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Färöer im November – eine gute Idee?

Um es vorweg zu nehmen: Definitiv eine gute Idee, wenn man garstiges Wetter gut aushält. Denn von der Landschaft her kann kein anderes Land Europas den Färöern das Wasser reichen. Und wenn im November die Insta-Horden weg sind, hat man die Inseln fast für sich.

Status

Sind die Färöer überhaupt ein Land? Im Fussball schon (wie die Österreicher am besten wissen), in der UNO nicht. Wenn man die Färinger (so nennt man sie scheinbar) fragt, sind sie definitiv ein Land. Und diesen Eindruck bekommt man auch vor Ort. Färöer ist eine «gleichberechtigte Nation» innerhalb des Königreichs Dänemark. Diese Autonomie geht so weit, dass die Inseln im Gegensatz zu Dänemark nicht zur EU gehören. Die Färöer haben eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament und eine eigene Flagge, die überall weht (und der Danebrog absolut nirgends). Die vollständige Unabhängigkeit steht aber nicht auf der Agenda, auch wenn viele Färinger sie begrüssen würden. Ein für 2018 angesetztes Verfassungsreferendum, das ein erster Schritt in diese Richtung gewesen wäre, wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Färöer enthält aus Dänemark nach wie vor Subventionen, die 3% des Bruttosozialprodukts ausmachen. Für eine allfällige Unabhängigkeit müsste sich Färöer auf den Ausfall dieser Zahlungen vorbereiten – und so weit sind sie offenbar noch nicht.

«Overtourism»

In den letzten Jahren haben Touristen die Färöer-Inseln überrannt. Abgelegene Orte wie Saksun oder der Leuchtturm Kallur wurden zu Hotspots für Influencer auf der Suche nach dem perfekten Insta-Bild. Natürlich sind die absoluten Gästezahlen im internationalen Vergleich nicht gerade hoch. Aber Färöer hat nur 50.000 Einwohner – wenn da nur schon ein Kreuzfahrtschiff mit 5.000 Personen Landgang hat und alle ins gleiche Dorf (nämlich Saksun) wollen, steht man sich auf den Füssen rum.

Vielen Färingern geht das mittlerweile auf den Geist. In vielen kleinen Dörfern erinnern Hinweisschilder die Touristen daran, den Respekt zu bewahren und beispielsweise nicht in den Gärten herumzutrampeln. Dies ist die nettere Form der Reaktion von Einheimischen. Vor allem im Saksun mit nur 8 permanenten Einwohnern soll es schon oft zu Gehässigkeiten gekommen sein. Und für immer mehr Wanderungen auf Privatgelände müssen Touristen recht hohe Geldbeträge zahlen. So wollen die Färinger, die gegen den Andrang wenig ausrichten können, wenigstens davon profitieren. Man kann es ihnen nicht verübeln.

Sprache

Färöisch ist gleich wie das Deutsche eine germanische Sprache und entsprechend hatte ich Mühe, mich damit abzufinden, dass ich sie nicht verstehe. Denn in geschriebener Form sieht sie toll aus, voller -ur-Endungen und Buchstaben wie ð und ø, die darauf hindeuten, dass sie noch recht nahe der ursprünglichen Wikinger-Sprache ist. Dies ist tatsächlich so, die nächsten Verwandten sind das Isländische und westnorwegische Dialekte aus der Gegend von Bergen, von wo aus die Färinger vor etwa 1000 Jahren ausgewandert waren. Zwischendurch war das Färöische aber mal fast ausgestorben, und auf die Aussprache wirkte sich das Dänische der Kolonialzeit offenbar übermässig aus – zumindest hört es sich so an. Das tolle ð wird nicht mal ausgesprochen und soll ein Schreck für färöische Schulkinder sein. Für mich war ein Schreck, dass allein die Ausspracheregeln im Kauderwelsch elf Seiten einnahmen, so dass ich gar nicht weitergelesen habe. Jedenfalls kann sowieso jeder fliessend Englisch und offenbar auch Dänisch. Letzteres ist aber primär im Fernsehen präsent, ansonsten ist es aus der Öffentlichkeit fast vollständig verschwunden.

