Grenzen | Borders Reportage

Reisebericht Bangladesch (2014)

Bangladesch ist ein ziemlich unbeschriebenes Blatt, in touristischer Hinsicht, aber auch sonst. Be-kannt sind wohl die Textilindustrie und vielleicht auch die Proteste gegen die extrem tiefen Löhne in dieser Branche (in Bangladesch bekommt man übrigens kaum solche Textilien, da alles für den Export produziert wird).

Ausserdem weiss man wohl, dass das Land unter der Klimaerwärmung stark leidet, da viele stark bevölkerte Gebiete kaum über dem Meeresspiegel liegen. Die extreme Bevölkerungsdichte dürfte ebenfalls bekannt sein – Bangladesch hat mehr Einwohner als Russland!

Bei näherem Hinsehen stellte ich aber fest, dass abgesehen davon nicht viel über Bangladesch be-kannt ist, was gerade angesichts der Grösse des Landes ein wenig erstaunt. Es gibt zwei recht dünne Reiseführer (von Bradt und Lonely Planet) und sonst nicht viel mehr Literatur. Die Buchhandlung Daunt in London – die beste Reisebuchhandlung, die ich kenne – verfügt über ein ganzes Regal zu Afghanistan und eines zum Horn von Afrika. Zu Bangladesch fand ich dort nur eine Handvoll Bücher – neben den beiden Reiseführern geschichtliche Abhandlungen und Romane von Tahmima Aman.

Einer dieser Romane („A Golden Age“) handelt vom Unabhängigkeitskrieg und brachte mir das Land schon etwas näher. Bangladesch entstand nach zwei Teilungen: Erst, als nach dem Zweiten Weltkrieg Britisch Indien in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil (Pakistan) geteilt wurde, danach als sich 1971 das damalige Ostpakistan von Pakistan trennte und als Bangladesch unabhängig wurde – entzweit hatte man sich unter anderem an der Sprachenfrage, das Bengalische war in Pakistan keine Amtssprache, sondern nur Urdu (die muslimische Version des Hindi). Trotz der riesigen Distanz zwischen West- und Ostpakistan verlief der Unabhängigkeitskrieg äusserst blutig und dauerte neun Monate, ehe er dank einer indischen Intervention für die bengalischen Unabhängigkeitskämpfer entschieden wurde. Auf diesen Erfolg sind die Bangladescher auch heute noch sehr stolz und ebenso auf ihre Sprache.

Bangladesch unterscheidet aber auch sonst recht viel von Pakistan. Besonders auffällig ist, dass es in Bangladesch offenbar mehr religiöse Toleranz gibt als in Pakistan, es gibt keine mittelalterlichen Bestrafungen für angebliche Blasphemie und Schikanen gegen Christen, Ahmadis und andere. In Bangladesch scheinen die Muslime mit den ca. 15% Hindus und den Christen, die nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, friedlich zusammenzuleben – Weihnachten ist sogar ein Feiertag! Es muss sogar ein gewisses Mass an sexueller Toleranz geben. In den Zügen sieht man nämlich immer wieder Transvestiten relativ offensiv betteln (und sie bekommen nicht wenig). Ein Mitreisender erklärte uns, diese Leute seien ein „drittes Geschlecht“, sie hätten keine Chance auf Arbeit und nicht mal auf die Staatsangehörigkeit.

Ich legte mir dann den „Bradt“-Reiseführer zu, der in den Rezensionen etwas besser abschneidet als der Lonely Planet (auf der Reise stellte sich leider auch der „Bradt“ nicht als optimal heraus), welcher als Hauptsehenswürdigkeiten Mangrovenwälder, Teeplantagen, das Hügelland hinter Chittagong und das Chaos von Dhaka herausstrich. Sogar der Reiseführer machte klar, dass es sich bei Bangladesch um ein äusserst selten bereistes Land handelt mit den entsprechenden Komplikationen und eindeutigen Vorteilen.

Kurz, auch nach den ersten Recherchen verlor das Land nichts von seinem Reiz und schien mir eine ideale Destination zu sein, wo es noch einiges zu entdecken gibt. Dies sollte sich auch bestätigen – auch wenn es sich erwartungsgemäss nicht als einfaches Reiseland herausstellte…

Reisen in Bangladesch


Ein Gedränge herrscht im dicht besiedelten Bangladesch fast überall, insbesondere in der Hauptstadt Dhaka (und die Schweizer klagen über „Dichtestress…).

Bangladesch ist kein einfaches Reiseland. Bevor man dorthin reist merkt man, dass niemand zuvor dort gewesen ist. Und wenn man dort ist, fällt auf, dass es fast keine anderen Touristen oder andere Ausländer gibt. Wir haben in einer Woche nur einmal andere Touristen gesehen, am Bahnhof von Dhaka. Dies wohl nicht ganz ohne Grund: Bangladesch hat fast gar keine touristische Infrastruktur und scheint überhaupt nicht auf ausländische Gäste vorbereitet zu sein. Fast niemand hat Fremdsprachenkenntnisse, und die Fähigkeit, nonverbal zu kommunizieren, scheint auch nicht verbreitet zu sein.
Auch von Hotels und Restaurants sollte man nicht zu viel erwarten. Zwar gibt es in der Hauptstadt Dhaka durchaus sehr gute Unterkünfte (wir waren im Hotel 71 im Stadtzentrum, das ich nur weiter-empfehlen kann) und anständige Restaurants (leider auch viele, die nur gut aussehen). Sobald man aber die Hauptstadt verlässt, wird es schwieriger. In den grösseren Städten gibt es meistens Motels der Parjatan-Kette, die ganz ok sind. Viele Städte haben ansonsten aber fast nur Absteigen, wo man nicht einmal mit Sicherheit Bettwäsche oder Handtücher bekommt.

