Ein wenig nervös war ich schon, denn der Saatse-Stiefel (estnisch Saatse saabas, bekannter auf Englisch als Saatse Boot) ist ein echter Teil der Russischen Föderation, estnische Sicherheitskräfte haben keinen Zutritt. Sie stehen nur auf ihrer Seite der Grenze und geben den Tarif durch: Auf russischem Staatsgebiet darf nicht angehalten werden. Man darf auch nicht zu Fuss gehen, zumindest ein Velo muss man dabeihaben. Grosse gelbe Hinweisschilder weisen an den Grenzübergängen dreisprachig darauf hin. Auf keinen Fall soll es hier Ärger geben mit den Russen.

Gemäss dem lokalen Murphy’s Law, so sagt man hier, finden Fahrzeugpannen immer im Saatse-Stiefel statt. Was in so einem Fall passieren würde, ist nicht ganz klar (die Anweisung lautet, im Fahrzeug zu bleiben und die estnischen Grenzwächter zu verständigen). Klar ist, dass auch russische Patrouillen die Gegend durchstreifen. Klar ist auch, dass die russische Staatsmacht derzeit bei vermeintlichen territorialen Verletzungen nicht gerade entspannt reagiert. Das möchte man doch lieber nicht herausfordern. Darum war ich ganz leicht nervös: wenn auf dem russischen Strassenabschnitt etwas passiert, ist man den dortigen Sicherheitskräften ausgeliefert, die estnischen können nicht zu Hilfe kommen.

Mit klopfendem Herzen betrat ich also in Räpina den mit «Saatse» beschrifteten Minibus und nannte mein Fahrziel Saatse, gespannt auf die Reaktion des Chauffeurs. Wie alle estnischen Chauffeure schaute er grummlig in die Welt, druckte das Billett aus und schenkte mir darüber hinaus keinerlei Beachtung. Ich wertete das als gutes Zeichen. Ausser mir setzten sich noch fünf oder sechs weitere Passagiere im Bus, alle ebenfalls mit Ziel Saatse, die Hälfte von ihnen mit einer offenen Schnapsflasche in der Jackentasche. Obwohl die Region eine der abgelegensten Estlands ist, lässt sich der Saatse-Stiefel erfreulicherweise auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erleben: auf der Strasse zwischen Värska und Saatse verkehren täglich vier Busse pro Richtung über die russischen Strassenabschnitte. Wenn man früh aufsteht, ist ein Tagesausflug ab Tartu (via Räpina) problemlos möglich.
Wie viele Grenzkuriositäten ist auch der Saatse-Stiefel ein Produkt der Sowjetzeit, als absurde Grenzziehungen en vogue waren (siehe auch dieser Beitrag zu Tadschikistan). Damals baute man Strassen ohne Rücksicht auf Grenzverläufe, und zog Grenzen ohne Rücksicht auf Verkehrswege. So auch die Landstrasse zwischen den estnischen Ortschaften Värska und Saatse: Sie quert die estnisch-russische Grenze gleich viermal. Bis 2008 war sie der einzige Zufahrtsweg nach Saatse und in die umliegenden Dörfer. Deshalb gewährte Russland Estland eine aus heutiger Sicht höchst ungewöhnliche Ausnahme: die (nicht mit dem russischen Strassennetz verbundene) Strasse darf weiterhin ohne Grenzformalitäten benutzt werden. Unter der Voraussetzung, dass niemand anhält oder zu Fuss geht – oder eben eine Panne hat.

Das ist eine Abmachung der chaotischen 1990er Jahre, als sich die sowjetische Zivilisation auflöste. Seither kam es zu geopolitischen Umwälzungen: Estland ist EU- und NATO-Mitglied geworden und einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine – während Russland die Souveränität der sowjetischen Nachfolgestaaten immer mehr in Frage stellt und mehrere von ihnen angegriffen hat. Dennoch blieb die Ausnahme am Saatse-Stiefel bisher bestehen. Estland ist mittlerweile Teil des Schengenraums, darum kann man von Mitteleuropa aus ganz ohne Kontrollen und nur mit einer ID ausgerüstet einen echten Teil Russlands betreten.
Das touristische Potenzial dieses Umstands haben auch die lokalen Behörden erkannt. Sie vermarkten es ganz offen als Attraktion: ein entsprechender Hinweis findet sich auf der Webseite des regionalen Tourismusbüros. Im lokalen Touri-Hotspot Värska weist ein Wegweiser auf alle lokalen Sehenswürdigkeiten, darunter auch den Saatse-Stiefel.

Mein Bus näherte sich dieser speziellen Strasse auf Umwegen durch lauter kleine Dörfer in Setomaa, dem Land der Setokesen (eine ethnische Minderheit, siehe weiter unten). Auf der Offline-Landkarte verfolgte ich, wie weit es noch war bis zur Grenze: 5 Kilometer, 1 Kilometer… dann tauchte endlich das grosse gelbe Warnschild auf mitten im Wald, begleitet von Stacheldraht und zwei Fussgängerverbots-Tafeln, die ein bisschen aussehen, als sei es in Russland generell verboten, Mensch zu sein. Auf einem Waldweg etwas abseits der Strasse war ein estnisches Polizeiauto postiert.

Dann endlich das Highlight: wir querten die Grenze! Knapp drei Sekunden später war der Spuk schon wieder vorbei, denn der russische Strassenabschnitt umfasst hier nur 42 Meter – für Russland ist gerade mal ausreichend Platz, auf der westlichen Strassenseite einen Grenzpfahl aufzustellen. Denn dies ist noch nicht der richtige Saatse-Stiefel, sondern das Lutepää-Dreieck (estnisch Lutepää kolmnurk), benannt nach dem nächsten Dorf entlang der Strasse. Lutepää ist eine funktionale Exklave Estlands: die Zufahrtsstrasse führt auf beiden Seiten entweder durch den Saatse-Stiefel oder das Lutepää-Dreieck.

