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Grönland kurios: Die Eigenheiten der grössten Insel der Welt

Grönland ist einzigartig: Es ist riesig, abgelegen und hat nur 50‘000 Einwohner. Dieser Umstand hat einige Kuriosa hervorgebracht. Diese Fotos erklären einige davon.

DSC_5318bSprache: Amtssprache Grönlands ist Kalallissut. Das ist die Inuit-Sprache Westgrönlands, und sie ist äusserst agglutinierend. Will heissen: Durch Anhängsel kann man den Wörtern zusätzliche Bedeutung geben (ähnlich wie im Türkischen oder Finnischen), bis hin zu ganzen Sätzen in nur einem Wort. Das wird dann schnell unübersichtlich, zumal die Abfolge dieser Anhängsel recht flexibel ist und es darum viele verschiedene Arten gibt, den gleichen Sachverhalt auszudrücken. Kein Wunder, lesen viele Grönländer lieber Texte auf Dänisch. Das klingt zwar wie hässlich ausgesprochenes Norwegisch, aber die Wörter sind ungleich kürzer und alle Grönländer lernen es in der Schule. Was mich überraschte war, dass das Englisch-Niveau der Grönländer bei weitem nicht an ihr Dänisch-Niveau heranreichte: Viele Grönländer können sich kaum auf Englisch verständigen.

DSC_4899Essen: Bis zur Ankunft der Dänen assen die Inuit Grönlands nur was das Meer hergab: Fisch, Robben und Wal, vereinzelt Vögel. Gemüse und Früchte wachsen in Grönland nicht, und die Inuit hatten keine Handelsbeziehungen nach aussen. Es ist erstaunlich, dass sie bei dieser Diät überhaupt überlebten. Die Dänen fanden heraus, dass die Grönländer viele Vitamine aus dem Walfett bezogen. Testweise setzten sie eigene Soldaten auf grönländische Diät, aber es ging ihnen schnell furchtbar schlecht: Den Europäern fehlen die Enzyme, um genügend Vitamine aus dem Walfett zu absorbieren. Heute haben Fast Food und Lebensmittelimporte auch in Grönland Einzug gehalten, aber die Gemüse und Früchte sehen immer noch armselig und verschrumpelt aus. Dafür ist es nicht schwierig, in Restaurants grönländische Spezialitäten zu finden. Mein Fazit: Der Robbe merkt man an, dass sie sich vorwiegend von Fisch ernährt – das sehr dunkle Fleisch schmeckt tranig und fischig, für Europäer definitiv gewöhnungsbedürftig. Fisch hingegen ist super in allen Variationen: roh, geräuchert, gekocht, grilliert etc. Und Walfleisch, leider, echt lecker. Sogar Mattak, die Walhaut – ein bisschen wie Speck.

DSC_4745Pilersuisoq ist die Supermarktkette, welche die abgelegenen Ortschaften (darunter den ganzen Osten) bedient. Die Pilersuisoq-Filiale ist jeweils das einzige Geschäft eines Dorfs und damit auch der einzige Laden, der ohne Schifffahrt oder Flug erreichbar ist. Entsprechend breit ist jeweils das Angebot: Es gibt auch Medikamente, Kleider, Wohnungseinrichtung und sogar Waffen. Manche Filialen haben einen Computer, mit welchem die Kunden Produkte aus einem Online-Katalog bestellen können. Wie oben erwähnt, ist das Angebot an Gemüse und Früchten hingegen dürftig.