Noch schwieriger ist es mit dem Essen. Im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern verträgt sich das Essen, das auf den Strassen in Bangladesch verkauft wird, aufgrund der dortigen hygienischen Standards offenbar nicht mit den westlichen Mägen. Ich habe es nicht provoziert, aber es war ohnehin nicht appetitlich – häufig sieht dieses Essen sehr ölig aus, und das Fett macht keinen frischen Eindruck. Und auf die Fische hat man angesichts des Zustands der Flüsse schon gar keine Lust… Auch für die Einheimischen erfüllt dieses Essen wohl in erster Linie das Bedürfnis der Sättigung und nicht des Genusses. Gute bengalische Küche bekommt man offenbar in erster Linie bei Bengalen zuhause. Denn die wenigen Restaurants, die es ausserhalb von Dhaka gibt, sind entweder schäbige Imbisse oder chinesische Restaurants. Letztere bieten wohl noch das geniessbarste Essen, auch wenn es nicht direkt chinesisch ist. Leider sind diese Lokale stets verdunkelt und machen einen schmutzigen und wenig ansprechenden Eindruck. Der Appetit hält sich so beim Reisen häufig in Grenzen…

Auch der öffentliche Verkehr hat seine Mängel. Beim Fernverkehr hat man die Wahl zwischen Bussen, Schiffen und Zügen. Die Schiffe haben wir nicht ausprobiert – sie verkehren zwischen den Städten und Inseln im Süden und gelten als eine nicht allzu sichere, aber sehr eindrückliche und landestypische Art, sich fortzubewegen. Einen Eindruck davon erhielten wir aber auf einer Fährfahrt über den Padma bei Goalundo Ghat auf dem Weg von Kolkata nach Dhaka. Auch die Busse gelten als notorisch unsicher, was in erster Linie am äusserst gefährlichen Fahrstil liegt. Die meisten Überlandstrassen sind eher schmale Alleen und laden zum Überholen ein, was immer wieder zu Frontalunfällen mit zahlreichen Todesopfern führt. Abgesehen davon haben die Busse aber den Vorteil, dass sie sehr häufig verkehren (in Bangladesch besitzt fast niemand ein eigenes Auto) und sehr billig sind.

Deutlich sicherer als die anderen Verkehrsmittel ist die Eisenbahn, die einen speziellen Einblick in den Alltag bietet und nicht viel langsamer als die Busse ist. Sie hat aber auch ein paar Nachteile. Der grösste ist, dass fast das ganze Bahnnetz nur einspurig ausgebaut ist und man deshalb ständig entgegenkommende Züge in den Bahnhöfen abgewartet werden müssen. Trotz in der Regel rechtzeitiger Abfahrt gelingt es so nie, den Fahrplan einzuhalten, wobei die Verspätungen stark variieren (von Dhaka nach Rajshahi hatten wir nur eine Stunde Verspätung, weiter nördlich war es deutlich mehr). In den Zügen geht es sehr lärmig zu und her, da ständig Verkäufer (mit Zeitungen, Fastfood und allerlei Firlefanz) und laut singende Bettler hin und her gehen und aus den Lautsprechern bengalische Popmusik dröhnt. Als Ausländer kommt hinzu, dass die Bangladescher die Gelegenheit haben, einen noch eingehender zu betrachten und zu mustern als ohnehin…

In den Städten bewegt man sich am besten mit Rikschas fort, die es in allen möglichen Varianten gibt, von der klassischen Fahrradrikscha über elektrisch oder mit Gas betriebene Rikschas bis zum laut dröhnenden Gefährt, das seine Energie aus einer mit Benzin gefüllten, offenen PET-Flasche bezieht (erlebt an in der Grenzstadt Patgram). Die Preise hängen vom Verhandlungsgeschick und der Ehrlichkeit des Fahrers ab, ausserdem scheint es von Stadt zu Stadt unterschiedliche Regeln zu geben. In Dinajpur hatte ich den Eindruck, dass die Fahrer sehr ehrlich sind und auch längere Fahrten nur 40 bis 50 Taka (ca. 55 bis 65 Rappen) kosteten. In Rangpur hingegen scheint es üblich zu sein, dass die Rikschas feste Routen abfahren und dabei stets mehrere Passagiere über unterschiedliche Strecken mitfahren, wenn man als Tourist das Fahrzeug für sich möchte, zahlt man natürlich deutlich mehr. Interessanterweise gibt es die schnelleren elektrisch betriebenen Rikaschas nur in der Provinz, in Dhaka hingegen gibt es nur Fahrradrikschas (und die gasbetriebenen CNGs). Zumindest in Dhaka gibt es ausserdem noch Busse (Doppeldecker wie in London) und Taxis, die aber beide nicht sehr beliebt zu sein scheinen. Einem Pressebericht zufolge haben die Doppeldecker-Busse den Nachteil, dass die an den Haltestellen nie ganz anhalten, sondern nur verlangsamen. Aus diesem Grund und weil sie tendenziell überfüllt werden, fallen immer wieder Passagiere von den Bussen.