Wandern

Die Färöer sind ein Wanderland – aber ein ganz anderes als die Schweiz. Es gibt kein durchgehendes Wanderwegnetz, auf dem man sich tagelang herumtreiben kann. Stattdessen gibt es zahlreiche kleinere Wanderungen, meist zwischen 5 und 10 Kilometern. Die meisten von ihnen sind in der Broschüre des Touristenbüros (online gratis zugänglich) verzeichnet. Und sie lohnen sich – fast jede Stelle in der baumlosen Landschaft bietet traumhafte Panoramablicke auf Berge, Meer und Inseln.

Meist reicht eine relativ kurze Wanderung gut als Tagesprogramm: Viele Wege bestehen aus nicht viel mehr als ein paar Steinmännchen, die den Weg weisen – schön gepfadete Wege wie in den Alpen gibt es längst nicht überall. Bäche muss man springend überqueren, Brücken fehlen meist. Die Landschaft ist oft sumpfig und man bekommt schnell nasse Schuhe. Entsprechend sind fünf Kilometer auf färöischen Wanderwegen deutlich strenger als in der Schweiz. Ein Nachteil ist, dass es fast keine Rundwanderwege gibt. Wenn man mit dem Mietauto unterwegs ist, muss man also die gleiche Strecke zurücklaufen. ÖV-Anschluss haben nur wenige Wanderwege.

Für manche, besonders beliebte Wanderwege muss man ein Eintrittsgeld bezahlen: 200 DKK zum Trælanípa, 75 DKK für den schwarzen Sand in Saksun. Mit der Instandhaltung der Wanderwege lassen sich solche Gebühren kaum begründen – wohl aber als Entschädigung für die Einheimischen, die offenbar grössere Touristenmassen ertragen müssen (siehe «Overtourism»). Im November musste man am Trælanípa keinen Eintritt zahlen: Das Kassenhäuschen war geschlossen. In Saksun hingegen trifft man auf eine Barrikade aus massivem Stahl, deren Drehkreuz man nur passieren kann, wenn man die Drehkarte ans Zahlterminal hält. Ein bisschen wie am Skilift also, nur dass es statt weissem Pulverschnee schwarzen Sand gibt.

Essen

Die Hauptstadt Tórshavn hat nur 20.000 Einwohner, ist aber ein kleines kulinarisches Paradies. In vier benachbarten, alten Holzhäusern in der Altstadt haben sich Fine Dining-Restaurants niedergelassen, die einen Mix aus färöischen Zutaten und moderner Kochkunst anbieten. Die Áarstova etwa ist bekannt für das geschmorte Lammbein, Katrina Christiansen für eine Art färöische Tapas. Das Aushängeschild ist das Roks, dessen (mittlerweile geschlossenes) Vorgängerlokal Koks sogar Michelin-Sterne hatte. Hier gab es allerlei einheimisches Meeresgetier, das meine Probierfreudigkeit etwas an ihre Grenzen brachte – immerhin war die rohe Languste in einer sehr scharfen Adjika-Sauce getränkt. Ich hatte den Eindruck, dass sich dieses Angebot vorwiegend an die Touristen richtet. Die Färinger selbst, erzählte mir eine Tórshavnerin, essen auswärts viel lieber Steak, Hamburger oder Pizza (letztere sah jeweils grenzwertig aus, ich wagte mich nicht, sie zu probieren). Schaf und Fisch gebe es ja schon zuhause, wo die meisten Leute am liebsten essen. Tatsächlich gibt es ausserhalb der Hauptstadt nur sehr wenige Restaurants. In den meisten Orten beschränkt sich das kulinarische Angebot auf Hot Dogs und Burger von der Tankstelle. Immerhin entdeckten wir am letzten Reisetag einen ausgezeichneten Landgasthof mit der weltbesten Fischsuppe: Fiskastykkið in Sandavágur.

