zu sieht man auch Ukrainer aus dem Donbass oder sogar Weissrussen.

Weiter südlich liegt nur noch ein Plattenbauquartier mit einem Markt, der ein grosses Angebot an Badeartikeln und Souvenirs hat, sowie zwei Plattenbau-Sanatorien. Eins davon (das ehemalige „Abchazija“) ist derzeit im Umbau bzw. sieht relativ verlassen aus. Das andere, „Energetik“, sieht von weit weg wie eine Ruine aus, ist aber noch voller Touristen und immer noch total im Sowjet-Stil gehalten: In der riesigen Halle im untersten Stock stehen nur zwei Pingpong-Tische…

In Gagra wohnen fast keine Abchasen, man hört die Sprache nie. Etwa 90 % der Stadtbewohner sind Armenier, die einen westarmenischen Dialekt sprechen. Sie benutzen zwar das in Armenien gesprochene Ostarmenische als Schriftsprache. Der Dialekt ist aber für andere Armenier derart unverständlich, dass die Kommunikation dann in der Regel auf Russisch erfolgt. Aufgrund der zahlreichen Touristen ist dies die Sprache Nr. 1 in der Stadt. Auffällig ist, dass sich trotz dem hohen Anteil Armenier in der ganzen Stadt keine armenischen Aufschriften finden, wohl aber recht viele abchasische. Manche Armenier befürchten bereits, dass es (nach der Vertreibung der Georgier) nun auf einen Konflikt zwischen Abchasen und Armeniern hinauslaufe.

Sehenswürdigkeiten: Kurpark, Restaurant Gagripš, Strände.

Verkehr: Regelmässige Busse nach Suchumi (2h, 80 Rub.), Psou (40 min, 30 Rub.). Marschrutkas nach Suchumi, Psou (50 Rub.), Pitzunda (30 min, 50 Rub.) und innerhalb der Stadt (20 Rub.). Taxis zur Psou-Grenze sollten ca. 400 Rub. kosten. Der prächtige, aber leere Bahnhof liegt etwas ausserhalb, südlich der Stadt. Täglich fährt ein Zug nach Suchumi (09.19, 2h 40 min) und Adler (19.20, 2h 20 min), dem Vernehmen nach allerdings nicht sehr pünktlich. An den zentraler gelegenen Bahnstationen Gagras hält der Zug nicht. Am Bahnhof werden auch Fahrkarten der russischen Eisenbahn verkauft.

Unterkünfte: Der ganzen Küste entlang verteilen sich zahlreiche Sanatorien, die allerdings teilweise („Abchazija“, „Gruzija“) nicht in Betrieb sind. Die restlichen sind insbesondere im August tendenziell ausgebucht. Viele Private vergeben Zimmer für ca. 500 Rub. pro Nacht, insbesondere in Strandnähe südlich des Stadions.

Stadt Pitzunda

Foto: (EN) Beach and hotels in Pitsunda. (DE) Strand und Hotels in Pitzunda.

Pitzunda (georgisch ბიჭვინთა/Bičvinta, abchasisch Пиҵунда) ist die am meisten touristische Stadt Abchasiens. Zu Sowjetzeiten wurde hier ein Planbau-Ferienresort (um nicht zu sagen: Erholungskombinat) geschaffen. Die Strandpromenade ist auch heute noch einheitlich im zweckorientierten sowjetischen Betonbaustil gehalten, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist nichts mehr gebaut worden. Im Abstand von jeweils 100 bis 200 Metern stehen sechs oder sieben Hotelblocks, die einander völlig identisch sind. Sogar die Schachtische stehen in der Reception jeweils am gleichen Ort.

Der Zahn der Zeit hat tüchtig an den Gebäuden genagt, der Kursaal ist eine Ruine und das viel fotografierte Delfin-Denkmal schon ziemlich verrostet. Dennoch macht der Ort einen freundlichen und entspannteren Eindruck als z.B. spanische Ferienresorts, wo sich ein Hotel ans andere drängt. In Pitzunda geht der Kiefernwald bis an die Küste, das Resort ist weiträumig für den Verkehr gesperrt, am Strand hat jeder genügend Platz und die Aussicht auf die Berge Abchasiens ist traumhaft. Viel Unterhaltung gibt’s hier wohl aber auch nicht, abgesehen von den Hotelrestaurants ist der Verpflegungsangebot sehr überschaubar.

Pitzunda hat aber auch ein eigentliches Stadtzentrum, das etwa einen Kilometer von der Küste entfernt liegt. Die Hauptattraktion dort ist eine alte orthodoxe Kirche, die heute als Museum und Konzertsaal dient (die Abchasen sind ja nicht sehr religiös). Gleich davor liegt die Busstation und eine Souvenirmeile in Richtung Meer. Der Rest der Stadt besteht fast ausschliesslich aus Plattenbauten. Sehenswert sind übrigens die Bushaltestellen entlang der Strasse nach Gagra, die allerlei Meeresgetier darstellen und in ihrer Kombination von Extravaganz und Zerfall faszinieren.

Sehenswürdigkeiten: Orthodoxe Kirche, Sowjetische Betonarchitektur an der Strandpromenade, Überreste der Festung Pitzunda.

Verkehr: Marschrutkas fahren häufig nach Gagra (30 min, 50 Rub.), teils auch nach Gudauta und Suchumi.

Unterkünfte: Mehrere Hotels/Sanatorien entlang der Strandpromenade.

Riza-See

Foto: (EN) Lake Ritsa. (DE) Der Riza-See.

Der Riza-See liegt im Gebirge, etwa 40 Kilometer von den Städten Gagra und Pitzunda entfernt. Die Gegend wird als „Perle Abchasiens“ angepriesen und gilt als touristische Hauptattraktion. Neben dem See selbst gibt es dort verschiedene Wasserfälle, Schluchten, Aussichtspunkte und – am Riza-See selbst – die Datscha Stalins.

Die Region ist tatsächlich sehr schön, wobei Flachland-Russen von den Bergen und Bächen deutlich mehr beeindruckt sind als wir es waren. In diesem Tal sieht es nämlich ziemlich genau gleich aus wie irgend in einem Schweizer Alpental, mit dem Unterschied, dass es keine Dörfer gibt und die Strassen ein bisschen schlechter sind.

Der Tourismus in der Region ist aber komplett anders als bei uns. Der Riza-See wird grundsätzlich im Rahmen eines organisierten Tagesausflugs per Jeep oder Bus besucht, einige wenige Individualtouristen sind mit dem eigenen Auto unterwegs. Unterwegs hält man dann bei allen Attraktionen an und fotografiert sich dort. Dazu stehen überall teilweise absurde Posier-Hintergründe zur Verfügung (als ob die Natur dort nicht schon genug schön wäre), vor denen man sich für 50 oder 100 Rubel ablichten lassen kann: Lebendige Tiere (kleiner Bär, Affe, Pfau etc.), ausgestopfte Tiere (z.B. ein aus Hasenfellen zusammengeflickter überdimensionaler Adler), historische Kostüme, alte Autos, Palmen… In einer Schlucht konnte man ein Foto liegend auf einem bemoosten Felsen machen, umgeben von etwa sieben ausgestopften Eisbären und einer Palme!

Unterbrochen wird dieser Trott von den sehr populären Berghonig-, Schnaps- und Weindegustationen, dem Essen in einem der vielen auf Schaschlik und Rauchfleisch spezialisierten Restaurants sowie der Besichtigung der Stalin-Datscha. Letztere ist keine pompöse Villa, wie wir erwartet hatten, sondern eher bescheiden. Die Inneneinrichtung – vorwiegend dunkelbraun gehalten – zeigt verstaubte sozialistische Atmosphäre. Die Führung durch das Haus (individuelle Besichtigungen sind nicht möglich) geht zackig von einem Raum in den nächsten und dauert so nur ca. 10 Minuten. Immerhin ist die Lage spektakulär, am Ufer des Riza-Sees mit Aussicht auf die Berge.