Es ist in Bangladesch gar nicht so einfach, sich zu orientieren: Im Gegensatz zu Indien ist fast gar nichts auf Englisch angeschrieben, die Strassen sind überhaupt nicht beschildert (bzw. vielleicht sind sie es sogar, aber weil es so viele andere Schilder gibt, würde man Strassenschilder gar nicht erkennen). Es lohnt sich daher, ein paar Buchstaben der bengalischen Schrift zu lernen und Stadtpläne mitzunehmen. Ich hatte den Eindruck, dass jene von Lonely Planet etwas genauer sind als die Karten aus dem Bradt-Reiseführer, aber beide sind nicht sehr präzis. Besonders in Dhaka sind die Strassenüberführungen übrigens ein guter Punkt, um sich zu orientieren, aber auch, um die Aussicht auf die Menschenmassen und das Chaos in Ruhe zu geniessen.

Dennoch klappt das Reisen in Bangladesch im Allgemeinen erstaunlich gut. Wenn man auf Probleme stösst, kann man sich fast immer (ausser in Rangpur!) darauf verlassen, dass sich ein sehr englischsprachiger Bangladescher findet, der freundlich weiterhilft. Hotels sind so gut wie nie ausgebucht, lange Suchaktionen wie z.B. in Russland entfallen so. Fahrkarten für die Eisenbahn können ohne weiteres am Vortag und ohne Bengalisch-Kenntnisse am Bahnhof erworben werden. Und von den Busstationen (die man mit den Rikschas immer leicht findet) fahren ständig Busse in alle Richtungen ab, so dass man nie lange warten muss. Und auch die Sicherheitslage schien mir stets gut – es ist aber wohl nicht ratsam, sich im Dunkeln in Gegenden bewegen, in denen sich wenige Leute aufhalten (soll es auch geben in Bangladesch). Bei politisch motivierten Generalstreiks („Hartal“), an welchen jeweils eine Partei das öffentliche Leben im ganzen Land blockiert, sollte man das Hotel am besten gar nicht verlassen. Ansonsten ist Bangladesch aber ein sehr sicheres Reiseland, wo man sich ohne Angst selbständig bewegen kann.

Als Tourist Attraktion


Neugierige Blicke – die ständige Begleitung beim Reisen in Bangladesch.

Bangladesch ist nicht ganz einfach (aber auch nicht allzu schwierig) zu bereisen und hat nicht gleich spektakuläre Attraktionen wie manche Nachbarstaaten. Entsprechend gering sind die Besucherzahlen. Stattdessen kommt man sich als Tourist häufig selber als grösste Attraktion vor – ich habe noch nie beim Reisen so viel Aufmerksamkeit von den Einheimischen bekommen!

Auf der Strasse bleibt man als Weisser nie unbeachtet und wird häufig angestarrt. Manch einer schaut so, als hätte er noch nie zuvor einen Ausländer gesehen. Immer wieder wird man auf ver-schiedenste Art gefragt, woher man kommt („You my country?“). Fast alle geben sich mit dem Nennen des Landes dann zufrieden und haben kein Interesse an einem Gespräch. Nicht selten kommt es aber auch vor, dass man ein Foto will – am besten ein Selfie mit dem Touristen. Manche Bangladescher sind aber auch zu schüchtern, einen anzusprechen, und kichern einfach ein wenig herum mit verstohlenen Seitenblicken. Eher unfair ist es dann, wenn diese Leute auf äusserst durchschaubare Art fingieren, sich selber zu fotografieren, um einen auch im Bild zu haben (dies habe ich aber in Indien häufiger erlebt als in Bangladesch, wo Smartphones noch nicht sehr verbreitet sein).

So kann man dann schnell mal nachfühlen, wie sich ein Hollywood-Star in der Öffentlichkeit fühlt (bin also froh, nicht berühmt zu sein). Bei einer Bahnfahrt kaufte ich einem bis dahin wenig beachteten Papierkram-Verkäufer eine Landkarte ab, als ich merkte, dass diese nur 80 Taka kostete (Landkarten geben ja ohnehin gute Souvenir ab, besonders wenn sie in der einheimischen Schrift beschriftet sind). Mehrere Einheimische werteten dies als eine Produktempfehlung und der Verkäufer hatte danach viel Nachfrage nach genau derselben Landkarte, er musste sogar Nachschub aus der Tasche holen.

Auch wenn diese Neugier der Einheimischen verständlich ist, kann sie mit der Zeit doch etwas belastend werden, da es vor dieser Aufmerksamkeit einfach nie eine Pause gibt. Mancherorts (z.B. in Rangpur) wird einfach hemmungslos gestarrt und gemustert, und ich kann mir kaum vorstellen, dass dies für bangladeschische Massstäbe anständig ist. Wenn man etwas fragt, kann niemand Englisch, dafür bildet sich schnell eine Menschenansammlung, die einfach nur schaut oder auf Bengalisch etwas schreit. In solchen Situationen konnte ich wenig Hilfsbereitschaft und viel mehr Sensationsgeilheit erkennen. Ebenfalls wenig Rücksicht darf man im Verkehr erwarten – der gleiche Bengali, der einen zu sich zum Essen einladen würde, würde einen auch ohne weiteres überfahren.

