Grenzen | Borders

Worum geht es im kirgisisch-tadschikischen Grenzkonflikt?

Nichts wünscht sich die Welt weniger als noch einen Grenzkonflikt – und doch eskalieren diese Woche die Kämpfe zwischen Kirgistan und Tadschikistan. Doch worum geht es eigentlich? Eine Erklärung in fünf Antworten.

Wer sind die Konfliktparteien?

Tadschikistan und Kirgistan (auch ‘Kirgisistan’ genannt), zwei in Mitteleuropa wenig bekannte Ex-Sowjetrepubliken. Es sind die beiden ärmsten Nachfolgestaaten der Sowjetunion, beide hängen bis heute am Rockzipfel Russlands und immer mehr auch Chinas. Doch die Nachbarländer sind sich unterschiedlicher, als man sich das manchmal vorstellt: Die Kirgisen sind traditionell Nomaden und sprechen eine dem Türkischen ähnliche Sprache, die Tadschiken hingegen sind sesshaft und sprechen einen persischen Dialekt, der zur Sowjetzeit zur tadschikischen Sprache ausgebaut wurde. Tadschikistan zählt zu den repressivsten Regimes der Welt, während Kirgistan das demokratischste Land Zentralasiens ist und schon zahlreiche Machtwechsel erlebt hat – in Tadschikistan hingegen herrscht seit 30 Jahren Emomali Rahmon.

Im dicht besiedelten Fergana-Tal sind die Grenzen Kirgistans, Tadschikistans und Usbekistans besonders kompliziert. Sie umfassen viele Enklaven und Exklaven.

Welche Gebiete sind umstritten?

Grundsätzlich viele, denn 400 der 900 Kilometer der komplizierten kirgisisch-tadschikischen Grenze sind bis heute ungeklärt und undefiniert.

Zentraler Zankapfel ist die tadschikische Exklave Woruch (engl. Schreibweise Vorukh), die von kirgisischem Gebiet umgeben ist. Die Grenzen sind nach wie vor nicht geklärt und umstritten. Hier leben rund 40000 Tadschiken. Ihr einziger Zugang zum Rest Tadschikistans ist eine Strasse, die über kirgisisches Gebiet führt. Tadschikistan sähe es lieber, wenn das Gebiet dieser Strasse Teil Tadschikistans würde und Woruch keine Exklave mehr wäre. Doch dann hätte Kirgistan ein Problem: Die kirgisische Strasse in den westlichsten Landesteil, den Rayon Leilek, führt ebenfalls durch dieses Gebiet.

Zankapfel: Die tadschikische Exklave Woruch (Ворух) unten und das von beiden Seiten beanspruchte Land entlang des Flusses Isfara (Исфара). Oben bei Tschorkuh (Чорку) das tadschikische Kernland. (Landkarte des sowjetischen Generalstabs aus den 1980er Jahren)
Gelb eingezeichnet sind die von Tadschikistan beanspruchten Gebiete, die sich derzeit unter der Kontrolle Kirgistans befinden. Die derzeitige de facto-Grenze ist schwarz eingezeichnet.

Ein weiterer Brennpunkt sind mehrere Dörfer namens Arka (Arka-1, Arka-2 etc.). Sie befinden sich direkt südlich der tadschikischen Überlandstrasse zwischen den Städten Isfara und Chudschand. Die Strasse ist die Grenze, und da das Gebiet auf beiden Seiten der Strasse dicht bebaut ist, gibt es keine Grenzkontrollen. In sowjetischen Landkarten sind die Arka-Dörfer als Teil Tadschikistans eingezeichnet, faktisch ist heute aber die Strasse die Grenze. In Arka gibt es zahlreiche Tankstellen, da das Benzin in Kirgistan billiger ist. Beim Grenzkonflikt 2021 zerstörte die tadschikische Armee viele davon und hisste tadschikische Flaggen.

Die Dörfer Arka-1 (Арка-1) und Arka-2 (Арка-2) in Kirgistan, die Überlandstrasse Isfara-Chudschand (orange) bildet die Grenze zu Tadschikistan.