An manchen Zwischenhalten werden auch sportliche Aktivitäten angeboten. Zum Beispiel die Überquerung einer Schlucht mit einer Pfadi-Seilbahn, wobei angesichts der Sicherheitsvorkehrungen dem J+S die Haare zu Berge stehen würden. Die Passagiere im Gstältli (Klettergurt? – kenne gar kein hochdeutsches Wort dafür…) sind nur mit einem Karabiner abgesichert.

Wir wunderten uns sehr über die Wasserfälle, für welche die russischen Touristen und abchasischen Reiseführer einen grossen Enthusiasmus an den Tag legten. Diese sind teilweise nämlich einfach etwas sprudelnde Bergbäche (so der „Milch-Wasserfall“) oder einfach Wasser, das infolge des Strassenbaus aus dem gesprengten Felsen tropft. Letzterer „Wasserfall“ hat den Namen „Mädchentränen“ bekommen und es gibt sogar eine Legende dazu. Die Touristen fotografieren sich fleissig davor und hängen überall farbige Bänder auf, was wohl Glück in der Liebe bringen soll. Wirklich den Namen verdient hat nur der sehenswerte Gega-Wasserfall, bei dem sich das Wasser mitten aus einer Felswand ergiesst.

Sehenswürdigkeiten: Riza-See, Datscha von Stalin und Chruschtschow (Eintritt 100 Rub.), Festung von Bzypta, Brücke bei Kilometer 10 (selten so eine gefährlich aussehende Brücke gesehen), Aussichtspunkt „Proschtschaj Rodina“ (Auf Wiedersehen, Heimat), Schluchten, Wasserfälle „Mädchentränen“, „Männertränen“, „Milch-Wasserfall“, Gega-Wasserfall.

Verkehr: Kein öffentlicher Verkehr. Tagesausflüge von allen abchasischen Touristen-Destinationen aus sowie auch von Adler und Sotschi. Ab Gagra per Jeep ca. 1000 Rubel pro Person, mit dem Bus ab ca. 400 Rubel, wobei die Stalin-Datscha nicht immer inbegriffen ist.

Land und Leute

Die abchasische Sprache

Foto: (EN) Signs in Abkhaz language, some also translated to Russian. (DE) Schilder auf Abchasisch, einige davon mit russischer Übersetzung.

Das Abchasische gehört zur Sprachfamilie der nordwestkaukasischen Sprachen. Die am nächste verwandte Sprache ist das Abasinische, das in der russischen Teilrepublik Karatschajaewo-Tscherkessien von rund 35‘000 Personen gesprochen wird. Die dritte nordwestkaukasische Sprache ist das Adygische bzw. Tscherkessische, das in den Republiken Adygeja, Karatschajewo-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien gesprochen wird und in zahlreiche Dialekte zerfällt.

Es gibt keine genetische Verwandtschaft des Abchasischen mit den slawischen Sprachen, den Sprachen der kartvelischen Familie (u. a. Georgisch und Megrelisch) oder mit den nordostkaukasischen Sprachen (u. a. Tschetschenisch). Eine gegenseitige Verständigung ist höchstens mit Sprechern des Abasinischen möglich.

Das Abchasische zeichnet sich durch einen enormen Reichtum an Konsonanten und eine auffällige Armut an Vokalen aus. Linguistischen Analysen zufolge existieren nur die Vokalphoneme /a/ und /ә/, wobei diese je nach Umgebung auch andere Ausprägungen (u, e, i) annehmen können. Hingegen gibt es 58 Konsonanten, im Bzyb-Dialekt gar 67. Die kyrillische Schrift reicht zur Wiedergabe dieser natürlich nicht aus, deshalb besteht eine grosse Anzahl an Zusatzbuchstaben, deren Aussprache manchmal schwer zu eruieren ist, wie „ҿ“ als [tsch] oder „ҩ“ als [??]. Auch wer eine Ahnung des Russischen oder Georgischen hat, versteht in einem abchasischen Text überhaupt nichts ausser den Fremdwörtern. Diese fallen sich insofern auf, als das Abchasische den Präfix a- anfügt: Atelekom, Akino, Arajon, Abank und sogar Ainternet. Überhaupt beginnen fast alle Wörter mit „a“.

In Abchasien hat das Abchasische den Status als Amtssprache, wobei dazu auch das Russische verwendet wird. Präsidentschaftskandidaten müssen das Abchasische obligatorisch beherrschen. Da die Sprache sehr schwer zu erlernen ist, wird sie lediglich von den ethnischen Abchasen (die etwa 40 % der Bevölkerung ausmachen) gesprochen. Es kommt sogar recht häufig vor, dass selbst Abchasen ihre eigene Sprache nicht beherrschen, beispielsweise wenn sie einer Mischehe entstammen. Ein Armenier in Gagra äusserte die Vermutung, dass nur etwa die Hälfte der Abchasen das Abchasische beherrsche.

Tatsächlich hört man in den Strassen, ja sogar auf dem Markt, nur recht selten Leute Abchasisch sprechen. In der Öffentlichkeit ist das russische ganz klar die Sprache Nr. 1. Aufschriften auf öffentlichen Gebäuden sind immer zweisprachig Abchasisch und Russisch, die Privatwirtschaft hält sich hingegen stark ans Russische. Auf Plakaten steht meist nur pro Forma eine abchasische Phrase wie „Бзиала шәаабеит“ (herzlich willkommen). In rein abchasischen Dörfern dürfte das Abchasische noch die allgemeine Umgangssprache sein, in den Städten hingegen ist die Chance, auf Abchasisch angesprochen zu werden, sehr klein.

Ethnien Abchasiens

Foto: (EN) Multilingual (Abkhaz – Russian – English) sign in Bzypta. Despite the sizeable population groups, there are no signs in Armenian or Georgian in Abkhazia. (DE) Mehrsprachiges (abchasisch-russisch-englisch) Strassenschild in Bzypta. Obwohl mehr Armenier oder Georgier als Russen in Abchasien wohnen, gibt es in ihren Sprachen keine Schilder.

Gemäss der Volkszählung von 2003 besteht die Bevölkerung Abchasiens aus Abchasen (45 %), Armeniern, Georgiern, Russen sowie kleineren Minderheiten wie den Esten, Griechen, Türken oder Deutschen. Experten zufolge dürfte aber das Ergebnis der Volkszählung verfälscht sein. In Wirklichkeit sei der Anteil der Abchasen etwa gleich gross wie jener der Armenier, und auch die Georgier seien nicht viel weniger.

Abchasien ist allerdings der einzige de facto souveräne Staat der Welt, der zugleich auch Nationalstaat für die Titularethnie ist. Es gibt keinen abchasischen kin state im Ausland. Entsprechend ist auch das Ziel des abchasischen nation buildings, das Überleben der abchasischen Ethnie und Sprache zu sichern. Dies nicht völlig zu Unrecht, denn die abchasische Sprache wird wohl nur noch von etwa 50‘000 Personen gesprochen. Damit begründet die Regierung die Privilegierung der Abchasen und der abchasischen Sprache.

Die meisten Dörfer des Landes sind monoethnisch, während die Städte gemischt sind. Die Abchasen leben dabei vorwiegend in den Rayons Gudauta, Očamčira und Tkuarčal sowie in der Stadt Suchumi. In den Rayons Suchumi, Gulripš und Gagra leben hauptsächlich Armenier, im Rayon Gali sowie in Teilen der Rayons Očamčira und Tkuarčal Georgier. Die restlichen Ethnien leben über das ganze Land verstreut bzw. vorwiegend in den Städten.

Die Georgier aus dem Osten Abchasiens sprechen das mit dem Georgischen verwandte Megrelische, sehen sich aber als Teil der georgischen Nation und benutzen auch die georgische Schriftsprache. Die abchasische Führung versucht derzeit, ihre megrelische Identität und Sprache zu betonen, um einen Unterschied zu den Georgiern zu manifestieren. Dazu soll auch eine megrelische Schriftsprache eingeführt werden. Dies stösst bei der Bevölkerung, die sich vom abchasischen Staat vernachlässigt fühlt, nicht auf viel Gegenliebe. Durch das Machtmonopol des abchasischen Staats ist sie aber zu einer gewissen Kooperation verdammt. Im Bus nach Gali fragte ich einen Einheimischen, ob er Georgier sei (er hatte zuvor mit anderen Passagieren Megrelisch gesprochen). Er meinte dazu nur, er sei „von hier“.