Nach dieser Ortsdurchfahrt kündigt sich der Saatse-Stiefel etwas martialischer an als das mickrige Dreieck: Auf einigen hundert Metern ist die Strasse auf beiden Seiten von Zäunen und Stacheldraht gesäumt. Dann plötzlich das gleiche Schilder-Ensemble wie zuvor, und sofort sind die Zäune auf beiden Strassenseiten verschwunden: wir sind in Russland, diesmal etwas länger. Das einzige, was man von Russland sieht, ist Wald – der zugegebenermassen exakt gleich aussieht wie in Estland. Keine Bären, keine Polizisten, Wodka nur in den Jackentaschen der Mitreisenden. Die Strasse ist von einem etwa 10 Meter breiten Sicherheitsstreifen gesäumt. Dieser ist von jeglicher Vegetation gesäubert und säuberlich gepflügt, so dass ein illegales Verlassen der Strasse sofort Spuren hinterlassen würde. Die Durchfahrt durch 890 Meter Russland dauerte (gemäss den Daten meiner Kamera) genau 53 Sekunden. Womit ich total knapp unter zwei Minuten in Russland war, denn ich musste später auf gleichem Weg zurück. Total fantastisch, so ein riesiges Land in so kurzer Zeit zu durchqueren. Die transsibirische Eisenbahn braucht da deutlich länger.

Auf der anderen Seite Russlands angelangt, erwartet einen eine zutiefst ländliche Gegend rund um das Kirchdorf Saatse, das in der lokalen setukesischen Sprache eigentlich Satserinna heisst. Saatse ist heute zusammen mit Värska eines der beiden Zentren des estnischen Setomaa, einem Grenzland schlechthin. Die Bevölkerung von Setomaa spricht Setukesisch: einen südestnischen Dialekt, der sich recht stark von der Schriftsprache unterscheidet und teils auch als eigene Sprache gilt. Anders als die protestantischen Esten sind die Setukesen russisch-orthodox, da ihr Gebiet erst nach dem 1. Weltkrieg zu Estland kam und zuvor vom russischen Pskow aus verwaltet worden war. Als nach dem 2. Weltkrieg Estland von der Sowjetunion besetzt wurde, zog man die Grenzen neu – mitten durch Setomaa. Seither gehört der grössere Teil, darunter der Hauptort Petseri, zu Russland und nur einige Randgebiete um Saatse und Värska zu Estland. Da es innerhalb der Sowjetunion keine Grenzkontrollen gab, spielte die neue Grenzziehung für die Setukesen vorerst keine grosse Rolle.

Dies änderte sich 1991, als sich erst Estland, dann auch Russland von der Sowjetunion lösten. Die Grenze, die Setomaa zerschneidet, wurde immer unüberwindbarer – mit Ausnahme des Saatse-Stiefels. Die Setukesen auf der russischen Seite sahen dort bald keine Perspektive mehr und wanderten mehr oder weniger geschlossen nach Estland aus. Da ihr Gebiet in der Zwischenkriegszeit zu Estland gehört hatte, hatten sie nämlich Anrecht auf den estnischen Pass. Sie siedelten sich aber nicht in Setomaa an, sondern in den grossen Städten.




Erst 2008 baute Estland eine Strasse nach Saatse, die den Stiefel umfährt – von Värska aus aber einen beträchtlichen Umweg darstellt. Lutepää bleibt weiterhin nur über russisches Territorium zugänglich. Angesichts der sich verschärfenden geopolitischen Spannungen plant Estland nun den Bau weiterer Strassen, die den Saatse-Stiefel und das Lutepää-Dreieck umfahren. Die russischen Propagandamedien machen sich derweil über die estnischen Sorgen lustig, mokieren sich über «Russophobie» und «imaginary thrills among Western tourists»…

Zum Abschluss schaute ich mir noch den richtigen Grenzübergang zu Russland an. Von Värska aus fahren Busse nicht nur nach nach Saatse, sondern auch nach Koidula. Einst ein abgelegener Posten, ist dies heute der wichtigste Grenzübergang zwischen Estland und Russland, da Narva/Iwangorod nicht mehr für Fahrzeuge befahrbar ist. Koidula ist die Minimaldefinition einer Ortschaft: neben dem Grenzübergang gibt es ein paar verlassene Holzhäuser, einen Bahnhof und ein Café. Es nennt sich «Piiriääre Kohvik» (Grenzcafé), besteht aus Containern und hat eindeutig den Charme einer russischen Trucker-Raststätte, inklusive russischen Beschriftungen. In diesem Café am Rande der EU gönnte ich mir einen Cappucino (natürlich aus dem Automat) und bestieg dann einen der beiden täglichen Züge zurück nach Tartu – gemeinsam mit einer Menge Grenzgängern, die gerade aus Russland gekommen waren.


An dieser Stelle mal grosses Danke für den spannenden Blog. Ich lese alle Beiträge immer gern. Bitte weiter machen! 🙂
Diese Kuriosität kannte ich nicht. Natürlich gleich auf der Karte geschaut uns festgestellt, dass es auf Apple Maps einfach komplett fehlt.
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Vielen Dank für die Rückmeldung, das freut mich sehr!
Habe gerade bei Apple Maps nachgeschaut. Krass, da wird Russland dieses Territorium einfach abgezwackt… Google Maps und Open Street Maps sind aber korrekt. Oder die beste Referenz: sowjetische Militärkarten. https://maps.vlasenko.net/smtm200/o-35-22.jpg
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