Reportage

Die letzten Industrieruinen von Bitterfeld

Bitterfeld ist ein Synonym für den industriellen Niedergang Ostdeutschlands. Doch die Stadt bietet viele Überraschungen - und immer noch ein paar schöne Industrieruinen.

Ich bin in Bitterfeld an einem Samstagmorgen angekommen und mein erster Eindruck war: trostlos. Der Niedergang einer Industriestadt, die heute nur noch Sozialfälle beherbergt. Am zentralen Platz der Altstadt, dem «Markt», gibt es eine «MäcGeiz»-Filiale. Das allein spricht Bände. Ein Haus an der besten Lage der Stadt steht sogar leer und bröckelt vor sich hin. Supermärkte wie Edeka oder Rewe sucht man hier vergebens, dafür gibt’s Aldi und real,- – das entsprach ziemlich meinen Erwartungen.

Eingang zum verlassenen Haus am zentralen Platz von Bitterfeld
Relikt des Sozialismus ebenfalls am „Markt“: Einblick in die Ideale der Vergangenheit.

Aber Bitterfeld hat auch eine bekömmlichere Seite. Der See wertet die Stadt ungemein auf – mit Strandbar, Openair, verschiedenen Restaurants und Ausflugszielen. Wahrzeichen ist der 28 Meter hohe «Pegelturm» am Goitzschesee, eine frei stehende Wendeltreppe aus Stahl.

Ich bin natürlich nicht für den schönen Goitzsche-See nach Bitterfeld gekommen, sondern wegen der Industrieruinen. Dreissig Jahre nach der Wende ist es dafür schon fast etwas zu spät. Bitterfeld-Wolfen war einst Zentrum der Chemieindustrie der DDR, aber die meisten Bauwerke aus dieser Zeit sind mittlerweile «zurückgebaut», also leider zerstört und nicht umgenutzt.

Der «Chemiepark Bitterfeld-Wolfen» macht darum trotz seines vielversprechenden Namens keinen herunterkommenen Eindruck. Viele Flächen stehen leer, dazwischen stehen mehrheitlich moderne Fabrikgebäude. Mitten im Industriegebiet steht der Kulturpalast und wirkt sozialistisch wie eh und je. Einfach leer, der Sozialismus ist ja vorbei. Und es gibt lustige Strassennamen wie «Östliche Stickstoffstraße».

Der Kulturpalast, mitten im Industriegebiet von Bitterfeld.
Eines der wenigen verbliebenen historischen Gebäude im Industriegebiet von Bitterfeld.

Es gibt aber auch 2020 noch ein paar industrielle Sehenswürdigkeiten. Das Tolle daran: Sie sind zwar abgesperrt, aber an den entscheidenden Stellen gibt es immer Lücken im Zaun. So kann man diese magischen Orte mühelos erkunden, ohne das prickelnde Gefühl missen zu müssen, etwas Verbotenes zu tun.

Zuerst besuchte ich die imposante Ruine des Rohrwerks Bitterfeld. Just nachdem ich den Zaun durchquert hatte, ging auf einem benachbarten Firmengelände eine Alarmanlage los. Aber sie galt nicht mir. Ich konnte mich in Ruhe und mit passenden Hintergrundgeräuschen umsehen. Eine herrliche Stätte.

Rohrwerk Bitterfeld

In der Nachbarstadt Wolfen gibt es ebenfalls eine postindustrielle Landschaft, mit schönen alten Fabriksgebäuden, einem Wasserturm und vielen Bachen. Darin eingebettet befindet sich das Industrie- und Filmmuseum (interessante Kombination), das leider bis mindestens 2021 wegen Bauarbeiten geschlossen ist. Für ein authentisches kulinarisches Erlebnis legte ich dann einen Stopp in der nahe gelegenen McDonalds-Filiale an der «Verbindungsstraße» ein.

Hier sind die meisten Sehenswürdigkeiten schon verschwunden: Industrielles Brachland in Wolfen.
Zufällig entdeckt in Jeßnitz: Das alte Haus von Rocky Docky.

Wirklich toll war mein zweites Rohrwerk des Tages in der Nähe des Dorfs Muldenstein. Auch hier findet man nur noch unvollständige Ruinen vor. Der Ort diente einst als Partylocation – das muss einige Zeit her sein, doch einige Scheinwerfer an den Decken der hohen Sääle zeugen auch heute noch davon.

Ruine des VEB Rohrwerk Muldenstein.
Die Party ist vorbei – wird Zeit, dass ein Hipsterschuppen draus wird!

Heute spielt sich die Party am Ufer des Goitzsche-Sees ab. Während meines Besuchs fand gerade ein Openair-Konzert mit deutschen Metal- und Rockbands statt – wohl das erste seit Beginn der Corona-Pandemie, das Publikum war ordentlich in sehr kleine Sektoren mit Abschrankungen eingeteilt, so dass sich niemand zu nahe kam. Ich bevorzugte die gemütlichere Strandbar BAARI gleich nebenan. Wirklich eine schöne Ecke – meilenweit entfernt von der trostlosen Stimmung der Altstadt!

Ferienstimmung in der Strandbar „BAARI“ am Goitzsche-See in Bitterfeld

3 Kommentare

  1. Vielen Dank dafür, Daniel! Ich hatte schon vor einiger Zeit vermutet, dass die Region eine Goldgrube für Urban Exploring ist – ich werde dank dir nun demnächst ein Wochenende dort verbringen.

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      1. In Halle war ich vor kurzem tatsächlich das erste Mal, allerdings nur zwei Tage. Das kann ich wiederum empfehlen – Brutalismus (in Halle-Neustadt) vom Feinsten und auch an fotogenen Industrieruinen mangelt es nicht.

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