In den westlichen Rayons Abchasiens lebten bis zum Krieg 1992-1993 weitere Georgier, die anders als die Megrelen das eigentliche Georgisch sprachen. Da sich diese im Krieg (der in der Umgebung von Suchumi am schlimmsten war) weit stärker als die Megrelen engagierten, wurden sie danach vertrieben. Eine Rückkehr dieser Flüchtlinge (wie es Abchasien sieht) bzw. interner Vertriebener (wie es Georgien sieht) wird von Abchasien ausgeschlossen.

Auch die Armenier Abchasiens sprechen nicht die ostarmenische Schriftsprache, wie sie in Armenien verwendet wird, sondern Hamschen, einen westarmenischen Dialekt. Dieser ist für Armenier aus Jerewan nicht ohne weiteres verständlich, häufig erfolgt die Kommunikation dann auf Russisch. Die abchasischen Armenier haben aber begonnen, das ostarmenische als Schriftsprache einzuführen. In der Öffentlichkeit hat das Armenische aber einen schweren Stand. Selbst in der Armenier-Hochburg Gagra gibt es überhaupt keine Aufschriften auf Armenisch. Manche Armenier befürchten sogar, nach dass nun nach der Vertreibung eines Grossteils der Georgier ein Konflikt zwischen Abchasen und Armeniern entstehen könne. Eine gewisse Rivalität ist bereits jetzt nicht von der Hand zu weisen.

Die Minderheiten der Esten, Griechen, Türken und Deutschen sind seit 1993 sehr stark geschrumpft, da die meisten Angehörigen dieser Minderheiten in die (reicheren) Länder ihrer Vorväter zurückgekehrt sind. Selbst viele Russen sind nach Russland ausgewandert.

Tourismus in Abchasien

Foto: (EN) Entrance hall of sanatorium „Energetik“ in Gagra, Abkhazia. (DE) Eingangshalle des Sanatoriums „Energetik“ in Gagra.

Der Tourismus zählt zu den Haupteinnahmequellen Abchasiens, dessen industrielle Produktion vernachlässigbar ist. Jährlich empfängt das nur etwa 200‘000 Einwohner zählende Land mehr als eine Million Touristen, der klar grösste Teil davon aus Russland. Ausserdem sieht man hin und wieder Touristen aus dem Osten der Ukraine oder aus Weissrussland. Westliche Touristen sind äusserst selten und sogar eine Attraktion für die Einheimischen. Dies liegt unter anderem an den abschreckenden Reisehinweisen der westlichen Aussenministerien, der fehlenden Abdeckung in den gängigen Reiseführern („Reisen nach Abchasien sind derzeit nicht möglich“) und dem für Nicht-Insider etwas mühsam zu durchschauenden Visumprozedere.

Der Westen der Landes ist im Sommer vollkommen auf russische Touristen ausgerichtet. Die Städte Candrypš/Gantiadi, Gagra, Pitzunda und Novy Afon leben im Sommer praktisch ausschliesslich vom Tourismus. Für die Sommersaison kommen dann trotz der recht tiefen Löhne zahlreiche Gastarbeiter aus dem Rayon Gali, Russland oder Armenien an. Auch Suchumi sowie kleinere Orte an der Küste sind ziemlich touristisch geprägt. Von Sotschi und Adler in Russland aus werden zudem täglich Dutzende Exkursionen nach Abchasien („der goldene Ring Abchasiens“) angeboten.

Individualtourismus ist noch nicht sehr verbreitet. Die meisten Touristen verbringen eine oder zwei Wochen in einer Unterkunft in Strandnähe in einem der Touristenzentren. Von dort aus nehmen sie ab und zu an einem organisierten Tages- oder Halbtagesausflug teil. Diese werden in den Hotels und an Strassenständen zuhauf angeboten und sind recht preiswert. Typische Reiseziele sind der Riza-See, Novy Afon, Suchumi (mit Botanischem- und Affengarten), aber auch die heissen Quellen Ostabchasiens oder das Wasserfall-Restaurant in Černigovka.

Die meisten Touristen übernachten in den „Sanatorien“. Dies sind Hotels, die zu Sowjetzeiten jeweils zu einem Grossunternehmen gehörten (z. B. Eisenbahn oder Stahlwerke) und der Belegschaft für den Urlaub zur Verfügung standen. Heute sind die meisten dieser Sanatorien privatisiert, ein Teil geschlossen oder sogar zerstört. In die meisten Sanatorien wurde kaum investiert, deshalb sehen sie nicht mehr sehr einladend aus. Das wohl schönste Sanatorium ist das im stalinistischen Zuckerbäcker-Stil erbaute „Gruzija“ („Georgien“) in Alt-Gagra, das leider nach einem missglückten Renovations-Versuch dem Verfall preisgegeben ist. Aushängeschild unter den Sanatorien ist nun das zwischen Gagra und Pitzunda gelegene „Samšitovaja Rošča“.

Viele Touristen nächtigen auch in von Privatleuten meist in Strandnähe angebotenen Privatzimmern und Mini-Hotels, die meist preiswert, aber nicht sehr komfortabel sind. Wer ohne Hotelreservationen unterwegs ist, kann sich sogar zur Hochsaison ziemlich darauf verlassen, so ein Zimmer zu finden. Es wird aber nicht gerne gesehen, wenn man weniger lang als eine Woche bleibt. Eigentliche Hotels wie in Westeuropa sind eher selten, wobei in den letzten Jahren einige entstanden sind. Dazu gehören das „Riza“ und das „Hotel-Suchum“ in Suchumi sowie das „San Marino“ in Gagra.

Ruinenlandschaft Abchasien

Foto: (EN) Entrance to one of the wings of the ruined former government building of Abkhazia in Sukhum. (DE) Eingang zu einem Flügel des zerstörten Regierungsgebäude in der Hauptstadt Suchumi.

1989 hatte Abchasien noch 550‘000 Einwohner, heute sind es noch etwa 200‘000. Der grösste Teil der Georgier ist vertrieben worden, und aufgrund der wirtschaftlichen Misere haben auch sonst viele Leute das Land verlassen. Die Vertriebenen und Auswanderer haben tausende nun leere Gebäude hinterlassen, die vielfach später noch geplündert worden sind. Nach 20 Jahren Vernachlässigung stehen diese nun als Ruinen in der Landschaft. Auch der Krieg 1992-1993 hat seinen Beitrag zur Ruinenlandschaft Abchasien geleistet. Um viele repräsentative Gebäude (z. B. das Regierungsgebäude in Suchumi) wurde lange gekämpft. Ein Grossteil dieser Gebäude wurde seither nicht mehr instand gestellt.

Noch heute stehen deshalb in allen abchasischen Ortschaften zahlreiche Ruinen. In den östlichen Rayons ist der Anteil besonders hoch, wo ganze Dörfer entvölkert sind und in den Städten deutlich weniger Leute leben als vor dem Krieg. Aber auch in Suchumi und Gagra stehen sogar in den Stadtzentren zahlreiche Ruinen. Einzig die Touristenhochburg Pitzunda ist heute fast vollständig intakt.

Anders als z. B. in Bosnien machen diese Ruinen aber keinen trostlosen Eindruck. Dies allein schon wegen des für Abchasien typischen Baustils. Hier wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel in pompösem, historisierendem Stil gebaut (insbesondere im Kurort Gagra). Zur Zeit der Sowjetunion kamen zahlreiche Gebäude im stalinistischen Zuckerbäckerstil dazu. Plattenbauten und andere sozialistische Zweckbauten sind hingegen relativ selten. Hingegen wurden in den Kurorten viele Kolonnaden, Pavillons, Freitreppen und Aussichtspunkte gebaut.

Die Ruinen dieser Gebäude sind heute überwuchert von der üppigen Vegetation Abchasiens. Palmen, Zypressen, Eukalypten und Büsche mit farbigen Blumen ergeben eine reizvolle Kombination mit den grandiosen Ruinen. Ein Besucher hat einmal treffend bemerkt, die Szenerie erinnere ihn an „Tomb Raider“. Besonders fotogen sind die Bahnhofsareale. Die prächtigen Bahnhofsgebäude sind riesig und leer, da der Eisenbahnbetrieb seit 1993 praktisch zum Erliegen gekommen ist. Momentan verkehrt täglich nur ein langsamer Zug von Suchumi über die russische Grenze nach Adler, ausserdem soll es eine Verbindung Suchumi-Moskau geben. Diese ist aber in keinem Fahrplan verzeichnet.