Worum wird gekämpft?

Wasser ist ein wichtiger Streitpunkt. In der Gegend von Woruch können sich Kirgistan und Tadschikistan nicht einigen, in welchem Land wichtige Quellen und Wasserentnahmestellen an Flüssen liegen. Die Bevölkerung der Gegend ist stark gewachsen, das Wasser wird immer knapper. Ausserdem bergen die umstrittenen Gebiete – wie könnte es anders sein – Bodenschätze. Konkreter und aktueller sind aber die Streitereien um Bau- und Weideland. Und schliesslich baut Kirgistan seit 2014 an einer Strasse zwischen der regionalen Hauptstadt und dem Rayon Leilek, die nach tadschikischer Ansicht durch tadschikisches Gebiet führt.

Karges Hügelland, fruchtbare Ebene: So sieht die Landschaft im grenzreichen Fergana-Tal aus. Wasserkonflikte sind vorprogrammiert.

Was ist seit der neuen Konflikteskalation 2022 geschehen?

Seit dem 14. September 2022 finden an verschiedenen Orten entlang der umstrittenen Grenze Kampfhandlungen statt. Am intensivsten sind sie in den Dörfern nördlich der Exklave Woruch sowie bei Arka. Am 16. September 2022 einigten sich die Präsidenten Rachmon (Tadschikistan) und Dschaparow (Kirgistan) am Rande des CSTO-Gipfels in Samarkand auf einen Waffenstillstand. Dieser wurde gleichentags gebrochen. Meldungen zufolge hat die tadschikische Armee Gebiete eingenommen, die bisher von Kirgistan kontrolliert wurden. Mehr als 100’000 Menschen sind auf der Flucht.

Ich bin kein Fan vom pro-russischen Militärblogger @Rybar, aber er macht schöne Landkarten und hat die aktuelle Lage übersichtlich dargestellt.

Warum ist die Grenze überhaupt umstritten?

Die kirgisisch-tadschikische Grenze ist ein Produkt der Sowjetunion, davor gab es beide Länder nicht. Damals sollten die Grenzen gemäss ethnischen Kriterien gezogen werden. Dies war in dem von sesshaften Tadschiken und nomadischen Kirgisen bewohnten Fergana-Tal naturgemäss schwierig. Deshalb änderten sie sich immer wieder, was keine grösseren Konsequenzen hatten, da es keine internationalen Grenzen waren. In der ersten Hälfte der Sowjetzeit war die heutige Exklave Woruch noch mit Tadschikistan verbunden, später fiel das Gebiet dazwischen an die Kirgisische Sowjetrepublik – je nach Quelle in den 1950er oder 1970er Jahren. Ab den 1970er Jahren gab es lokal begrenzte Konflikte um Wasser und Weideland. Als die Länder 1991 unabhängig wurden, erhoben beide Seiten Anspruch auf die umstrittenen Gebiete bei Woruch – Tadschikistan bezog sich auf Landkarten der früheren Sowjetzeit, als Woruch noch mit dem Kernland verbunden war, Kirgistan hingegen auf Karten der späteren Sowjetzeit mit Woruch als Exklave. Seither schwelt der Grenzkonflikt vor sich hin und eskalierte im April 2021 zum ersten Mal. Damals wurden bei den Kämpfen 54 Menschen getötet, 200 verletzt und rund 44’000 temporär vertrieben.

Eigentor in einem kirgisischen Schulbuch: Woruch ist nicht als Exklave eingezeichnet, sondern mit dem tadschikischen Kernland verbunden – so wie es eigentlich Tadschikistan fordert!

Provokante Darstellung: Der tadschikische Staatspräsident Emomali Rachmon vor den Umrissen seines Landes. Woruch (roter Kreis) ist auch hier keine Exklave, sondern mit dem Kernland über die umstrittenen Gebiete verbunden.

Mein Reisebericht aus der Region: Bericht vom Grenzübertritt Kirgistan-Tadschikistan zwischen Batken und Isfara und der Durchreise durch die Arka-Dörfer 2017.

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