Trinken

Die Alkoholpreise in Färöer sind 50 bis 100 % teurer als in der Schweiz. Dies hält niemand vom Trinken ab, im Gegenteil: es macht das teure Gut umso reizvoller. So kam es mir jedenfalls vor, als direkt nach der Landung am Flughafen Vágar sämtliche Passagiere den Duty-Free-Laden stürmten und sich mit der Maximalmenge Bier und Schnaps eindeckten. Dem konnte ich mich auch nicht entziehen, denn es gab 6er-Packungen mit allen Biersorten der lokalen Brauerei Föroya Bjór aus Klaksvík. Im Duty Free kostete ein Bier etwa 1 Fr./€, was für Flughafen-Verhältnisse wirklich ziemlich billig ist. Jedenfalls hat Färöer ausgezeichnetes Bier, neben der «Grossbrauerei» in Klaksvík gibt es in der Umgebung von Tórshavn 2-3 Craft-Brauereien. Wein ist natürlich Fehlanzeige, dafür ist in letzter Zeit die Gin-Produktion zum Trend geworden. Für einmal bereute ich ein wenig, nur mit Handgepäck zu reisen, denn ich hätte gern eine Flasche nach Hause genommen.

Strassen/Tunnels

Für ein Land mit nur 50.000 Einwohnern gibt es in Färöer erstaunlich viele lange Tunnels und Brücken, die Milliarden verschlungen haben müssen. Die Brücke zwischen den beiden Hauptinseln Streymoy und Eysturoy wird scherzhaft «einzige Brücke über den Nordatlantik» genannt. Weitere Inseln sind mit unterseeischen Tunneln mit der Hauptstadt verbunden – nur nach Sandoy und Suðuroy braucht man eine Fähre, wobei ab 2023 auch Sandoy per Tunnel erreichbar wird. Im 2020 eröffneten Eysturoyrartunnilin befindet sich der weltweit erste Untersee-Kreisverkehr, da er die Hauptstadt Tórshavn mit beiden Seiten des Skálafjørður verbindet. Auch die abgelegenen Inseln im Nordosten haben eine beeindruckende Tunneldichte. Kalsoy mit seinen 76 Einwohnern etwa besitzt entlang der einzigen Strasse vier längere Tunnels – darum nennt man die Insel auch «Blockflöte». Hier sind die Tunnels einspurig und unbeleuchtet, was im ersten Moment leicht gewöhnungsbedürftig ist. Offenbar finanzieren die Färöer all diese Kunstbauten über die Tunnelgebühren der Untersee-Tunnels, die mit 75 bis 110 DKK (10-15 Fr./€) pro Durchfahrt schon recht happig sind.

Wetter und Tageslicht

Färöer ist dermassen windig, dass die Wasserfälle manchmal aufwärts fliessen und der Weltfussballverband FIFA eine Sonderregel erlassen hat, dass bei starken Böen ein Mitspieler beim Penalty neben den Ball knien und ihn festhalten kann, bis der Schütze geschossen hat. Tage ohne Regen sind ausserordentlich selten, und die Temperaturen sogar im Sommer nicht besonders warm. Wie ist es also im November? Wie sich herausstellte: Ziemlich gleich wie im Sommer, einfach im Durchschnitt wohl etwa fünf Grad kühler. Jedenfalls waren nicht die Temperaturen unangenehm, sondern gelegentlich die Mischung zwischen Regen und Böen. Das Tageslicht dauerte von neun Uhr bis kurz vor fünf – auch das gut aushaltbar. Im Winter wird es dann dunkler. Dafür sind dann die Temperaturen meist höher als in der Schweiz, Schnee ist eher selten – Golfstrom sei Dank.

qrf

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