Die meisten Begegnungen sind aber wirklich sehr freundlich. Fast in jeder etwas schwierigen Situation (z.B. wenn man etwas sucht) – und solche gibt es in diesem Land ohne touristische Infrastruktur wirklich zuhauf – findet sich ein hilfsbereiter Einheimischer, der weiterhilft (und dabei offensichtlich auch die Bewunderung herumstehender Landesgenossen sehr geniesst). Als wir am Bahnhof von Phulbari etwas verloren einen Bus nach Dinajpur suchten, organisierte uns ein junger Mann erst eine Last-Rikscha zum Busbahnhof, dann zwei Sitzplätze im nächsten Bus nach Dinajpur und liess es sich schliesslich nicht nehmen, die Rikscha selbst zu bezahlen! Nicht selten bedankten sich solche Leute danach auch noch bei uns dafür, als Tourist in ihr Land gekommen zu sein.

Die Bangladescher erschienen mir aber sehr weltfremd, fast wie die Nordkoreaner. Fast alle kennen das Ausland (sogar Indien!) nur aus dem Fernsehen, insbesondere von den Übertragungen der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Maradona muss in Bangladesch äusserst beliebt gewesen sein und noch heute ist ein Grossteil der Bangladescher Fan der argentinischen Nationalmannschaft, man sieht fast mehr argentinische Flaggen als bangladeschische! Abgesehen davon scheinen die Bangladescher kaum Zugang zur Welt zu haben und wenig Vorstellungen, wie es im Ausland ist, wohl weil sie mangels Sprachkenntnisse und finanzieller Möglichkeiten nicht einmal per Internet Zugang zur Welt haben. Anders kann ich mir die Reaktionen auf unser Auftauchen und manche Gespräche nicht erklären… Sie sind sich aber der Probleme ihres Landes – insbesondere der extremen Armut und des Abfallproblems – sehr bewusst, nichtsdestotrotz aber äusserst stolz auf ihre Heimat.

Die Weltfremdheit zeigte sich beispielsweise im Schmuggelzug nach Hilli, wo wir zwei Schmugglerkindern zwei Packungen Gummibärchen gaben. Zwar hatten sie eine grosse Freude daran, leerten den ganzen Inhalt aus und warfen den Abfall sofort aus dem Fenster. Sie hielten die Gummibärchen aber für Kaugummi und spuckten sie deshalb nach einigem Kauen ebenfalls aus dem Fenster – auch nach einem Hinweis darauf, dass es keine Kaugummis sind und man sie essen kann. Als negative Konsequenz hatte diese Aktion, dass danach bald eine ganze Schmuggler-Sippe vor uns stand und ebenfalls Kaugummi wollte, was dann weitere Passagiere auf den Plan rief. Für den Rest der Fahrt hatten wir eine Menschentraube um uns, die uns ständig musterte, was dann doch nicht mehr sehr angenehm war…

Die Hauptstadt Dhaka


Die Hindu-Strasse (Shakaria Bazar) in der Altstadt von Dhaka.

Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs, ist die vollste Stadt, die ich je gesehen habe – voll mit Verkehr, voll mit Menschen, voll mit Läden und Schildern. Zu Beginn findet man dies zwar nicht schön (es gibt sehr wenige schöne Ecken in dieser Stadt), aber beeindruckend und interessant. Nach ein paar Tagen in der Stadt wird einem aber klar, dass es hier einfach keine ruhigen Strassenzüge gibt – das Chaos ist überall, man kann ihm nicht entrinnen.

Zuerst fällt dies beim Verkehr auf. Schon bei der Einfahrt in die Stadt mit dem Bus aus Kalkutta blie-ben wir an einer Kreuzung eine halbe Stunde stehen. Es wurde zwar hin und wieder grün, aber es gab dennoch kein Durchkommen. Die Strassen von Dhaka sind (ausser nachts) permanent verstopft, und zwar so gut wie alle. Und weder an Ampeln noch an Verkehrsregeln hält sich irgendwer. Es gilt das Recht des Stärkeren, in jeder Hinsicht. Grundsätzlich herrscht in Bangladesch wie in England Linksverkehr, in Dhaka sieht man das aber nicht so eng und ist häufig auch auf der falschen Strassenseite unterwegs – zum Beispiel, wenn dort gerade ein bisschen weniger Verkehr vorhanden ist, manchmal aber auch gänzlich ohne Grund. Geisterfahrer machen durch Hupen auf sich aufmerksam. Andere hupen, um auf etwas anderes hinzuweisen, die meisten aber ganz ohne Grund oder einfach, weil sie eine besonders laute Hupe haben und diese darum gerne hören. Jedenfalls ist es auch auf den Strassen immer sehr laut. Nicht nur als Auto- oder Rikschafahrer, sondern auch als Fussgänger muss man ständig die Augen in alle Richtungen offen haben, was sehr ermüdend ist – ich habe dafür selten so komatös geschlafen wie in Dhaka!