Bierkultur in Abchasien

Foto: (EN) A bottle of Abkhazia-brewed „Sukhumi“ beer – just awful. (DE) Eine Flasche abchasisches „Suchumi“-Bier – einfach scheusslich. Die 11% beziehen sich übrigens auf den Stammwürzegehalt, der Alkoholgehalt (unten links auf der Etikette) beträgt „nicht weniger als 4.5%“.

Die Bierkultur eines Landes ist beim Reisen immer eine Beobachtung wert. In Abchasien ist diese allerdings nicht sehr ausgeprägt. Es sind nur zwei einheimische Biere erhältlich: „Suchumi“ in Flaschen sowie das gleiche Bier in gezapfter Form. Wie uns schon direkt nach der Einreise im Bus eingeschärft wurde, ist die gezapfte Version deutlich besser als das Flaschenbier.

Wir probierten dieses Erzeugnis des „Suchumski Pivzavod“ (Bierfabrik Suchumi, diese stellt allerdings auch Limonaden her) bereits am ersten Tag. Und tatsächlich: Das Flaschenbier ist schlicht scheusslich. So schlechtes Bier hatte ich zuletzt Transnistrien („Staraja Krepost“) und in Turkmenistan getrunken. Es ist sogar unter dem in der ehemaligen Sowjetunion verbreiteten Kombinatsbier-Niveau. Flaschen-Suchumi schmeckt in etwa so, als wäre statt Hopfen Zigaretten-Ascher verwendet worden. Dieser Ascher-Geschmack macht das Bier ungeniessbar.

Interessanterweise ist das gezapfte Suchumi wirklich deutlich besser. Der Ascher klingt zwar auch da ganz leicht an. Wenn das Bier aber gut gekühlt ist, ist es wirklich gar nicht schlecht.

Glücklicherweise ist in Abchasien auch eine grosse Auswahl ausländischer Biere erhältlich. Dabei dominieren klar die russischen Biere, die nicht mal teurer als das einheimische Gebräu verkauft werden. Leider fehlen im Sortiment prinzipiell die besten Sorten der Baltika-Brauerei, nämlich Nr. 4 (Dunkles) und 6 (Porter). Hervorragend ist hingegen das in einer dunklen Flasche verkaufte „gezapfte Bier“ von „Staryj Melnik“. Dieses wirbt zwar mit dem absurden Slogan „das erste gezapfte Bier aus der Flasche“. Es schmeckt aber wie eine gelungene Mischung von Sonnenbräu Rheinperle und dem hellen Leffe aus Belgien – ein hopfiges Leffe also.

Ausser den russischen Biere sind in Russland gebraute tschechische und türkische Biere erhältlich, darunter „Velkopopovický Kozel“. Dies ist das einzige in Abchasien erhältliche dunkle Bier, schmeckt aber in seiner russischen Version nicht genau gleich gut wie das in Tschechien selbst gebraute. Georgische Biere (die recht gut sind) werden in Abchasien leider nicht verkauft.

Politik

Innenpolitik

Foto: (EN) Election campaign of presidential candidate Sergey Shamba. His slogans are „Shamba – our president“ and „With Shamba towards new victories“. (DE) Wahlplakat von Präsidentschaftskandidat Sergej Schamba, mit den Slogans „Schamba – unser Präsident“ und „Mit Schamba zu neuen Siegen“.

Die abchasische Innenpolitik wird von ethnischen Abchasen dominiert, die in allen Institutionen überproportional vertreten sind. Dies waren sie bereits zur Zeit der Sowjetunion, als die Abchasen nur 17.7 % der Bevölkerung der Abchasischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik ausmachten. Die wichtigsten politischen Ziele fast aller abchasischen Politiker sind die wirtschaftliche Entwicklung (u. a. im Bereich Tourismus) sowie die Öffnung der Grenze zu Russland.

Auch der Anschluss an die Russländische Föderation steht immer wieder zur Diskussion, wobei sich die Bevölkerung Abchasiens darüber nicht einig ist. Als Subjekt Russlands würde sich die abchasische Wirtschaft wohl schneller entwickeln, das Überleben der abchasischen Sprache und Nation wäre dafür hingegen fraglich. Mehr dazu unter „Verhältnis zu Russland“.

Anders als in Georgien gab es in Abchasien bereits mehr oder weniger friedliche Machtwechsel. Das Land wurde von Vladislav Ardzinba in die Unabhängigkeit geführt, der danach 1999 als Präsident Abchasiens bestätigt wurde. Als Ardzinba 2004 aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, spielte im Wahlkampf für seine Nachfolge das Verhältnis zu Moskau eine wichtige Rolle. Raul Chadschimba, der unter Ardzinba Vizepräsident gewesen war, galt als Mann Russlands, während sein oppositioneller Herausforderer Sergej Bagapsch für ein starkes Abchasien eintrat. Die Wahl im Oktober 2004 wurde von Chadschimba gewonnen. Nach langen Protesten der Opposition setzte der Oberste Gerichtshof eine Wiederholung der Wahl für Januar 2005 an. Chadschimba trat dabei nicht mehr an, Bagapsch gewann die Wahl überlegen.

Im Mai 2011 verstarb Präsident Bagapsch bei einer missglückten Operation in einem Moskauer Spital. Die Ersatzwahlen finden am 26. August 2011 statt. Es treten drei Kandidaten an: Der 2005 gescheiterte Raul Chadschimba, Aleksander Ankvab sowie Sergej Schamba. Letzterer ist der einzige Kandidat, der wirklich einen Wahlkampf führt. Überall im Land hängen Plakate mit Slogans wie „Mit Sergej Schamba zu neuen Siegen“ (siehe Foto oben). Der Sieg von Aleksander Ankvab gilt bei der abchasischen Bevölkerung aber bereits als sicher.

Zu Beginn des Wahlkampfs versicherten sich die Kandidaten in einem Abkommen gegenseitig einen sauberen und fairen Wahlkampf. Darüber wurde gerade zur Zeit meines Aufenthalts in Suchumi in der Zeitung „Echo Abchasiens“ berichtet. Danach wurden aber doch andere Geschütze aufgefahren. Sergej Schamba zeigte auf einer Wahlkampfveranstaltung ein Interview mit Tengiz Kitovani, dem georgischen Verteidigungsminister zur Zeit des abchasisch-georgischen Kriegs. Darin erklärte Kitovani, Ankvab habe während des Kriegs mit der georgischen Seite zusammengearbeitet.

Nachtrag 27.08.2011: Ankvab hat die Präsidentschaftswahl mit 55 % der Stimmen gewonnen.
Aussenpolitik

Foto: (EN) Flags of the countries which recognize Abkhazia in a mall in the capital Sukhum (with Transnistria, Nagorno-Karabakh and Vanuatu missing). (DE) Flaggen der Länder, die Abchasien anerkennen, in einem Warenhaus in der Hauptstadt Suchumi. Die Verkäuferinnen empfahlen der Schweiz, Abchasien ebenfalls anzuerkennen – dann würde die Flagge ebenfalls aufgehängt.

Abchasiens aussenpolitisches Hauptziel ist die Anerkennung als unabhängigen Staat durch die internationale Gemeinschaft. Lange Zeit wurde Abchasien nicht einmal von der Schutzmacht Russland als unabhängigen Staat anerkannt, da Russland in der Kosovo-Frage keinen Präzedenzfall und Doppelstandards schaffen wollte. Nachdem der Westen 2007 aber die einseitig erklärte Unabhängigkeit des Kosovo anerkannte und Russland 2008 erneut die Souveränität Südossetiens mit Waffengewalt gegenüber Georgien verteidigte, folgte im Herbst 2008 die Anerkennung Abchasiens und Südossetiens durch Russland. Seither unterhält Russland auch offiziell diplomatische Beziehungen mit den Regierungen dieser Länder.

