Abgelegen | Remote Reportage

Somaliland – Afrikas nächste Touristendestination?

Bekannt als gescheiterter Staat, gilt Somalia bisher nicht als verheissungsvolle Touristendestination. Doch eine Region ist keineswegs gescheitert: Somaliland dürfte bald seinen Weg auf die touristische Landkarte finden.

Als Somalia 1991 scheiterte, rafften sich die Stämme im Nordwesten des Landes zusammen und gründeten ihren eigenen Staat: Die Republik SOMALILAND. 1960 war die vormalige britische Kolonie bereits für ganze vier Tage unabhängig gewesen. Damals sogar ganz offiziell international anerkannt – bis zum freiwilligen Zusammenschluss mit Somalia, das aus der italienischen Kolonialherrschaft entlassen wurde.

Die Flagge Somalilands

Dieser Beitrag soll aber weder von Geschichte noch Politik handeln und blendet bewusst die Probleme aus, die trotz allem Erfolg selbst das stabile Somaliland hat. Stattdessen geht es hier um jene Aspekte des Landes, die hoffentlich dereinst Touristen ins Land locken. Und natürlich um einige Kuriositäten, der guten Unterhaltung willen.

Kulinarisch kann man es sich in Somaliland richtig gutgehen lassen. Nationale Spezialität ist Kamelfleisch, Leibspeise der meisten Somaliländer. Traditionell isst man es als Suppe, doch in den besseren Restaurants bekommt man auch Kamelsteak. Ein Klassiker ist das «Swiss Camel Steak» im Gartenrestaurant des Hotels Ambassador: Kamelfleisch mit Zwiebeln und Peperoni. Woher der Schweiz-Bezug im Namen stammt, kann sich niemand erklären. Aber es schmeckt. Und zwar ein wenig ähnlich wie Rindfleisch, einfach intensiver und mit einer Wild-Note. Anzumerken ist, dass sich natürlich nur ein eher kleiner Teil der Bevölkerung regelmässig Fleisch leisten kann und in der traditionellen Küche Hülsenfrüchte auch eine grosse Rolle spielen.

Ein neuer kulinarischer Trend ist Fisch. Trotz der langen, fischreichen Küste stand Fisch in somalisch besiedelten Regionen bis vor kurzem kaum auf der Speisekarte: Unter der Würde der stolzen Nomaden. Nun hat zumindest in Somaliland ein Umdenken stattgefunden. Dazu beigetragen hat die Einführung von Kühlketten – der Gestank ungekühlter Fische hatte offenbar beträchtlich zu deren schlechtem Ruf beigetagen. Zudem sind aus Djibouti Köche ins Land gekommen, die gute Fischrezepte kennen und in den besseren Restaurants von Hargeysa und Berbera anpreisen. Und letztlich wollen sich auch viele Somalier gesünder ernähren – «und nicht mehr jeden Tag Kamel», wie mir jemand berichtete.

Zentrum der neu entstandenen Fischindustrie ist die Hafenstadt Berbera am Golf von Aden. In der Altstadt reiht sich hier ein mit bunten Fischen bemaltes Gebäude an das nächste: Alles Fischereiunternehmen. Berbera ist eine der ältesten Städte der Region, die Altstadt stammt aus der Zeit des osmanischen Reichs. Später besetzten die Briten sie, um das grössere Aden mit somalischem Vieh zu versorgen. Noch heute ist Lebendvieh das wichtigste Exportprodukt Somalilands, der Hafen zieht darum internationale Investoren an.

Noch im Dornröschenschlaf befindet sich hingegen die Altstadt aus osmanischer Zeit, die still vor sich hin bröckelt. Sie ist in einem so schlechten Zustand, dass ein Teil der Häuser nicht bewohnt ist. Im Gegensatz zum hektischen Hargeysa wirkt die Stadt tot und leer – was allerdings auch an der feuchten Hitze liegt, die jeden Aufenthalt im Freien zu einer schweisstreibenden Angelegenheit macht. Sehenswert sind die drei alten Moscheen, ausserdem gibt es ein paar Teelokale und Läden.

Bei Touristen ist Berbera vor allem für seinen Strand berühmt: Batalaale Beach ist ein kilometerlanger, fast unberührter Sandstrand – schade nur, dass das Meer Thermalwasser-Temperaturen hat und kaum erfrischend wirkt. Die meisten Strandgäste plätschern ohnehin nur am Ufer herum oder bleiben gleich am Strand, was vielleicht besser ist: Ein paar Tage nach meinem Besuch ertranken zwei Fussballer, die hier auf dem Rückweg von einem Auswärtsspiel in Burco Pause machten. Berbera hat übrigens tatsächlich eine touristische Bedeutung: Es gilt als Flitterwochen-Destination, und die Diaspora-Somaliländer machen hier gern Strandurlaub. Eines der Strandhotels hat auch Tauchexkursionen im Angebot.