Es ist nur schwer vorstellbar, wie Leute, welche hier Termine haben, damit umgehen – eine kurze Fahrt kann sich locker auf zwei Stunden ausdehnen, wenn man die falsche Kreuzung erwischt. Es gibt keine Metro oder andere Massentransportmittel (ausser neuerdings einer Art S-Bahn mit 20-Minuten-Takt). Auch Taxis sind selten; In diesem Verkehrschaos brächten sie aber ohnehin keinen Zeitgewinn. Am schnellsten voran kommt man mit CNGs, Erdgas-betriebenen Motorrad-Rikschas, die aussehen wie Vogelkäfige. Im Gegensatz zu den Autos sind sie klein und wendig und eignen sich auch für Schleichwege. Das gleiche gilt für die Velorikschas, das wohl am meisten verbreitete Fahrzeug in Dhaka. Allerdings sind die Velorikschas ziemlich langsam, da deren Fahrer in der Regel nicht gerade athletisch sind (was erstaunt, sind sie doch den ganzen Tag mit diesen Gefährten unterwegs). Sie kennen auch die Stadt überhaupt nicht gut, was sich nachteilig bemerkbar macht, wenn sie dann doch zu stolz sind, einen Ausländer nach dem Weg zu fragen, und stattdessen im Zickzack durch die Stadt irren.

Folge dieses starken Verkehrs ist eine enorme Luftverschmutzung. In Dhaka ist es nie sonnig, da ständig eine Smogglocke über der Stadt hängt. Die Luft ist so schlecht, dass viele Einheimische – insbesondere Rikschafahrer – Masken tragen. Wenn man den ganzen Tag in der Stadt unterwegs war (oder auch schon nach einer einstündigen Rikschafahrt), hat man Mühe mit dem Atmen und die Augen werden in Mitleidenschaft gezogen.

Und man ist erschöpft. Erschöpft davon, sich ständig, ohne verschnaufen zu können, in einer Men-schenmasse bewegt zu haben. Man kann nicht einfach zwischendurch eine Pause machen. Es gibt keine Cafés, wo man kurz anhalten könnte, keine ruhigen Seitengassen oder gar Parkbänke. Solange man in der Stadt ist, geht man bzw. weicht dem Verkehr, den Verkaufsständen, Strassenküchen und anderen Fussgängern aus, bei denen man als Ausländer zudem noch für viel Aufsehen sorgt. Hinsetzen kann man sich nur in einem CNG oder einer Rikscha, wo man dann dem Fahrer (dem sogenannten Wallah) die Verantwortung für die Aufmerksamkeit auf den Verkehr übergibt.

Oder in den Parks von Sehenswürdigkeiten, von denen es in Dhaka doch einige gibt – da sie Eintritt kosten, halten sich dort nämlich nicht so viele Menschen wie andernorts auf. Zu den Attraktionen der Altstadt gehören zwei rosarote Paläste: Der indisch aussehende Lalbagh und der Ahsan Manzil gleich am Flussufer, der stark an die Casa Rosada in Buenos Aires erinnert. In der Altstadt gibt es ausserdem zahlreiche Märkte, von denen der von Hindus dominierte Shakaria Bazar besonders eindrücklich ist. Alle diese Märkte bestechen durch ein unglaubliches Durcheinander von Menschen, Rikschas, Waren, Kabeln und Schildern. Ausserhalb der Altstadt sind beispielsweise das historische Gelände der Universität (ein Hort von Ruhe und Revolution) und das moderne, aber leider weiträumig abgesperrte Parlament sehr interessant. Zudem gibt es jede Menge Moscheen und Hindu-Tempel und auch einige Kirchen, von welchen die älteste eine armenische Kirche in der Altstadt ist. Ein Highlight in der Altstadt ist der Sadarghat (Schifflände) am Flussufer des Buriganga. Sich hier eine historische Uferpromenade vorzustellen, ist weit gefehlt. Stattdessen drängen sich alle möglichen Schiffe in einer stinkenden Kloake, dazwischen sind Verkaufsstände und kleinere und grössere Gebäude – von der Promenade aus kann man den Fluss besser riechen als sehen. Für die Aussicht muss man auf eine nahe gelegene Brücke (es lohnt sich).

Die Altstadt ist der interessanteste Teil Dhakas. Sie ist riesig und von der Bausubstanz her überhaupt nicht alt, soweit man unter all den Schildern und Tafeln überhaupt etwas von den Gebäuden erkennen kann. Erhalten haben sich aber die engen Gassen, in denen Menschen und Verkehr noch intensiver wirken als im Rest der Stadt. Das nördlich der Altstadt gelegene Stadtzentrum ist ziemlich gesichtslos und könnte auch gut in anderen Drittwelt-Metropolen stehen, wäre es etwas weniger chaotisch. Im Gegensatz zu Kalkutta wirkt es aber aufgrund der Hochhäuser relativ modern. Als beste Adressen bei Expats gelten offenbar die Stadtteile Banani, Gulshan-1 und Gulshan-2. Zu meiner Überraschung sind diese Stadtteile aber nicht weniger chaotisch als der Rest der Stadt. Durch die lockerere Bebauung ist der gelbe Smog-Himmel aber viel besser sichtbar, und gleich angrenzend an Gulshan befinden sich stinkende Seen und Slums, so dass diese Gegenden viel trostloser wirken als die Altstadt und das Stadtzentrum. Aber es gibt dort eine Reihe „westlicher“ Läden und Restaurants, darunter auch ein Starbucks-Verschnitt, der tatsächlich ein bisschen wie eine Oase in dieser Stadt wirkt…

Der Norden (Rajshahi und Rangpur Divisions)


Rajbari in Dinapur, Rangpur Division.