Russlands Kalkül, dass sich diverse alliierte GUS-Staaten (insbesondere Weissrussland und Kasachstan) diesem Schritt anschliessen würden, ging allerdings nicht auf. Einzig die linkspopulistischen Regimes Nicaraguas und Venezuelas folgten Russlands Beispiel freiwillig. Schliesslich folgte die winzige und verarmte Pazifikstaat Nauru mit der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens. Diese Anerkennung trug Nauru eine russische Finanzspritze von 50 Mio. USD ein, was auch die Motivation für die Anerkennung erklärt. Naurus Präsident stattete den Hauptstädten Cchinvali und Suchumi sogar Staatsbesuche ab – ein rares Ereignis in diesen Ländern. Im Sommer 2011 anerkannte mit Vanuatu ein weiterer Pazifikstaat die abchasische Unabhängigkeit. Zwischenzeitlich hatte eine neue Regierung Vanuatus diese wieder zurückgezogen, mittlerweile scheint man sich aber doch auf eine Anerkennung Abchasiens geeinigt zu haben.

Für kurze Zeit anerkannte mit Vanuatu noch ein zweiter Pazifikstaat die beiden abtrünnigen Regionen Georgiens. Nachdem die Regierung, welche die Anerkennung ausgesprochen hatte, gescheitert war, zog die nächste Regierung die Anerkennung aber wieder zurück.

Die beiden de facto-Staaten Georgiens anerkennen sich natürlich auch gegenseitig. Auch Transnistrien (das völkerrechtlich zur Republik Moldova gehört) und Bergkarabach (völkerrechtlich ein Bestandteil Aserbaidschans) anerkennen Abchasien. Transnistrien, Abchasien, Südossetien und Bergkarabach haben sich zur „Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten“ zusammengeschlossen. Die russische Bezeichnung dieser Organisation lautet „Sodružestvo Nepriznanych Gosudarstv“, abgekürzt SNG – genau wie die „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“. Deshalb müssen sich die nicht Anerkannten jetzt SNG-2 nenne.

Weitere Anerkennungen sind derzeit nicht in Sicht. Damit bleibt Abchasien wohl bis auf weiteres ein teilweise anerkannter, de facto souveräner Staat, der völkerrechtlich Bestandteil Georgiens ist.

 

Verhältnis zu Georgien

Foto: (EN) Abkhaz propaganda and Russian military base at the border to Georgia. (DE) Abchasische Propaganda und russischer Militärstützpunkt an der Grenze zu Georgien.

Abchasien hat sich im Krieg 1992/1993 die Unabhängigkeit von Georgien erkämpft und ist seither de facto unabhängig. Offizielle Beziehungen zwischen den beiden Regierung existieren nicht. Georgien anerkennt die abchasische Regierung nicht als offizielle Vertretung der Abchasischen Autonomen Republik und ignoriert sie deshalb weitgehend. Abchasien möchte auf Augenhöhe mit Georgien verhandeln, was für Georgien natürlich überhaupt nicht in Frage kommt. Völkerrechtlich ist Abchasien (wie Südossetien) weiterhin Bestandteil Georgiens.

Da deshalb offiziell innerhalb Georgiens weiterhin die „Autonome Republik Abchasien“ (übrigens mit dem gleichen Status wie Adscharien) existiert, hat diese Autonome Republik auch eine eigene, von Georgien anerkannte Verwaltung, die freilich keinen Zugriff auf das Territorium hat und in Tbilisi sitzt. Zwischen 2006 und 2008 war der Sitz dieser Verwaltung das Dorf Zchalta im sogenannten „Ober-Abchasien“. Der obere Teil des abchasischen Kodori-Tals, der an die georgische Region Swanetien grenzt, war nämlich nach der Kriegsniederlage 1993 unter der Kontrolle Georgiens verblieben. Im Rahmen des Konflikts um Südossetien im August 2008 brachte Abchasien aber das Gebiet mit Hilfe der russischen Armee unter Kontrolle. Die Verwaltung der „Autonomen Republik Abchasiens“ wurde gemeinsam mit den etwa 2‘000 Swanen, die in der Region von Zchalta lebten, vertrieben. Erst seit diesem Ereignis kontrolliert die abchasische Regierung das gesamte Territorium der ehemaligen Abchasischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Trotz all dieser Differenzen gibt es in einem Bereich eine pragmatische Zusammenarbeit beider Seiten. Das Wasserkraftwerk Enguri/Ingur (ЭнгурГЭС) wird nämlich von Georgien und Abchasien gemeinsam betrieben und liefert Energie für die Grossregion Megrelien-Abchasien. Der Enguri-Staudamm liegt zwar vollständig in Georgien, das Kraftwerk hingegen in Abchasien.

Einer der derzeit erfolgreichsten georgischen Fussballvereine nennt sich übrigens „FC Gagra“, wie der Kurort in Abchasien. Ein weiterer Verein heisst nach der südossetischen Hauptstadt „Spartak Cchinvali“. Diese Namensgebungen sind aber als „Phantomschmerz“ einzustufen: Sie spielen nämlich in der georgischen Hauptstadt Tbilisi und tragen lediglich die Namen abchasischer/südossetischer Städte, um die territorialen Ansprüche Georgiens zu manifestieren. Ähnliches gibt es auch in Aserbaidschan mit dem FC Karabach Aghdam.

Verhältnis zu Russland

Foto: (EN) Banner in Pitsunda saying „Russia and Abkhazia – 200 years together. (DE) Transparent in Pitzunda: „Russland – Abchasien: 200 Jahre zusammen“.

Russland ist die Schutzmacht Abchasiens – ohne Russland wäre Abchasien nicht existenzfähig. Der abchasische Sieg im Unabhängigkeitskrieg 1992-1993 gegen Georgien wäre ohne das Eingreifen der russischen Armee nicht möglich gewesen. Diese schützt das Land (ebenso wie Südossetien, der zweite de facto souveräne Staat, der völkerrechtlich zu Georgien gehört) seither vor einer georgischen Rückeroberung. Als Georgien im August 2008 die Rückeroberung versuchte, machte die russische Armee mit einer grossflächigen Besetzung Georgiens schnell klar, dass es dies nicht tolerieren würde. In den vergangenen Jahren hat Russland seine Kräfte in Abchasien sogar noch aufgestockt, ein militärischer Rückgewinn Abchasiens durch Georgien ist deshalb momentan nicht realistisch.

Aufgrund der Anlehnung an Russland steht auch ein Beitritt Abchasiens zur Russländischen Föderation immer wieder zur Debatte. Zahlreiche Politiker treten dafür ein, da sie das kleine Abchasien nicht für Überlebensfähig halten und weil der russische Einfluss in Abchasien ohnehin sehr gross ist – immerhin haben fast alle Einwohner Abchasiens mit Ausnahme der Megrelen im Osten einen russischen Pass. Gerade die Armenier, von denen ja auch zahlreiche in der angrenzenden Region Krasnodar leben, wünschen einen Anschluss an Russland. Ein Armenier aus dem Rayon Gagra schätzte, dass in Abchasien etwa 60 % der Bevölkerung einen Beitritt zur Russland befürworten.

Viele ethnische Abchasen hingegen bevorzugen ein eigenständiges Abchasien. Die Unabhängigkeit von Georgien war damals schliesslich aus Furcht vor einer zu starken Georgisierung des Landes erkämpft worden. Die Rettung der abchasischen Sprache und Nation war eines der Hauptziele bei der Schaffung des abchasischen Nationalstaats gewesen. Mittlerweile ist aber die Russifizierung Abchasiens so weit fortgeschritten, dass auch diese das Überleben insbesondere der abchasischen Sprache bedroht.

