Verlassen | Decay

„Dark tourism“ in der Schweiz: Das verlassene Bad Lostorf

Verlassene, zerfallene Orte haben Seltenheitswert in der Schweiz. Bevor ein Gebäude zerfällt, wird es abgerissen und wahlweise durch einen Parkplatz oder Einfamilienhäuser ersetzt. Die Schweiz ist kein guter Ort, wenn man "lost places" sucht.

Aber Bad Lostorf ist – nomen est omen – ein ‚lost place‘. Ich fühlte mich an meine Entdeckungen in heruntergekommenen Industriegebieten Osteuropas erinnert, als ich durch das Gelände strich und einen Hauch von Abenteuer genoss, der mir sonst bei Reisen in der Schweiz so fehlt. Bad Lostorf war die ideale Ersatzdroge bei pandemiebedingtem Reiseentzug!

Lostorf ist ein historischer Badeort. Das aktuelle Gebäude entstand aber erst in den 1970er Jahren – die brutale Betonarchitektur ist unverkennbar. Als das neue Bad 1974 eingeweiht wurde, berichtete das Schweizer Fernsehen darüber. „Auf gefällige und zweckmässige Gestaltung wurde (…) Wert gelegt“, hiess es damals. Und: „Bad Lostorf – schon im Mittelalter bekannt – ist ein modernes Kur- und Heilbad geworden.“
Das damals topmoderne Heilbad ist heute verlassen, überall setzen Schimmel und Algen an. Welche Geschichte steckt wohl hinter dem kleinen Tisch und einzelnen Stuhl, der im Schwimmbecken steht? Jemand muss ganz allein an diesem Ort Wein aus der Flasche getrunken, dazu geraucht und die Zeitung gelesen haben. Die Schlagzeile der aufgeschlagenen Zeitungsseite: „Mein grosser Penis tut ihr weh“. Die Orchidee, die diese Person mitgebracht hat, blüht immer noch…
1974 eröffnet, ging der Kurbetrieb bereits 1988 pleite. Doch Bad Lostorf hatte die Lizenz zum Scheitern, bis 2002 wurde der Betrieb mit Finanzspritzen der öffentlichen Hand weitergeführt. Seither ist das Bad geschlossen, jeder Wiederbelebungsversuch gescheitert.
Die einstigen Hotelzimmer sind mittlerweile in Eigentumswohnungen umgewandelt, manche davon sogar bewohnt. Die Wohnungseigentümer sind der Hauptgrund, warum alle Projekte zur Wiederaufnahme des Bade- und Kurbetriebs gescheitert sind: Als 2012 ein entsprechendes Vorhaben spruchreif wurde, legten 20 von ihnen dagegen Einsprachen ein. Niemand fand damals heraus, warum ihre Opposition so gross war. Doch gelang es ihnen, das Projekt zum scheitern zu bringen, und so verbleibt ihr Wohnort weiterhin in gespenstischer Stille.
Zu meiner Überraschung funktionierte die elektronische Schiebetür und man gelangt ohne Weiteres ins Gebäudeinnere. Chaos und Zerfall herrschen auch hier. Eine Tür führt in den ehemaligen Restaurationsbereich. Ein ausgedruckter A4-Zettel weist darauf hin, dass der Trakt nun dem „Diensthunde-Training“ dient.
Ein tschernobylesker Charme lässt sich dem Gelände nicht absprechen.
Referenz auf eines der begehrtesten Güter unserer Zeit.
Aus der „Badekapelle“ wurde vor Jahrzehnten eine Madonnenfigur gestohlen. Seither heisst es in Lostorf, dass ein Fluch auf dem Bad lastet. Die Figur ist mittlerweile wieder aufgetaucht, weilt aber im Kunsthistorischen Museum in Basel. Solange sie nicht in die Badekapelle zurückkehre, könne der Badebetrieb nicht wiederaufgenommen werden, so die lokale Gerüchteküche.
Leider sind die meisten Räumlichkeiten nicht zugänglich, man kann sie nur durch die Fenster fotografieren. Das Gelände hätte sicher noch viel mehr Fotomöglichkeiten zu bieten.

2 Kommentare

  1. Ich bin heute auf meiner Wanderung Zufällig auf das Bad gestossen. Es herrsch wirklich eine gespenstische Atmosphäre wie man sie in der Schweiz kaum wo findet. Da ich mit meinen beiden Hunden da war unterliess ich eine genauere Besichtigung. Werde aber bestimmt im Herbst wieder kommen und mich von er einzigartigen Stimmung berieseln lassen.

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