Wenn man aus Dhaka kommt, ist die Ankunft im vergleichsweise provinziellen Norden Bangladeschs eine Wohltat. Rajshahi, die bedeutendste Stadt im Norden, hat rund 800’000 Einwohner. Sie wirkt nach Dhaka aber wie eine Kleinstadt. Dies beginnt schon damit, dass man vor dem Bahnhof relativ gefahrlos die Strasse überqueren kann. Überhaupt herrscht für so eine grosse Stadt sehr wenig Verkehr, wobei sich vielleicht auch vorteilhaft bemerkbar machte, dass wir die Stadt an einem Freitag besuchten. Auch die Dichte an Menschen, Schildern und Schmutz ist deutlich geringer – man konnte aufatmen!

Attraktiv ist in Rajshahi vor allem die Uferpromenade am Ganges. Anders als in Dhaka mit seinem verdreckten und überfüllten Sadarghat wurde hier aus der Uferlage etwas gemacht: An der verkehrsfreien Promenade mit Bäumen reihen sich Freiluftcafés aneinander, auf dem Fluss werden Bootsfahrten angeboten. Wohl dürfte der Ganges hier nicht mehr zu den saubersten Flüssen zählen, doch wenigstens stinkt er nicht wie der Buriganga in Dhaka und man sieht auch viel weniger Abfall. Am Freitagabend bevölkerte sich die Flusspromenade, die Jugendlichen machten Selfies mit dem Sonnenuntergang (die Sonne versank allerdings im Dunst, nicht am Horizont). Ebenfalls erfreulich ist, dass es an der Hauptstrasse ein paar neue Restaurants gibt, wo das Essen ganz OK ist und sich die jungen Leute (wohl aus den wohlhabenderen Schichten) am Abend treffen.

Dieses Angebot vermissten wir weiter im Norden des Landes schnell. An die Rajshahi Division schliesst sich die Rangpur Division an, der nördlichste Landesteil Bangladeschs. Gemäss dem Bradt-Reiseführer ist dies die ärmste und am wenigsten besuchte Region in einem ohnehin schon völlig untouristischen Land. Dies hat auch seine Gründe: Spektakuläre Sehenswürdigkeiten sucht man hier vergebens, die Landschaft ist topfeben und die Infrastruktur wirklich mies. Ein passables Restaurant haben wir vergebens gesucht, am geniessbarsten war das Essen in den pseudochinesischen Restaurants. Diese sind allerdings so dunkel und schmuddelig, dass sie alles andere als einladend wirken. Ansonsten gibt es eigentlich nur das Essen auf den Strassen, das man aus hygienischen Gründen nicht probieren sollte. Auch von den Hotels darf man in dieser Region nicht viel erwarten. Am besten sind die Parjatan-Motels, in denen man allerdings besser nicht essen sollte.

Die beiden Grosstädte Dinajpur und Rangpur bestehen jeweils aus einem sehr belebten und mit Schildern zugekleisterten Stadtzentrum fast ohne historische Gebäude und einzelnen historischen Palästen (Rajbaris, die Sitze der indischen Zamindars, welche die hiesigen Bauern für die Briten ver-walteten) am Stadtrand. In Dinajpur gibt es immerhin ein paar weitere Gebäude aus der Kolonialzeit und am Bahnhof sahen wir einen überraschend modernen Zug mit digitaler Zielangabe. In Rangpur hingegen ist die Hauptstrasse einfach nur hässlich, weil sie gerade verbreitert wird und dazu bei allen Gebäuden (inklusive der historischen „Alten Moschee“) die Fassaden eingerissen werden. Immerhin gibt der Markt ein bisschen etwas her…

Insgesamt machte mir die Stadt Rangpur aber den am wenigsten sympathischen Eindruck von ganz Bangladesch, da die Leute dort alles andere als freundlich und hilfsbereit waren (abgesehen vom Direktor der Sonali Bank, der uns anlässlich des Wechsels von 25 USD zu einem Tee einladen wollte) und uns nur ständig wie Zootiere anstarrten. Wohl sehen sie in dieser Region so gut wie nie Auslän-der und ich kann die Neugier deshalb verstehen, aber in Rangpur waren die Leute schlicht unanständig. Und wir trafen keine einzige Person an, die einigermassen Englisch konnte. Dafür endete jede Nachfrage nach einer Weiterreisemöglichkeit in Richtung Patgram/Burimari (zur indischen Grenze) in einem Aufruhr und dem Anhalten mehrere Rikschas, was die Organisation der Weiterreise an die indische Grenze extrem aufwendig machte.
Eine Reise in den Norden des Landes bietet aber interessante Einblicke in das Alltagsleben auf dem Land in Bangladesch. Auf normalen Fahrten mit Bus oder Zug erlebt man schon sehr viel – beispiels-weise den Schmugglerzug in Hilli, die einfachen Wellblech-Dörfer bei Lalmonirhat oder auch einfach die Arbeit der Leute auf den Feldern. Noch nie ausser in Nordkorea habe ich gesehen, dass so viele Menschen mit so einfachen Werkzeugen auf dem Feld arbeiten – mir kam wieder der Satz aus einem Buch über den nordkoreanischen Alltag in den Sinn, der lautete „I have never known a people who work so hard and achieve so little“. Überhaupt erinnerte mich diese Region stark an Nordkorea, so abgeschnitten ist sie von der Aussenwelt…