Der Einfluss Russlands in Abchasien ist sehr gross. Die Einwohner sind russische Staatsangehörige, als Währung ist der russische Rubel im Umlauf, die russische Eisenbahn unterhält die Strecke von Adler nach Suchumi, fast alle Lebensmittel werden aus Russland importiert, die russische Armee ist im ganzen Land präsent. Der abchasische Staat ist stark von russischen Finanzspritzen abhängig, ohne diese er wohl schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten würde. Privaten russischen Investoren gehören in Abchasien Unternehmen, Immobilien und Land. Die russische Grenze ist Abchasiens Tor zur Welt. In Adler direkt nach der Grenze befindet sich das nächste Postamt, der nächste Flughafen und Banken mit Anschluss ans internationale Bankensystem. Bezeichnenderweise verkündet ein Transparent auf der abchasischen Seite des Grenzübergangs zu Russland „Russland – Abchasien – 200 Jahre zusammen“ (das gleiche Transparent wie im Bild oben).

Vergleich mit Transnistrien und anderen de facto souveränen Staaten

Foto: (EN) No more Lenin. Empty pedestal in front of destroyed Cabinet of Ministers in Abkhazia’s capital Sukhum. (DE) Ohne Lenin: Leerer Sockel vor dem zerstörten Regierungsgebäude in der abchasischen Hauptstadt Suchumi.

Neben Abchasien gibt es auf der Welt zahlreiche weitere de facto souveräne Staaten, die völkerrechtlich nicht oder nur teilweise anerkannt sind: Transnistrien (Rep. Moldova), Südossetien (Georgien), Bergkarabach (Aserbaidschan), Nordzypern (Zypern), Kosovo (Serbien), Somaliland (Somalia). Für weitere Informationen zu de facto-Souveränität, siehe meine Lizentiatsarbeit.

Abchasien hebt sich von all diesen Staaten in einem Punkt deutlich ab: Es ist der einzige de facto-Staat, der zugleich ein Nationalstaat ist. Alle anderen de facto-Staaten sind entweder multiethnisch oder haben einen mächtigeren kin state in der Nachbarschaft. Die Souveränität hat deshalb für die abchasische Nation eine spezielle Bedeutung – beispielsweise ist das Abchasische in keinem anderen Staat Amtssprache.

Ein augenfälliger Unterschied im Vergleich zu Transnistrien ist ausserdem der Umgang mit der Vergangenheit. In Transnistrien hängen überall noch kommunistische Symbole (ganz prominent am Eingang der Hauptstadt Tiraspol), Lenin grüsst auf jedem wichtigeren Platz, sogar auf den neuesten Münzen prangen noch Hammer und Sichel. Abchasien hat diesbezüglich gründlich aufgeräumt: In keiner Stadt gibt es noch Lenin-Statuen, und auch kommunistische Symbole entdeckt man nur noch selten und vor allem in Dörfern. In dieser Hinsicht gleicht Abchasien Georgien viel stärker als Russland, das die Vergangenheit vielerorts ebenfalls noch hochhält.

Andererseits ist Abchasien wirtschaftlich deutlich schwächer als Transnistrien. Es gibt kaum mehr produzierende Fabriken. Das Land lebt hauptsächlich vom Export von Zitrusfrüchten (v. a. Mandarinen), der Landwirtschaft und im Sommer vom Tourismus. In Transnistrien hingegen steht mit Rybnica-Steel eines der grössten Stahlwerke Europas sowie weitere Schwerindustrie-Betriebe, die mittlerweile wieder Gewinn abwerfen. Transnistrien macht denn auch einen deutlich wohlhabenderen Eindruck als Abchasien.

Mit allen postsowjetischen de facto-Staaten hat Abchasien hingegen die massive Präsenz des russischen Militärs gemeinsam. Ohne die Unterstützung durch das sowjetische und später das russische Militär hätten Transnistrien, Abchasien und Südossetien niemals die Unabhängigkeit erlangt. Auch in Bergkarabach spielten Eingriffe und Waffenlieferungen der russischen Armee an die armenische Seite einen wichtigen Beitrag zur Unabhängigkeit. Die russische Armee ist deshalb in Abchasien sehr beliebt. Für Russland ist die Militärpräsenz in abtrünnigen Gebieten Moldovas und Georgiens deshalb interessant, weil sie eine gewisse Kontrolle über nicht sehr loyale Regierungen ermöglicht. So kann Georgien nicht der NATO beitreten, solange die territoriale Integrität nicht wiederhergestellt ist.

Im Gegensatz zur durchlässigen transnistrisch-moldauischen Grenze ist die Grenze zwischen Abchasien und Georgien ziemlich abgeschottet. Sie wird so gut wie nie von Fahrzeugen überquert – abchasische Nummernschilder sind in Georgien nicht erlaubt, und eine Fahrt mit georgischen Schildern nach Abchasien wäre wohl gefährlich. Angeblich fährt täglich ein Bus die Strecke Gori – Suchumi. Ansonsten gibt es keinen öffentlichen Verkehr. Wer die Grenze überqueren will, reist mit einer Marschrutka zum georgischen Polizeiposten und dann auf der abchasischen Seite mit einem Bus oder einer weiteren Marschrutka weiter. Es gibt auch keinen Warenverkehr über die Grenze, in abchasischen Geschäften sind überhaupt keine georgischen Produkte erhältlich. Mit Ingur gibt es überhaupt nur einen geöffneten Grenzübergang, wobei die Eröffnung eines weiteren Grenzübergangs in Planung ist. Zwischen Moldova und Transnistrien verkehren hingegen täglich zig Busse, die Überquerung der internen Grenze ist selbst für Ausländer mittlerweile kein grosses Problem mehr.

Anders als Abchasien trägt Transnistrien der ethnischen Vielfalt seiner Bevölkerung Rechnung. Als Amtssprachen gelten dort neben dem Russischen auch das Ukrainische und Moldauische (= Rumänisch in kyrillischer Schrift). Abchasien verweigert diesen Status dem Armenischen und dem Georgischen, obwohl diese Sprachen von grossen Bevölkerungsteilen verwendet werden.

Die öffentliche Infrastruktur ist in Transnistrien deutlich besser ausgebaut als in Abchasien. Trotz der fehlenden Anerkennung gibt es in Transnistrien Postämter, in denen man – ganz pragmatisch – für Auslandssendungen moldauische Briefmarken kaufen kann. In Abchasien gibt es schlicht keine Post. Und während Abchasien den russischen Rubel verwendet, hat Transnistrien seine eigene, allgemein verwendete Währung: den transnistrischen Rubel.

Reisehinweise

Verkehr

Foto: (EN) Train station in Sukhum/Akua, Abkhazia’s capital. There’s only one train a day to Adler in Russia, and the building is disused. (DE) Bahnhof von Suchumi/Akua, der abchasischen Hauptstadt. Von dort fährt täglich nur ein Zug ins russische Adler. Das Gebäude wird nicht mehr benutzt.

Vor dem Untergang der Sowjetunion lag Abchasien an der wichtigsten Verbindungsroute zwischen Moskau und dem Südkaukasus. An den prächtigen Bahnhöfen hielten zahlreiche Fernverkehrszüge aus allen Regionen Russlands auf dem Weg nach Tbilisi und Jerewan. Heute sind diese Bahnhöfe leer und verlassen. Der einzige fahrplanmässige Zug ist ein täglicher „Vorortszug“ vom russischen Adler nach Suchumi und zurück, betrieben von der russischen Eisenbahn. Ausserdem soll es eine Verbindung Suchumi-Moskau geben. Weiter östlich als Suchumi verkehren keine Züge mehr, wobei angeblich der Streckenabschnitt Suchumi – Očamčira bald wieder in Betrieb genommen werden soll. Die abchasisch-georgische Grenze hat wohl seit 1993 kein Zug mehr überquert. Immerhin können bei diversen Agenturen (u. a. an den Bahnhöfen) Fahrkarten der russischen Eisenbahn gekauft werden.

Innerhalb Abchasiens wird der Verkehr üblicherweise per Bus oder Marschrutka abgewickelt. Diese verkehren regelmässig auf der Hauptachsen (insbesondere Psou – Gagra – Gudauta – Suchumi) sowie in einige abseits davon gelegene Ortschaften wie Tkuarčal. Die Busfahrten sind sehr preiswert, ab Suchumi kostet keine Fahrt mehr als 200 Rubel (ca. 5.50 CHF / 5 EUR). Marschrutkas (Minibusse, die jeweils abfahren, sobald sie voll sind) verlangen deutlich mehr, meist das doppelte.

