Abgelegen | Remote Grenzen | Borders Reportage

Wo die Grenze mitten durch den Bahnhof verläuft: Eisenstein/Železná Ruda

Mitten im bayrischen/böhmischen Wald steht ein riesiger Bahnhof, durch welchen die deutsch-tschechische Staatsgrenze verläuft. Ein Kuriosum, das heute eine touristische Attraktion geworden ist.

P1130851Rund 120 Meter lang ist das Bahnhofsgebäude, das auf der deutschen Seite (links im Bild) Bayerisch Eisenstein heisst, auf der tschechischen Seite Železná Ruda-Alžbětín:  schön, dass Tschechien den Reisenden mit so vielen Sonderzeichen begrüsst. Genau durch die Mitte verläuft die Staatsgrenze, im Bild ersichtlich an der unterschiedlichen Farbe des Daches. Von der deutschen Seite aus verkehren Züge nach Plattling, auf der tschechischen Seite gibt es auch Verbindungen in richtige Städte: Domažlice, Pilsen und Prag.

P1130579Dafür hat der Bahnhof ein breites touristisches Angebot. Für mich besonders Interessant: Die Ausstellung zur Grenzbewachung während des Kalten Kriegs (im Bild), direkt neben der Eingangshalle. Weiter gibt es auf der deutschen Seite ein Restaurant und die NaturparkWelten im Grenzbahnhof, eine Art Sammelsurium-Museum zu Modelleisenbahn, Ski, regionale Bergwelt, Eisenbahngeschichte und Fledermäusen. Auf der tschechischen Seite gibt es einen Laden, der die Alkohol- und Tabakbedürfnisse des deutschen Einkaufstouristen deckt, das eher schmuddelige Restaurant Elisabeth und einen Wartesaal.

EisensteinVor allem aber kann man auf der tschechischen Seite im Grenzbahnhof übernachten – ein bisschen wie das Hotel Arbez auf der schweizerisch-französischen Grenze, einfach ohne Grenzverlauf durchs Schlafzimmer. Es gibt drei verschiedene, jeweils eher einfache Unterkünfte. Wegen des Namens entschied ich mich für die Penzión na hranicí (Pension an der Grenze), die von den drei Unterkünften am weitesten von der Grenze entfernt liegt. Abgesehen von der exquisiten Lage gibt es keinerlei Gründe, dort zu übernachten: Direkt über dem Restaurant Elisabeth gelegen, ist sie genauso schmuddelig. Der postsowjetische Mief hängt noch sehr tief in diesem Gebäudeteil, und man kann sich kaum vorstellen, dass die piekfeinen, modernen Ausstellungen auf der deutschen Seite unter dem gleichen Dach sind – aber halt in einem anderen Land.

P1130802Durch den Empfangssaal verläuft die Staatsgrenze, markiert mit einem grauen Band am Boden. Kuriosum in Corona-Zeiten: Ein Schild weist auf die Maskenpflicht auf der deutschen Seite des Raums hin, mit Spender für Desinfektionsmittel. In Tschechien besteht nämlich keine Maskenpflicht in Innenräumen. Im Empfangssaal befindet sich eine Touristeninfo mit Souvenirverkauf, die man entweder in tschechischen Kronen oder Euro bezahlen kann – es gibt zwei Kassen.

Erstaunlicherweise gibt es dagegen keine Bahnschalter – auf beiden Seiten der Grenze. In beiden Ländern lösen Reisende die Fahrkarte im Zug oder natürlich per App. Es gibt auch keine grenzüberschreitenden Bahnverbindungen und hat sie praktisch nie gegeben, ausser der Verlängerung einzelner deutscher Regionalzüge ein paar Stationen über die Grenze. Gemessen daran wirkt der Bahnhof reichlich überdimensioniert. Entstanden war er als repräsentatives bayerisch-böhmisches Projekt – doch schon als die Linie eingeweiht wurden, gab es schnellere Verbindungen zwischen den beiden Ländern. Von Beginn weg fristete die Linie ein marginales Dasein.

P1130730Der Grenzverlauf auf dem Perron. Der Tisch im Vordergrund gehört zu Deutschland, die grosse Tür dahinter schon grösstenteils zu Tschechien. Ich nutzte den Tisch als einzigartigen Arbeitsplatz für mein Buchprojekt zu interessanten Grenzübergängen. Später parkierte ein kleiner tschechischer Lastwagen gleich neben mir und zwei Männer begannen, Möbel aus dem Raum hinter der Tür zu verladen. Hörten dazu tschechisches Radio und befanden sich auch in Tschechien, hatten aber kaum die 2m Corona-Abstand zu mir.

P1130876Auf der Strassenseite des Gebäudes markieren zwei Picknicktische die Grenze. Hier kann man über die Grenze essen – die Bänke links sind in Tschechien, jene rechts in Deutschland. Ein zweisprachiges Schild weist darauf hin, dass der Grenzübertritt nur für Fussgänger und Radfahrer gestattet ist. Bayerisch Eisenstein ist wohl eine der wenigen Ortschaften Deutschlands mit Beschriftungen auf Tschechisch – sogar das Hotel Waldhaus ist auch als Lesní Dům angeschrieben.

P1130728Etwa hundert Meter vom Bahnhof entfernt befindet sich der Strassengrenzübergang. Auf der tschechischen Seite erstreckt sich die für Grenzorte so übliche Meile aus Geldwechslern, Tabak- und Alkoholläden, Asia-Märkten, einem Casino und – speziell fürs deutsch-tschechische Grenzgebiet: Kitschigem Gartenschmuck auf Keramik und Plastik.

P1130701Während des Corona-Lockdowns war auch diese Grenze geschlossen. Das Geschäft „Adler-Tabak“ aber hatte eine besondere Geschäftsidee: Es stellte einen Lieferwagen an den Grenzzaun und bediente seine Kunden über den Zaun!

P1130790Auch das Erotik-Angebot fehlt an diesem Grenzübergang nicht, wie fast überall entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Der Nachtclub „Sandra“ in Železná Ruda wirbt mit einer besonders einladenden Fensterdeko. Erscheinungen wie in den letzten drei Bildern gehören einfach zu Grenzorten. Železná Ruda schien mir aber ganz besonders trashig: Ich lief einmal durch die Hauptstrasse und kehrte dann gern zurück an den viel spannenderen Grenzbahnhof, der etwa 4 km vom Ortskern entfernt ist. In Tschechien gibt es schliesslich so viele Kleinstädte, die sehr viel einladender sind!

P1130761Beim Wandern entdeckte ich diesen reizvollen Grenzübergang im Wald. Ich fotografierte ausgiebig und bemerkte erst nachher das Polizeiauto auf der deutschen Seite. Ein Polizist sass drin und schaute mir zu. Ich ging trotzdem nach Deutschland, lief hundert Meter auf einem Waldweg und stiess auf einen unglaublich klaren See, in dem sich die Bäume spiegelten. Ich setzte mich hin und begann zu lesen. Derweil stieg der Polizist mit seinem Schäferhund aus, der Hund nahm Fährte auf – in meine Richtung! Als sich die beiden mir näherten, wurde ich ein wenig nervös (obwohl ich ja nichts Illegales gemacht hatte) – doch sie gingen an mir vorbei weiter in den Wald hinein, wo der Weg endete.

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