Der Schmugglerzug von Hilli

Eine spezielle Sehenswürdigkeit, die in keinem Reiseführer verzeichnet ist, ist der „Schmugglerzug“ von Hilli. Der Norden Bangladeschs bietet ja einige geopolitische Spezialitäten, darunter ein Flicken-teppich von Hunderten Enklaven und Exklaven nördlich von Lalmonirhat – die weltweit einzige Enklave dritter Ordnung (Enklave in einer Enklave in einer Enklave) befindet sich dort. Eine weitere Spezialität ist das Städtchen Hilli, dessen westliche Hälfte mit dem Stadtzentrum in Indien liegt, der Osten mit dem Bahnhof hingegen in Bangladesch. Für etwa einen Kilometer tuckert der Zug im Abstand von zehn Metern der unbewachten indischen Grenze entlang, jenseits welcher direkt die Ortschaft beginnt.

Es überrascht nicht, dass diese Konstellation zum Schmuggel einlädt – in diesem Fall zum Gewürz-schmuggel. Offenbar kosten Gewürze in Indien deutlich weniger als in Bangladesch und es gibt viel Geld zu verdienen. Als Schmuggler werden viele kleine Kinder eingesetzt. Bei einem Schmuggelgang bringen sie 20 Gewürzpakete über die Grenze und verdienen so 500 Taka (ca. 6.50 CHF) – eine beträchtliche Summe, wenn man sie mit dem Mindestlohn in der Textilbranche von 3’000 Taka pro Monat vergleicht!


Zehn Meter von der Bahnlinie entfernt verläuft die bangladeschisch-indische Grenze durch das Feld – der Uniformierte schaut zu, wie zahlreiche Leute aus dem Zug direkt nach Indien rennen.

Das Ganze geht folgendermassen vonstatten: Die Grenze kündigt sich bereits auf in grenznahen Bahnhöfen wie Akkelpur an, wenn einem überladene und stark nach Gewürz riechende Züge entgegenkommen mit zahlreichen Menschen auf dem Dach. An der grünen Grenze bei Hilli angekommen, hält der Zug an und zahlreiche Personen verlassen den Zug, unter den Augen von bewaffneten uniformierten Bangladeschern, die aber nicht intervenieren. Auf der indischen Seite gibt es keinerlei Kontrollen, hunderte Leute passieren die Grenze unkontrolliert.

Unser Zug fuhr danach ein paar Hundert Meter weiter, wo er erneut anhielt und es zu einem Aufruhr kam. Dabei muss gesagt werden, dass die Bengalen ohnehin zum Aufruhr tendieren. Vielleicht waren in diesem Fall aber auch nicht nur Gewürze involviert. Von der indischen Seite her wurde mir nämlich sehr deutlich klar gemacht, dass ich jetzt nicht mehr fotografieren darf. Danach fuhr der Zug über eine Brücke in den Bahnhof von Hilli ein, den eine Mauer von der indischen Ortschaft abschirmt. Hier stiegen dann viele mit Gewürzen bepackte Leute wieder ein und es entstand ein neuer Aufruhr, der von den bewaffneten Uniformierten entweder angeheizt oder entschärft wurde; es war nicht klar erkennbar. Auch hier könnten andere Substanzen als Gewürze im Spiel gewesen sein, denn einige Gepäckstücke wurden durchsucht und ein blinder Bettler musste sich extra auf eine wohl verdächtige Tasche setzen. Jedenfalls wurde kurz darauf ganz offen begonnen, mit den Gewürzpaketen zu handeln, was auf eine gewisse Toleranz seitens der Behörden hinweist – wie ja auch die Tatsache, dass der Zug der bangladeschischen Bahn zwei Extrastopps für die Schmuggler einlegte!

Wer dies auch erleben will, muss sehr gut auf sein Gepäck aufpassen und einen Zug benützen, der zwischen Abdulpur Junction und Parbatipur verkehrt, zum Beispiel der Titumir Express von Rajshahi nach Chilahati.

Der Grenzübergang Burimari – Chengrabanda


In dieser Baracke befindet sich die indische Einreisekontrolle am Grenzübergang Burimari – Chengrabanda.

Grenzübergänge sind immer wieder ein Highlight beim Reisen, insbesondere kuriose und abgelegene Grenzübergänge. Auch in dieser Hinsicht hat mich Bangladesch nicht enttäuscht, obwohl wir über den wichtigsten Grenzübergang im Norden des Landes ausreisten, Burimari (Bangladesch) – Chengrabanda (Indien). Offenbar gibt es noch weitere Grenzübergänge, da diese aber in den Reiseführern nicht erwähnt werden, war mir unklar, ob diese überhaupt mit dem öffentlichen Verkehr erreicht werden können und ob Ausländer diese benutzen dürfen.