Es wäre ja ein Traum, mal einen Roadtrip durch ganz Somalia zu machen: die Bergstrassen im Galgala-Gebirge, durch die Wüste nach Mogadischu und entlang der Sandstrände in den Süden bis zu den traumhaften Bajuni-Inseln… so viel Potenzial! Fürs erste ist aber immerhin ein Roadtrip nicht nur möglich, sondern für ostafrikanische Verhältnisse geradezu luxuriös: Auf der nagelneuen Strasse von Berbera in die Hauptstadt Hargeysa (und weiter nach Jigjiga in Äthiopien). Man könnte hier mit 160 km/h durchrasen und wäre in einer Stunde in der Hauptstadt, aber erstaunlicherweise tut dies fast niemand und geniesst stattdessen die Aussicht auf die kargen Berge und das Buschland, das aufgrund der ausgiebigen Regenzeit in diesem Jahr aussergewöhnlich grün ist. Man muss einfach aufpassen, keine Ziegen oder Kamele zu überfahren (sonst muss man den Besitzer auf der Stelle entschädigen).

Hargeysa hat sich von einer staubigen Marktstädtchen zum Boomtown entwickelt. Allein schon in den 13 Jahren seit meinem ersten Besuch ist die Veränderung auffällig. Nahe dem Flughafen hat sich ein zweites Stadtzentrum entwickelt, ausgerichtet auf die gehobeneren Bedürfnisse. Hier gibt es Einkaufszentren, Hotels, Restaurants, von arabischen Scheichs gesponsorte Moscheen und Eisdielen der Kette Aden Nineteen. Angeblich soll man in Hargeysa mittlerweile sogar das Leitungswasser trinken können! Ausprobiert habe ich es nicht, ausser in Form von Eiswürfeln in den Getränken (auch nicht überall in Afrika ratsam).

Auch das Stadtzentrum lässt sich nicht lumpen, es gibt dort jetzt mehrere Hipster-Cafés, die auch gut in eine europäische Innenstadt passen würden. Im Café Laas Geel gibt es alles, was man sich an einem solchen Ort wünschen würde: Von Waffeln über Eggs Benedict und natürlich ausgezeichnetem Kaffee bis hin zu Mahlzeiten wie Ziegen-Curry. Dass man in Somaliland ist, merkt man nur daran, dass auf der Speisekarte auch gebratene Kamelleber oder Cambaabur figurieren. Dennoch sind fast alle Gäste Somalis, darunter wohl viele aus der Diaspora (denn auch die Preise haben europäisches Niveau). Ausländer sieht man weiterhin eher selten in Somaliland. Übrigens hat gerade auch die erste internationale Fast-Food-Kette in Somaliland eine Filiale eröffnet. Leider ist es Pizza Hut.

Aber auch auf traditionellere Art kann man sich gut verköstigen. Der «Somali Tea» oder «Somali Chai» etwa ist sehr ähnlich wie ein indischer Masala-Tee (oft «Chai» genannt), enthält aber Kamelmilch.

Somaliland hat eine eigene Währung: Den Somaliland-Schilling. Derzeit entsprechen ungefähr 10 000 Somaliland-Shilling einem Franken (oder Euro). Die wertvollste Banknote ist der 5000er-Schein. Nicht sehr praktisch also. Deshalb zahlt man in Somaliland schon seit Jahren mit auf dem Handy gespeichertem Geld – schon viel länger, als es in der Schweiz Twint gibt. Heute ist das Bargeld praktisch komplett aus dem täglichen Gebrauch verschwunden. Restaurants, Läden, Busse und selbst bescheidene Marktstände haben stets Schilder mit einem sechs- und einem fünfstelligen Zahlencode: Ihre Konti bei den beiden grossen Handygeld-Anbietern eDahab und Zaad. Ich habe sogar eine Bettlerin gesehen mit einem Zettel, auf dem ihre Nummer stand. Mit Bargeld zahlen nur die wenigen Ausländer, denn internationale Bankkarten funktionieren nicht.

Als ich 2010 zum ersten Mal in Hargeysa war, beeindruckten mich die vielen Malereien auf Geschäften und Restaurants. Sie zeigen an, was es dort zu kaufen oder zu essen gibt. Kamele etwa zeigen Restaurants mit Kamelfleisch an, Werkzeuge stehen für Handwerksbetriebe. Dies liegt daran, dass ein Teil der Bevölkerung nicht lesen kann und so die Ladenschilder dennoch versteht. Die Wandbemaler sind eine eigene Berufsgattung, stets signieren sie die Kunstwerke mit ihrem Namen und natürlich mit der Handynummer. Leider ist es ein aussterbendes Metier: Immer mehr Geschäfte setzen auf professionell gedruckte Plakate und Schilder mit aus dem Internet heruntergeladenen Fotos.

Die Somaliländer sind stolz auf ihre Heimat, darum gibt es in Hargeysa mehrere Souvenirläden, in denen sich wohl vor allem Diaspora-Somalis eindecken, denn nur vom Tourismus allein würden sie kaum rentieren. Im «Somalilander» etwa gibt es schön designte Tassen, Plakate und T-Shirts. Der Laden hat sogar am Flughafen eine Filiale.

Dieser trägt übrigens die etwas gleichgültig klingende Bezeichnung «Egal International Airport», benannt nach dem ersten Präsidenten Somalilands. Viel ist da nicht los, aber es gibt einmal mehr guten Kaffee, den Stempel eines nicht anerkannten Landes in den Pass – und Direktflüge nach Addis Abeba, Djibouti und Dubai.

1 Kommentar

  1. Lieber Daniel
    Herzlichen Dank für die spannende und unterhaltsame Sonntagslektüre!
    Beste Grüsse von nebenan
    Beat und Heidi

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