DSC_5366Fussballmeisterschaft: Grönland hat die kürzeste Fussballmeisterschaft der Welt: Sie dauert nur eine Woche und wird in Turnierform an einem Veranstaltungsort ausgetragen. In den Wochen davor werden die regionalen Qualifikationsturniere ausgetragen, bei denen dem Vernehmen nach aber jeweils die meisten Spiele ausfallen und darum kaum eine Mannschaft aus sportlichen Gründen ausscheidet. Dieses Jahr fand die Meisterschaft in der Hauptstadt Nuuk statt, und ich war zufälligerweise dort. Es war ein nationales Ereignis: Das TV übertrug alle Spiele live, und die meisten Pubs zeigten sie auch. Das TV-Studio war etwas improvisiert, in einem mit Blachen überdeckten Tor, das auf einem Schiffscontainer stand. Dafür konnte es viele Tore übertragen, ein Spiel endete sogar 6:10. Das „Stadion“ ist ein in den Felsen gebauter Kunstrasen, die Tribüne der Felsen selbst. Am Finalspiel zwischen B-67 Nuuk und N-48 Ilulissat war dieser dann ziemlich mit mehreren hundert Leuten besetzt, und sie sahen einen Sieg der Einheimischen – trainiert von Tekle Ghebrelul, einem Eritreer!

DSC_6582.JPGVerkehr: Grönlands Topographie verunmöglicht Reisen auf dem Landweg – wenn man von den kurzen Strassen zwischen Siedlungen und ihren Häfen bzw. Flughäfen absieht. Denn nur von dort gelangt man in andere Ortschaften. Fliegen ist in Grönland recht speziell: Es gibt nur eine Airline, die Air Greenland. Als Monopolist ist sie ziemlich teuer. Sie ist auch etwas unzuverlässig: An allen Flughäfen wird auf Sicht gelandet und wenn das Wetter schlecht ist, werden die Flüge gestrichen. Dafür geht es familiär zu: Es gibt keinerlei Sicherheitskontrollen, und Flüge starten auch schon mal früher, wenn alle Passagiere schon da sind. Flughäfen im Norden und Osten Grönlands haben meist einen oder zwei Helikopter, welche den Zugang zu den sonst schwer erreichbaren umliegenden Ortschaften sicherstellen.

DSC_5352Wohnblocks: Grönland wird manchmal als „Entwicklungsland in der Arktis“ beschrieben. Institutionen wie Schule und Spitäler sind zwar auf europäischem Niveau, doch bestehen gravierende gesellschaftliche Probleme. Brennpunkte sind die heruntergekommenen Wohnblocks. Die Geschichte dahinter ist traurig: Von den 1960er Jahren an löste die dänische Verwaltung Grönlands viele abgelegene, „unwirtschaftliche“ Siedlungen auf und brachte ihre Bewohner in neue Wohnblocks. Im grössten, „Block P“ in Nuuk, lebte 1% der Gesamtbevölkerung Grönlands. Die entwurzelte Bevölkerung konnte in der Stadt kaum Fuss fassen: Viele der neuen Städter fanden keine Arbeit und lebten von der Sozialhilfe, der Alkoholismus grassierte. „Block P“ wurde 2012 abgerissen, aber die prekäre Lage der Blockbewohner ist heute noch sichtbar und kommt auch im oben abgebildeten Hinweisschild deutlich zum Ausdruck.

DSC_6673.JPGUS-Präsenz: Grönland hatte einst strategische Bedeutung für die USA. Im 2. Weltkrieg diente es als Tankstopp für die Kampfflugzeuge auf dem Weg nach Europa. Im Kalten Krieg war die Nähe zum Nordpol und damit zur Sowjetunion entscheidend. Die US-Amerikaner errichteten mehrere Luftwaffenbasen an entlegenen Orten. Das Leben auf diesen Basen war hart und bei den Soldaten wenig beliebt, John Griesemers Roman „Niemand denkt an Grönland“ erzählt davon. Entsprechend waren Durchhalteparolen von oben verordnet, wie jene im Bild. Heute sind die meisten diese Basen geschlossen, die Überreste rosten vor sich hin (die Amerikaner haben ihren Abfall nicht abtransportiert). Aus zwei US-Basen wurden aber die heute grössten Flughäfen des Landes: Kangerlussuaq und Narsarsuaq.

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