Allgemein

„Dark Tourism“ in der Schweiz: Die Ruine des Sanatorio del Gottardo

Wie aus einem Horrorfilm: Kaum ein Gebäude in der Schweiz ist so gruslig wie das Sanatorium in der Leventina. Seit 60 Jahren verfällt die Anlage - mittlerweile gilt das Betreten als gefährlich.
Ich besuchte das Sanatorium an einem verregneten Tag im Frühling 2021. Von der Strada Alta gelangte ich über rutschige Pfade zum Hintereingang des riesigen Kastens, vorbei an einem fast gänzlich verroteten Pavillon und über umgestürzte Bäume. Zu meiner Überraschung fand ich den Rasen vor dem Sanatorium gemäht vor, jemand züchtet dort Bienen. Es war die einzige Spur von Leben, die ich im Sanatorio del Gottardo antraf.
Die Sanatoriums-Ruine ist auch ein Street Art-Museum. Jahrzehnte des Verfalls haben Abenteurer und Künstler aus der ganzen Schweiz angezogen – und nicht wenige haben Spuren hinterlassen. Manche schöner, manche schäbiger.
Der einst prunkvolle Haupteingang des Sanatoriums. 1905 eröffnet, ging es 1920 in den Besitz des Kantons Tessin über. Es diente der Kur von Tuberkulose-Kranken. Noch heute lässt sich erahnen, was für ein schöner Ort das einmal gewesen sein muss – mit herrlicher Aussicht über die obere Leventina. 1962 schloss das Sanatorium für immer seine Tore. Der Grund: Es gab nicht mehr genügend Tuberkulose-Kranke. Der Schweiz war es gelungen, die einst endemische Krankheit im Wesentlichen auszurotten – im Corona-Jahr 2021 ein eigenartiger Gedanke. Seit mittlerweile 60 Jahren steht das Gebäude leer und verfällt. Ich weiss von keinem anderen Gebäude in der Schweiz, das so lange leer steht.
Auch der Speisesaal lässt die einstige Pracht erahnen. Das Innere des Gebäudes ist über die Terrasse zugänglich. Aber Achtung: Im Mai 2021 beschloss die Gemeinde Quinto, auf deren Territorium das Sanatorium liegt, dass das Betreten fortan „strengstens verboten“ ist. Dem Vernehmen nach taucht nun immer wieder die Polizei auf, um sicherzustellen, dass sich keine Abenteurer mehr hierhin vorwagen. Davon wusste ich zum Zeitpunkt meines Besuchs noch nichts – abgesperrt war das Gelände aber bereits damals. Allerdings beim Zugang von der Strasse her und nicht beim Hintereingang, den ich (ohne böse Absicht) genutzt hatte.
Das Verbot ist schon nachvollziehbar: Das Gebäude ist in einem desolaten Zustand und es ist nicht ganz ungefährlich, das Innere zu durchstreifen. An manchen Stellen waren Deckenelemente heruntergefallen. Und die Treppenhäuser sahen wirklich nicht vertrauenserweckend aus. Ich wollte ihre Statik nicht herausfordern und verliess darum das Parterre nicht.
An manchen Stellen bröckeln sogar die Wände, und gebrannt hat es auch schon an vielen Stellen. Irgendwie dennoch spannend, dass das Gebäude im Wesentlichen immer noch steht, trotz 60 Jahre Vernachlässigung. Die noch viel jüngeren Ruinen in Prypjat bei Tschernobyl sehen nicht wesentlich besser aus.
Ich bin eigentlich nicht ängstlich oder schreckhaft, aber dieses Pferdchen hat mich bei den Streifzügen durch das Gebäude mehrfach erschreckt – insbesondere, als es noch etwas weiter hinten im Schatten stand. Ich habe es dann ins Licht gerollt. Auch an anderen Stellen sah ich solche Horrorfilm-Utensilien, die wohl Grusel-Fans hierher gebracht haben. Als wäre das Gebäude nicht ohnehin genügend unheimlich (dazu trug bei meinem Besuch auch der strömende Regen bei, der für eigenartige Geräusche und düsteres Licht sorgte). Tatsächlich ranken sich einige Legenden um die Ruine: Im Keller des Sanatoriums soll sich ein Berg Leichen befinden. Ein Luzerner behauptete, nach seinem Besuch im Sanatorium sei sein Auto plötzlich um 90° gedreht parkiert gewesen, obwohl er allein dort war. Und auch mit den Meschenversuchen des Dr. Mabuse wird das Gebäude in Verbindung gebracht… Ich hingegen konnte nichts Paranormales feststellen.
Auch eines der Nebengebäude ist zugänglich – absurderweise steckt hier ein umfangreicher Baumstrunk in einem der Fenster fest. Offenbar hat sich hier jemand in jüngerer Vergangenheit darum bemüht, das Gebäude wieder in einen besseren Zustand zu bringen, und hat dann nach einem anfänglichen Effort wieder aufgegeben. Eigentlich hat der Kanton Tessin das ganze Areal 2016 an eine kasachische Investorengruppe verkauft. Sie wollte daraus ein Ausbildungszentrum für Wintersport machen. Sogar eine Baubewilligung der Gemeinde Quinto liegt vor. Doch angepackt haben die Kasachen noch nicht. Dafür haben sie dem lokalen HC Ambrì-Piotta ein neues Eisstadion gebaut.
Es ist mir schon ein Rätsel, wie der Baumstamm dorthin gelangt ist und warum er steckengeblieben ist…
Ich bin ja kein grosser Fan von Selfies, aber bei diesem Spiegel konnte ich mich ausnahmsweise mal nicht zurückhalten. Im Hintergrund, warum auch immer, ein Strassenschild, das auf das nahe gelegene Skigebiet Carì hinweist. Den Rest des Tages kämpfte ich mich dann entlang der äusserst rutschigen Strada Alta bis nach Osco – und am nächsten Tag schien endlich die Sonne. Das Sanatorium wäre einen Besuch wert – aber aus Sicherheitsgründen und weil es verboten ist, ist es nicht zu empfehlen.

Mehr „Dark Tourism“ in diesem Blog:
🇨🇭 Das verlassene Bad Lostorf
🇪🇸 Die Minen von Mazarrón
🇩🇪 Die letzten Industrieruinen von Bitterfeld
🇨🇿 Dark Tourism in Brno
🇳🇷 Sightseeing in Nauru
🇨🇳 Die Asbestmine auf der Grenze von Xinjiang und Qinghai

5 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: