Reportage

Von Meer zu Meer, von Pub zu Pub

Ich habe einmal den allseits beliebten Blogbeitrag zur Frage geschrieben, ob es eine gute Idee ist, im November auf den Färöer-Inseln wandern zu gehen. Ist eine sehr gute Idee. Nach meinem letzten Wanderausflug sei darum die kluge Frage gestellt: ist es auch eine gute Idee, im Februar in England wandern zu gehen? Natürlich ist auch das eine gute Idee, vielleicht eine ein bisschen weniger gute als auf den Färöern, aber wer nicht allzu zart besaitet ist wird sicher viel Spass und vor allem gute Erlebnisse haben.

Ich bin im Februar von Bristol nach Bournemouth gelaufen, rund 170 Kilometer in 5 Tagen, quer durch die Grafschaften Somerset und Dorset, von Meer zu Meer und von Pub zu Pub. Ein berühmter Wanderweg wie der Jakobsweg ist das nicht, nicht mal ein eher unbekannter, sondern gar keiner. Einfach ein komplett zufällig gewählter Weg durch die englische Provinz. Von Meer zu Meer klingt schön, aber es war auch von Flughafen zu Flughafen – es gab gerade spontan billige Flüge dorthin. Auch eine solche Wegplanung kann ich nur empfehlen, denn auch eine solch zufällig gewählte Route bietet massenhaft Sehenswürdigkeiten und Erlebnisse. Man muss die Route nur finden.

Grösster Nachteil dabei ist der Boden. Auf den britischen Inseln regnet es im Winter viel und ausgiebig und darum ist der Untergrund entweder schlammig, sumpfig, matschig, durchweicht, verschissen oder alles davon. Wenn man 45 Kilometer Marsch vor sich hat, ist es nicht motivierend, schon nach deren 3 nasse Füsse und Socken zu haben, aber vermeidbar ist es halt nicht (ausser mit Life Hacks, dazu später).

Früh am dritten Morgen peilte ich in der Nähe von Wincanton einen Wanderweg an und passierte dazu eine abgelegene Farm. Der Bauer stand davor und beäugte mich kritisch. „Was suchst du?“, fragte er, und ich erklärte es. Tatsächlich, dieser Wanderweg existiere, aber er sei gerade „a bit shitty“, wegen seinen Kühen. Nun neigen Briten zu Understatement, und das war keine Ausnahme. Ich musste also zwei Gatter überqueren und dazwischen eine grössere kuhschiss-morastige Zone.

Das war aber noch gar nichts im Vergleich zum Wanderweg dahinter. Ein richtiges Wanderwegnetz wie bei uns gibt es in England nämlich nicht. Dafür eine Eigenheit der Insel: historische Wegerechte. Diese sind hunderte oder tausende Jahre alt, bis heute auf den Landkarten der ‚Ordnance Survey‘ eingezeichnet und können von gut ausgebauten Wegen bis schlicht inexistent alles sein. Denn die Landkarten-Signatur besagt nur, dass man dort durchgehen darf, aber nicht, ob man es auch kann. An dieser Stelle hinter der abgelegenen Farm bestand das Wegerecht darin, dass man über 4 Kilometer eine Serie von heckenumfriedeten Wiesen durchqueren durfte, nicht etwa am Rand oder auf Feldwegen, sondern wirklich quer mittendurch. Das Gras war nass, nicht geschnitten, der Boden morastig und teils ebenso verschissen wie beim Bauernhof, die Hecken bestanden aus Brombeeren (also hauptsächlich aus Dornen).

Schwierig war auch die Orientierung: Immer wenn ich auf eine neue Wiese trat, musste ich den Punkt in der gegenüberliegenden Hecke identifizieren, wo ich sie wieder verlassen konnte. Mehr schlecht als recht war dort jeweils ein Loch ins Dornengebüsch geschnitten (britische Bauern sind den Wanderern ähnlich gewogen wie manche schweizerische), meist blieb ich dennoch hängen. Teils gab es als spezielle Attraktion Bachläufe auf morschen, bemoosten Holzbrücken zu überqueren. Vor und nach den Heckenübergängen war der Morast jeweils besonders tief. Trockene Schuhe und Socken? Völlig unrealistisch. Es gab viel zu fluchen auf diesen 4 Kilometern.

Aber umso mehr Vorfreude auch aufs Pub. Die Landpubs sind das grosse Highlight beim Wandern in England. Fast jedes Dorf hat eines, und die meisten sind älter als die USA, unschlagbar gemütlich eingerichtet und schlicht der perfekte Rastplatz. Denn neben leckerem Cask Ale (schwaches, kohlesäurearmes, eher warmes und bitteres Bier, das man mit viel Krafteinsatz ins Pint pumpt) gibt es dort auch Toiletten und die Möglichkeit, Wasserflaschen aufzufüllen. Und häufig auch grossartiges Essen. Ich bin quer durch Frankreich gelaufen und jetzt auch durch England und stelle fest, dass wenn man in völlig zufälligen Landgaststätten entlang des Weges einkehrt, das Essen in England im Schnitt besser ist. Natürlich ist nicht immer sensationell, aber sehr häufig hat es doch Gastropub-Qualität.