Taxis sind ebenfalls sehr preiswert, Fahrten innerhalb von Städten sollten nie mehr als 100 Rubel kosten. Sie lohnen sich aber auch für Überlandfahrten, so bezahlten wir für die Strecken Suchumi – Novy Afon und Gagra – Psou jeweils 400 Rubel (ca. 11 CHF / 10 EUR). Es herrscht ein gewisser Mangel an Taxis, aber eigentlich ist jedes Auto ein potentielles Taxi, auch ohne entsprechendes Schild.

Städtische Verkehrsmittel gibt es, soviel ich gesehen habe, nur in Suchumi und Gagra (evtl. noch in Gudauta). In Suchumi gibt es einen Trolleybusbetrieb, die Fahrt kostet 3 Rubel. Ergänzend verkehren auch Busse (5 Rub.) und Marschrutkas (10 Rub.). In Gagra verkehren ebenfalls Busse, allerdings sehr selten. Entlang der Hauptstrasse verkehren deshalb in deutlich kürzeren Intervallen Marschrutkas (20 Rub.).

Sicherheit

Foto: (EN) Known as a „black hole“: Gali (street in the city centre). (DE) Gilt als Unruheherd und Schwarzes Loch: Gali (Strasse im Stadtzentrum).

In den Reisehinweisen der westeuropäischen Aussenministerien wird von Reisen nach Abchasien deutlich abgeraten, unter anderem mit dem Hinweis auf Überfälle, Schiessereien und Entführungen, die insbesondere im Rayon Gali vorkämen. Erschwerend kommt hinzu, dass in Abchasien eine Betreuung durch die Botschaft nicht möglich ist, da ja keine diplomatische Anerkennung vorliegt – einzig Russland hat in Suchumi eine Botschaft. Sollte tatsächlich etwas passieren, kann man daher keine Hilfe von aussen erwarten. In deutsch- und englischsprachigen Georgien-Reiseführern heisst es deshalb meist, dass Reisen nach Abchasien und Südossetien derzeit nicht möglich seien.

Etwas angespannt ist die Situation entlang der Ingur-Grenze und im Rayon Gali tatsächlich. An der Grenze stehen sich die georgische und russische Armee, die dort zuletzt 2008 gegeneinander gekämpft hatten, schwer bewaffnet gegenüber. Und Gali hat den Ruf eines schwarzen Lochs, da es weder von den abchasischen noch von den georgischen Behörden effektiv kontrolliert wird. Berichten zufolge hat es sich zum Unterschlupf für alle möglichen Kriminellen aus Georgien entwickelt. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu sagen, dass die Überquerung der Grenze mit anschliessender direkter Bus- oder Marschrutkafahrt nach Suchumi wohl nicht sehr riskant ist. Ein längerer Aufenthalt in der Stadt Gali (z. B. über Nacht) würde ich hingegen vermeiden.

Von Suchumi an westwärts ist das Land sehr touristisch geprägt. Unter den vielen russischen Touristen fällt man auch als westlicher Tourist nicht stark auf. Ich fühlte mich an diesen Orten deshalb während des ganzen Aufenthalts sicher. Zwar geht unter den Russen die Geschichte eines „Mädchens aus einer guten Familie“ herum, die einem jungen Abchasen den Tanz verweigert hatte und darauf von ihm abgestochen worden sei. Kleinkriminalität kommt auch vor, es gibt immer wieder Berichte, dass Leute (v. a. in Suchumi) bestohlen worden seien. Solche Vorkommnisse treffen allerdings auch auf viele westeuropäische Grossstädte zu.

Was etwas negativ auffällt, ist dass die Polizei kaum präsent ist in den Städten. Sie tritt vielmehr an den Stadträndern als „Staatliche Autoinspektion“ (ГАИ) in Erscheinung, wo sie den Autofahrern Schmiergelder abknöpft. Wer z. B. bei einem Überfall tatsächlich auf die Hilfe der Polizei angewiesen ist, muss – so wurde uns erzählt – auch erst Schmiergelder bezahlen, bevor die Polizei ihre Arbeit aufnimmt. Ein nicht so erfreulicher Anblick waren auch einmal Drogen konsumierende Männer in einem Café in Suchumi, die in den Hosentaschen Pistolen hatten.

Die Leute in Abchasien sind zwar sehr sprachgewandt und sprechen häufig Abchasisch, Russisch, Armenisch, Megrelisch und Georgisch. Westliche Fremdsprachen sind hingegen alles andere als verbreitet. Ab und zu trifft man ältere Leute, die etwas Deutsch können, seltener auch Englisch oder Französisch. Insgesamt denke ich aber, dass Russischkenntnisse – auch im Hinblick auf mögliche auftretende Probleme, insbesondere mit den abchasischen Behörden – für eine Reise nach Abchasien ziemlich wichtig sind.

Geld und Preise

Foto: (EN) Popular souvenirs from Abkhazia: Spices, Wine, Chacha Liquor, Honey. (DE) Beliebte Souvenirs aus Abchasien: Gewürzmischungen für alles mögliche, Wein, Tschatscha (ein 60%iger Weinbrand), Berghonig.

Während in Georgien der georgische Lari im Umlauf ist, wird in Abchasien und Südossetien mit dem russischen Rubel bezahlt. In Abchasien können nur Euro und US-Dollar in Rubel gewechselt werden, ausserdem funktionieren Geldautomaten und Kreditkarten nicht – eine Folge der fehlenden Anerkennung. Entsprechend viele Dollars oder Euro muss man mitbringen. Die abchasische Nationalbank gibt auch eine eigene Währung namens Apsar heraus, wobei ein Apsar zehn russische Rubel wert ist. Bisher wurden aber erst 10- und 50-Apsar-Gedenkmünzen geprägt, die weit über dem Nominalwert an Sammler verkauft werden. Für den täglichen Gebrauch werden sie deshalb nie verwendet.

Abchasien importiert fast alle Produkte des täglichen Gebrauchs aus Russland, aus Georgien gibt es keine Importe (nicht mal Borjomi-Wasser, das sonst fast in der ganzen ehemaligen Sowjetunion erhältlich ist). Deshalb ist das Preisniveau etwas höher als in Georgien, Lebensmittel kosten (abgesehen von einigen Marktprodukten) gleich viel wie in Russland. Softgetränke in Dosen etwa kosten in Abchasien in der Regel 30 Rubel (0.80 CHF), in Georgien hingegen etwa 0.50 CHF.

Die Löhne in Abchasien sind hingegen deutlich unter dem russischen Niveau, der Durchschnittslohn liegt etwa bei 6‘000 Rubel (170 CHF) pro Monat. Deshalb sind mit Arbeit verbundene Dienstleistungen und Produkte billiger als in Russland: Hotels, Restaurants oder Transport. In Abchasien kann man für 200 Rubel (6 Fr.) recht gut essen. Dies zieht Touristen aus der russischen Mittelklasse für den Urlaub nach Abchasien: Der Urlaub am Schwarzen Meer kostet so deutlich weniger als an der russischen Schwarzmeerküste.

Preise sind in Abchasien (ausser auf Speisekarten) so gut wie nie angeschrieben. Es kommt aber recht selten vor, dass man handeln muss – am ehesten noch in Marschrutkas oder Taxis. Restaurants und Cafés schlagen grundsätzlich 10 % für die Bedienung auf Rechnung.

Essen und Trinken

Foto: (EN) Local specialities on a market in Gagra: Churchkhela, spicy Adzhika paste, dried flattened fruits. Actually all (also) Georgian specialities. (DE) Lokale spezialitäten auf dem Markt in Gagra: Tschurtschchela (Baumnüsse in farbigem Bienenwachs), Adschika (scharfe Paste), Trockenfrucht-„Fladen“.

Kurz zusammengefasst: Von Russland her kommend, ist die abchasische Gastronomie eine Offenbarung, von Georgien her hingegen eine Enttäuschung. Wir kamen aus Georgien, das mit seiner frischen, würzigen und sehr abwechslungsreichen Küche besticht.