Der Grenzübergang Burimari – Chengrabanda hat eine geopolitisch ziemlich einmalige Lage, inmitten einem Meer von Enklaven und Exklaven, die zum weltweit kompliziertesten Grenzverlauf gehören. Er liegt am Ende eines Zipfels bangladeschischen Territoriums, das weit nach Indien hineinragt. Mir ist immer noch nicht klar, warum der wichtigste Grenzübergang gerade dort liegt – das weiter westlich gelegene Tetulia würde sich doch viel mehr anbieten. Wenn man sich ihm von Bangladesch her nähert, fängt man erst recht an zu zweifeln: Vom Bezirkshauptort Lalmonirhat aus führt über 70 Kilometer ein dünnes und holpriges Strässchen durch eine der ärmsten Regionen im ohnehin armen Bangladesch nach Burimari. Man kommt an Dörfern vorbei, die aus Wellblechhütten und grünen Tümpeln bestehen, umgeben von Bananenbäumen und Palmen. Etwa alle zehn Kilometer fuhren wir durch eine grössere Ortschaft mit einem Markt, wobei der grösste Teil der Stände geschlossen war. Der dichte Nebel vervollständigte den trostlosen Eindruck.

Zwölf Kilometer vor der Grenze endete die Busfahrt in Patgram, einem staubigen Kaff. Weiter zur Grenze fuhren weder Busse noch Taxis, immerhin konnten wir eine langsame, motorisierte Rikscha auftreiben mit einer offenen PET-Flasche als Benzintank. Was wir auf dieser Fahrt sahen, erinnerte mich stark an Afrika: Stroh- und Wellblechhütten, viele Leute bei der Arbeit auf den Feldern und immer wieder bei der Kiesverarbeitung. Burimari stellte sich als Kopie von Patgram heraus, angerei-chert mit zahlreichen indischen Lastwagen.

Auf der bangladeschischen Seite bestach die Grenzkontrolle durch Inkompetenz und mangelnde Professionalität. Irgendwelche Hinweisschilder sucht man dort vergebens, man muss sich auf die Anweisungen irgendwelcher Dahergelaufener ohne Uniform verlassen. Die Kontrolleure der Grenzpolizei verstecken sich in einem Polizeigebäude neben der Strasse und glänzen durch annähernden Analphabetismus. Sie waren nicht einmal in der Lage, auf unsere Staatsangehörigkeit zu schliessen, obwohl sie unsere Pässe in der Hand hielten. Auch waren sie ausserstande, das Visum Bangladeschs im Pass zu finden, und blieben stattdessen immer wieder bei den indischen Visa hängen.

Zum Schluss fanden sie auch die Schweiz in ihrem elektronischen System nicht und wir mussten ihnen auf die Sprünge helfen, indem wir die Hauptstadt nannten – was aber auch nichts brachte, da dort als Hauptstadt der Schweiz „BESEL“ verzeichnet war!
Auch die Zollkontrolle war ein Spektakel. Schon bei der Grenzpolizei wurde uns von einer nicht uni-formierten Person angekündigt, dass wir eine Ausreisesteuer von 500 Taka (ca. 6 CHF) zu bezahlen hätten. Da wir nicht mehr so viel übrig hatten, besprachen wir die Zahlungsmöglichkeit in US-Dollars. Dieser Kerl bestand danach immer wieder darauf, dass wir ihm das Geld gleich geben sollten. Die Zollkontrolle registrierte danach aber zuerst unsere Pässe und brachte einen weiteren Stempel an, was ich zuvor noch nie erlebt habe (ist aber noch nett). Die Zöllner forderten dann aber auch die Bezahlung der Ausreisesteuer und weigerten sich, eine Quittung auszustellen – dazu müssten wir auf eine Bank in Burimari gehen. Da wir darauf nicht auch noch Lust hatten und nachdem der Zöllner bereits drohte, mit Kugelschreiber den gegebenen Stempel wieder zu annullieren, gab ich schliesslich mein Prinzip auf, nicht zu bestechen, und liess einige Dollars dort.

In Indien erwartete uns die Grenzkontrolle in Wellblechbuden am Strassenrand, die aussahen wie in einem Slum. Der Chef der Grenzpolizei sass mit Schlarpen in einem Plastik-Gartenstuhl und schlürfte bei unserer Ankunft Tee (wie ich es in Tadschikistan schon einmal erlebt hatte). Als wir die Grenze verliessen, liess er sich gerade an derselben Stelle die Ohren reinigen! Die Kontrolle wurde grösstenteils unter freiem Himmel durchgeführt, nur für die Registrierung im elektronischen System mussten wir in die Hütte, wobei wir gleich neben den Beamten an den Computer sitzen durften. Für die indische Zollkontrolle mussten wir zwei weitere Formulare ausfüllen, wofür wir erneut einen Zollstempel erhielten.

Dass es am zweitwichtigsten Grenzübergang zwischen Bangladesch und Indien so zu und her geht, unterstreicht das Gefühl, dass Bangladesch sogar von Indien ziemlich isoliert lebt und nur sehr wenig Kontakt zur Aussenwelt hat – abgesehen von den Lastwagen-Chauffeuren waren wir fast die Einzigen, die die Grenze überquerten. Immerhin hatte dies aber auch den Vorteil, dass die Grenzüberquerung recht speditiv verlief (alles in allem brauchten wir nur eine halbe Stunde) und wir noch am gleichen Tag Darjeeling erreichten – verglichen mit Bangladesch, eine komplett andere Welt voller Luxus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s