So auch an jenem dritten Wandertag, als ich nach meinem Kampf durch die Sumpfwiesen mit schmatzenden Schuhen die „Crown“ in Marnhull erreichte, ein aus lauter dunkel getäferten Essnischen bestehendes, höhlenartiges Lokal, und dort ein Buffet zum Sunday Roast vorfand. Die perfekte Energie-Tankstelle, die ich auch bitter nötig hatte.

Überhaupt die Gegend um Marnhull. Das ist das Grenzland der Grafschaften Dorset und Somerset, die Mitte zwischen den Meeren, die Hälfte meines Weges. Die Dörfer dort sind abgelegen und klein. Fifehead Magdalen etwa hat mir gefallen, mit nur 80 Einwohnern, einem Pfadiheim als Gemeindehaus, das einige Schild entlang der Strasse verkündete „FREE PONY POO“. Die Häuser in dieser Gegend sind uralt und haben Reetdächer, aus getrocknetem Schilfrohr. Man wäre wenig überrascht, wenn einem plötzlich ein Hobbit den Weg kreuzen würde.

Ich kam auch durch Städte. Sogar durch „England’s smallest city“, Wells. Passenderweise am Samstagmittag, als im Zentrum der Markt voll im Gange war, mit Delikatessen und Kunsthandwerk. Wells hat auch eine der berühmtesten gotischen Kathedralen der Welt und einen Bischofspalast, wie auf einer Kinderzeichnung mit vielen Türmen und von einem Wassergraben umgeben. Direkt dahinter ist man wieder mitten auf dem Land (es ist wirklich eine kleine Stadt) und es geht weiter mit den Wanderwegen.

Von denen gibt es drei Kategorien. Der oben beschriebene Kampf durch die Feldern fand auf einem „public footpath“ statt. Leider weiss man anhand der Landkarten-Signatur nie, ob es einfach eine Wiese ist oder doch ein sichtbar ausgetretener Pfad, wie jener hinter Wells. Diese haben aber meistens den Nachteil, dass sie im Gegensatz zum Alpenraum nicht mit Kies befestigt sind und sich deshalb im Winter ebenfalls in Schlammbäder verwandeln. Ich habe viele Einheimische auf diesen Pfaden angetroffen, fast alle Hündeler. Sinnvollerweise trugen sie Gummistiefel – offenbar das wichtigste Wander-Equipment hier. Neben den „public footpaths“ gibt es auch „bridleways“, die man mit Velos befahren darf und darum auch besser ausgebaut sind, und „byways“, die noch breiter sind. Leider sind diese bequemeren Wegtypen auch viel seltener.

Um meine Füsse vor der kompletten Zerstörung zu bewahren (und auch weil die Wegerechte kein zusammenhängendes Netz haben) war ich dann auch häufig auf Landstrassen unterwegs. Meistens sind das von Hecken bestandene, ruhige Strässchen, manchmal sogar mit Aussicht auf die schöne Moorlandschaft. Gelegentlich lässt sich aber nicht vermeiden, auf einer Hauptverkehrsachse zu wandeln. Das ist brutal. So sehr die manikürierte, kleinräumige englische Landschaft sonst eine Augenweide ist, hier ist es ein Nachteil. Denn die Fahrbahnen sind denkbar eng, meistens exakt die Breite eines Lastwagens. Und so sympathisch die Briten sonst sind, hinter dem Steuer sind sie es nicht. Eher riskieren sie ein Menschenleben, als den Fuss kurz vom Gaspedal zu heben. Bei Autos reicht der Ausweichraum knapp (ich habe mir dennoch die Hände an den Dornen geschnitten), bei Lastwagen hilft nur ein Sprung auf die Böschung.

Ich hatte mir gleich drei Etappen hintereinander mit jeweils mehr als 40 Kilometern vorgenommen, was in unbekanntem Terrain (das dann mehr Kraft brauchte als erwartet) vielleicht etwas optimistisch ist. Aber durchaus machbar, und das schönste daran: man kann sich am Abend ausgiebig auf die Ankunft im Pub freuen. Nicht nur auf das Ale und das feine Essen, sondern auch darauf, dass ein gemütliches und gut geheiztes Zimmer wartet. Die meisten Pubs bieten preiswerte Zimmer (50-80 £) an und so muss man nach dem Essen nur noch den Weg in den oberen Stock bewältigen.

Ans andere Meer – nämlich den Ärmelkanal bei Poole und Bournemouth – habe ich es letztlich auch geschafft. Die Küsten-Ferienorte sind in der kalten Jahreszeit ein bisschen deprimierend. Dafür waren die letzten Kilometer auf der Uferpromenade entlang des Meeres eine Wohltat – kein Sumpf, Orientierung kein Problem, im Rücken die untergehende Sonne. Traurig nur, dass die Wanderung schon zuende war.

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