In Abchasien ist die Auswahl in den Restaurants meist recht klein, wenn auch das Essen dennoch sehr schmackhaft und deutlich besser als in Russland ist. Als Vorspeisen werden meist einige Salate und Suppen angeboten sowie immer Chatschapuri in verschiedenen Varianten. Letzteres ist eine Spezialität, ein Mittelding zwischen Käsekuchen und Fondue: Ein Brotschiffchen oder –fladen mit geschmolzenem Käse in der Mitte, teils zudem ein Ei darüber. Man reisst am Rand das knusprige Brot ab und tunkt es in der sättigenden Masse in der Mitte.

Als Hauptspeise ist wie im ganzen Kaukasus Schaschlik am beliebtesten – in Essig marinierte Spiesschen, die mit viel Zwiebeln und scharfer roter Sauce gegessen werden. Meist ist der Schaschlik aus Schweins- oder Hammelfleisch. Rindsschaschlik haben wir leider nirgends gefunden, obwohl auf den Strassen im ganzen Land stets Kühe herumstehen. Diese werden wohl bevorzugt zu geräuchertem und gebratenem Fleisch verarbeitet, eine abchasische Spezialität. In den Bergen beim Riza-See haben wir einmal hervorragende gebratene Gämse gegessen. Beliebt sind auch Fische: Forellen aus den Bergbächen (sehr zu empfehlen!) sowie Lachs und Stör. Natürlich gibt es auch russische Standardmenus wie „Fleisch auf französische Art“ oder „Poulet auf Kiever Art“, meist mit viel Mayonnaise und deshalb kein spezieller Genuss.

Die Beilagen sind recht eintönig. Kartoffeln gibt es wie überall im Osten in verschiedenen Variationen (gekocht, gebraten, Pommes Frites). Pommes Frites (russ. „Fri“) werden meist aus ganzen Kartoffeln selbst gemacht und schmecken trotz des hohen Ölanteils sehr gut. Alle Kartoffelspeisen werden unausweichlich mit einer gehörigen Portion Dill angereichert. Interessanterweise ist die moldauische/rumänische Version der Polenta, „Mamalyga“, ebenfalls auf jeder Speisekarte.

Dass Abchasien nicht gerade eine Biernation ist, habe ich im Kapitel 17 ja schon ausgeführt. Weine und Schnäpse erfreuen sich hingegen grosser Beliebtheit. Abchasien produziert ganz guten eigenen Wein, wobei es scheinbar nur eine Weinfabrik gibt, die etwa 12 Sorten produziert. Diese sind im ganzen Land erhältlich, in Flaschen (ca. 4-5 CHF pro Flasche) oder an Ständen ab Fass. Am besten geschmeckt hat uns der „halbsüsse“ (bei uns würde er wohl eher als „süss“ bezeichnet) Lychny, benannt nach dem abchasischen Rütli. Der beliebteste Schnaps ist eindeutig der Tschatscha, ein etwa 60 %-iger Weinbrand. Jeder Abchase, der etwas auf sich hält, produziert den Tschatscha auch selbst. Dabei gibt es enorme Qualitätsunterschiede, von wirklich guten Schnäpsen bis hin zu Gesöffen, die wie Gift in der Kehle brennen. Letzteres scheinen nicht einmal die trinkfesten russischen Touristen zu schätzen. Natürlich gibt es auch eine grosse Auswahl an Wodka, Cognac (besonders beliebt ist der armenische „Ararat“) und Obstschnäpsen.

Infrastruktur

Foto: (EN) Bridge over river Bzyp between Gagra and Lake Riza in Abkhazia. (DE) Brücke über den Bzyp-Fluss zwischen Gagra und dem Riza-See.

Der Krieg 1992-1993 hat einen Grossteil der Infrastruktur in Abchasien zerstört. 20 Jahre weitgehende Vernachlässigung haben ebenfalls dazu beigetragen. Die Infrastruktur ist deshalb heute in Abchasien deutlich schlechter ausgebaut als in Russland oder Georgien. So kommt es beispielsweise immer wieder zu Stromausfällen. Die Strassen abseits der Hauptachse sind sehr schlecht ausgebaut und voller Schlaglöcher. Ab Očamčira macht auch erstere keinen guten Eindruck mehr, wobei sie (ausser im Rayon Gali) momentan neu geteert wird. Entsprechend ist auch die Verkehrsinfrastruktur (siehe Kapitel 23) schlechter als in den Nachbarländern, aber für die Bedürfnisse eines Touristen dennoch durchaus genügend.

Was uns am meisten überrascht hat war, dass in Abchasien schlicht keine Post existiert. Wie in den meisten Städten der ehemaligen Sowjetunion gibt es auch in abchasischen Städten den „Дом связы“ (Gebäude für Telefonie, Post und Internet). Als wir diesen in Gagra aufsuchten, wurde uns aber beschieden, dass sich das nächste Postamt im russischen Adler befinde. Für Inlandsendungen gibt es zwar scheinbar eine Art Zustelldienst, Post ins Ausland kann man aber nur von Russland aus versenden.

Da Abchasien in der Sowjetunion eine der beliebtesten Tourismus-Destinationen (auch für westliche Touristen) war, bestehen überall grosse Parkanlagen. Der grösste Teil davon ist seit 20 Jahren sich selbst überlassen und am Wuchern und Zerfallen. Einige Parks werden jetzt aber wieder renoviert, und in den Stadtzentren von Suchumi und Gagra gibt es mittlerweile gut gepflegte Anlagen, in denen sich die russischen Touristen natürlich gerne fotografieren. Dazu wurde eigens Kitsch in Form von Leuchtgirlanden, leuchtender Plastikbäume und dergleichen angeschafft.

Erfahrungen als ausländischer Tourist

Foto: (EN) Unusual environment for Western beach tourists: Destroyed infrastructur at the beach of Sukhum’s Russian Army Sanatorium. (DE) Ungewöhnliche Umgebung für westliche Badetouristen: Zerstörte Infrastruktur am Strand des Sanatoriums der russischen Armee in Suchumi.

„Ausländische“ Touristen sind in Abchasien sehr selten, wobei die Bevölkerung unter „ausländisch“ – „von ausserhalb der ehemaligen Sowjetunion“ versteht. Russischsprachige Touristen gibt es ja zuhauf. Die erste Reaktion der Einheimischen war unweigerlich immer die Frage, welche Sprache wir sprächen. Da viele Leute irgendwann im Leben mal ansatzweise Deutsch gelernt haben, erkannten nicht wenige unseren Dialekt als „dem Deutschen ähnlich, aber halt nicht wirklich Deutsch“. Andere hingegen tippten nicht selten auf Litauisch oder – völlig daneben – Polnisch oder Arabisch. Obwohl Russisch die Muttersprache der wenigsten Einheimischen ist, freuten sie sich stets, dass ich diese Sprache gelernt hatte – dies übrigens sogar in Georgien.

Die Einheimischen und sogar die russischen Touristen waren jeweils sehr über die Anwesenheit von Gästen aus der Schweiz sehr erfreut. Sie empfahlen uns, zuhause von der Schönheit Abchasiens zu erzählen und mit mehr Freunden zurückzukommen, oder fragten interessiert nach unseren Eindrücken. Nicht wenige erkundigten sich auch über die Möglichkeiten, eine Arbeit in der Schweiz zu finden.

Häufig überwältigend war die Gastfreundschaft der Einheimischen, und zwar schon vom ersten Tag an: Der Chauffeur des Busses von der Ingur-Grenze nach Suchumi fuhr uns direkt vor den Eingang unseres Hotels, noch bevor er die restlichen Passagiere an den Busbahnhof brachte. Im Hotel in Gagra stellte uns der Eigentümer einfach eine Flasche selbstgemachten Wein auf den Tisch. Seine Frau wusch unsere dreckigen Kleider, ohne dafür Geld zu verlangen. Sogar den Grenzwächtern an der Ingur-Grenze war die Gastfreundschaft ein Anliegen, sie verteilten in der Wartezeit immer wieder Haselnüsse und zeigten uns, wie man diese am besten knackt.

Andernorts häufige Touristenfallen gibt es in Abchasien praktisch keine (wohl aufgrund der kleinen Anzahl ausländischer Touristen). Es kommt höchstens vor, dass ein Taxi- oder Marschrutkafahrer mal versucht, einen etwas höheren Betrag einzukassieren.

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